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Mystik und Widerstand - Dorothee Sölle

07.04.2013

Eine sehenswerte Dokumentation über Dorothee Sölle, das aktuellste Projekt des engagierten Berliner Filmemachers Rüdiger Sünner.
Michael Mentzel

Mystik und Widerstand? Geht das überhaupt zusammen? Hält man nicht "die andere Wange" auch noch hin, wenn es mal kracht, brennt oder knallt? Umgibt die Mystiker nicht die Aura der Unbesiegbarkeit, die das Heute, wie immer es sich auch ausgestalten mag, mit dem tiefen Wunsch und dem Willen begleitet, Gegensätze als Harmonie erscheinen zu lassen, die Kakophonie des Alltäglichen als einen Sphärengesang versteht und damit die Welt, den Himmel und die Erde miteinander vereinigt? Eins ist Alles, alles ist Eins?

Der Berliner Filmemacher Rüdiger Sünner hat sich in seinem neuesten Film mit der 1929 in Köln geborenen Dorothee Sölle beschäftigt, einer Theologin, die dem Streit um Wahrheit und Gerechtigkeit, um die Würde des Einzelnen und seine Selbstbestimmung nicht aus dem Wege gegangen ist, sondern immer wieder - mit ihrer ganzen Person - für eine gerechtere, eine bessere Welt eingetreten ist. Der in den 1980er Jahren im Rahmen der westlichen Verteidigungsstrategie geprägte militärische Begriff vom "Fenster der Verwundbarkeit" bedeutete für Dorothee Sölle nicht, waffenstarrend hinter diesem Fenster auf den Feind zu lauern, sondern dieses "Fenster" als ein Fenster zum Himmel zu begreifen und es weit zu öffnen. "Dass das Fenster der Verwundbarkeit offen bleiben muss, wenn wir Menschen bleiben oder es werden wollen, scheint unbekannt zu sein. Das Fenster der Verwundbarkeit ist ein Fenster zum Himmel. (…) Tranzendenz ist deswegen gefährlich, weil sie verwundbar macht. Darum muss der Staat, der die Unverwundbarkeit als Sicherheit zum Idol erhebt, alle wahre Transzendenz zu verhindern suchen."

In gewohnt ruhiger Weise und mit einfühlsamen Bildern zeichnet Sünner in diesem Film die Lebenswege einer außergewöhnlichen Frau nach, die in behüteten Verhältnissen aufwächst und sich schon früh die Frage stellt: "Wer bin ich denn eigentlich?". Als sie - noch ein Kind - in der Straßenbahn einem gleichaltrigen jungen Mädchen begegnet, die die Bahn verlässt, als Polizisten einsteigen, sieht sie den Judenstern, möchte dem Mädchen nachlaufen, schafft es aber nicht: "Bei dieser Gelegenheit lernte ich ein Stück meiner eigenen Feigheit kennen!" Tief beeindruckt ist sie ein paar Jahre später von den Tagebüchern der Anne Frank. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden sie Zeit ihres Lebens nicht mehr loslassen: "Anne denkt, fühlt atmet und hofft gegen den Alltag und die Angst. (….) Jeder Satz, den dieses Mädchen schreibt, ist den Mördern gestohlen, dem Leben zurückgegeben."

Nach Auschwitz fragt sie nach dem Gott, der so etwas zulässt. Sie will Theologie studieren, reist nach Israel, will mehr erfahren über den Ursprung der biblischen Geschichten, ist beeindruckt von der Landschaft, die ihr "die Geschichte des Bundes erzählt, der zwischen Gott und seinem Volk geschlossen wurde". Sie begegnet dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, der sie fragt, ob Gott nicht - statt mit systematisch-logischen Methoden - besser mit "poetischen Geschichten" zu "umkreisen" sei?

Als Religionslehrerin in Köln ringt sie um das Verständnis eines zeitgemäßen Christentums. Es fällt ihr schwer, in den starren Formen der kirchlichen Rituale und Dogmen das zu erkennen, was sie unter dem Christentum zu verstehen glaubt. Sie fragt nach den Symbolwelten und verknüpft diese Frage mit der Auffassung, ein zeitgemäßes Christentum mit den aktuellen politischen Fragen zu verbinden: ″Vietnam ist Golgatha". Für die Aufbruchgesellschaft der Nach-Adenauer-Ära eine Provokation. Ihr aber geht es nicht um Provokation, sondern um Wahrheit und Aufrichtigkeit des Denkens. In der Kölner Antoniterkirche initiiert sie die "politischen Nachtgebete": Eine Symbiose von Meditation, politischer Information und zeitgemäßer Spiritualität. Mit ihrem Engagement, sich neuen Fragen zuzuwenden, verändert sie den Kirchentag der Protestanten, was Margot Kässmann sagen lässt, sie habe "den Schlüssel zur Zukunft des Kirchentages gefunden." Gleichwohl, nie erhält sie einen Lehrstuhl für Theologie an einer deutschen Universität. Antje Vollmer, evangelische Theologin und Mitbegründerein der Grünen: "Sie war eine Frau!"

Theologie vs. Theopoesie. die Metaphern sind ihr wichtiger als die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Christentum. Für einige Wochen geht sie nach Monterosso in Italien, um die Deutsche Mystik zu studieren. Wasser wird für sie ein Begriff für das "Loslassen". Keineswegs hätten die Mystiker sich von der Welt abgeschlossen, so der Sölle-Biograph Ralph Ludwig: Erst die Versenkung ermögliche eine neue Zuwendung zur Welt.

Sie lehrt in Kanada und spricht vor Studenten über die Atomwaffen in Deutschland, über die Verarmung in der Dritten Welt, die innere Leere, die die Menschen ergriffen hat. Sünner: Fast scheint es, als hätte sie die Ereignisse der 1980er Jahre vorweg geahnt: "Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und an besseren Möglichkeiten zu töten." Ein solches Verständnis der Welt, gepaart mit der Hinwendung zur Lebensrealität geht - zumal in den Zeiten des kalten Krieges, der Hochrüstung und der Atomraketenstationierung nicht ohne Blessuren ab, sie ist aufsässig, provoziert immer wieder, wird sogar verhaftet. Widerstand als mystische Tradition, Gott in den Dingen. Sie war, so ihr Ehemann, ein Mensch mit allen Facetten. Einseitigkeiten, manchmal auch politische Blindheit, aber immer ein Mensch mit geöffneten Augen. Vorwürfe, sie sähe nicht die Menschenrechtsverletzungen im Osten, weist sie zurück: "Wir müssen UNS kritisieren, UNS und UNSERE Bündnispartner."

Sie entdeckt die Stadt New-York als "Hauptstadt der Kultur.", Vorurteile gegenüber den Vereinigten Staaten werden widerlegt, sie verfügt auch über die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen; und sie entdeckt immer wieder die Mystik als Kraftquelle.

Mystik und Widerstand. Ihre Weggefährtinnen und -gefährten beschreiben einen Menschen, der zutiefst durchdrungen war von der Kraft der Mythen, von der Fähigkeit, die uns umgebenden Lebenswirklichkeiten mit einer Spiritualität zu verbinden, die sich - mit ganzem Einsatz für die Geschundenen und Entrechteten - dieser Welt der Macht und den Mächtigen entgegenstellt. Die Poesie einer Mechthild von Magdeburg, die Konsequenz eines Thomas Müntzer sind ihr Zugang zur Welt, nicht der Aberglaube und die Rituale des traditionellen Christentums. Die Mystiker sieht sie als Lehrmeister des Widerstands und des Strebens.

Sölle fragt nach dem Tod, dem Umgang mit dem Sterben. "Der Tod gehört zum Leben dazu". Unser Verständnis von Schöpfung, so ihre Auffassung, sei Geschäftigkeit, richte sich im Wesentlichen auf die Maschinenwelt. Es gehe aber um ein bewussteres Erleben des Rhythmus des Lebens. Um den Rhythmus der Jahreszeiten, den Wechsel von Tag und Nacht, den von Jugend und Alter. Sie weiß um die Notwendigkeit einer neuen Spiritualität, die die Rythmen bedenkt.

"Mystik und Widerstand" von Rüdiger Sünner ist ein sehenswerter Film über eine streitbare, dabei immer aufrichtige pazifistische und feministische Theologin, die bereit war, ihr Menschsein in die Waagschale des Daseins zu legen, auch wenn die andere Seite, nämlich die der politischen und militärischen Macht, mit ihren Mitteln und Möglichkeiten immer ein Quäntchen mehr zu wiegen scheint. Und es ist gut, sich hin und wieder daran zu erinnern, dass es diese Menschen sind, die die Welt immer wieder ein Stück voranbringen.

Rüdiger Sünner arbeitet gern mit statischen, dabei immer poetischen Bildern und einer sorgfältig ausgesuchten Musik, vielleicht hätte man sich manchmal Originalausschnitte mit der Protagonistin gewünscht, was leider aus finanziellen Gründen nicht möglich war, da Sünner keinerlei finanzielle Unterstützung bekommen hat und den Film vollständig mit Eigenmitteln produzieren musste. Die Motivation, diesen Film zu drehen, so Sünner in einem kurzen Gespräch: "… war Sölles Hauptwerk "Mystik und Widerstand", die elektrisierende Gegensatzspannung im Titel, zudem habe ich sie noch als 17 Jähriger im Politischen Nachtgebet persönlich erlebt."


Mystik und Widerstand
ein Film von Rüdiger Sünner
Atalante Filmproduktion
im Vertrieb von absolut Medien.
Dauer ca. 70 Minuten.

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