Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Kann man Musik hören lernen?

Musikhören. Betrachtungen eines leidenschaftlichen Hörers.
von Christian Warlo

Musik umgibt uns in unserer von Medien und Geschwindigkeiten determinierten Welt all überall. Wir sind auf Schritt und Tritt von Musik eingehüllt, ob wir das wollen oder nicht. Manchmal fühlen wir uns von Musik geradezu verfolgt, beispielsweise dann, wenn wir ihr in der Öffentlichkeit eines Kaufhauses, eines Bahnhofs, eines Flughafens oder gar in der Enge eines Flugzeuges ausgeliefert sind. Schon Wilhelm Busch brachte die Problematik, die der Musik ganz allgemein anhaftet, auf den Punkt: sie ist mit Geräusch verbunden. Geräusche aber sind akustische Phänomene, die wir als bedrohlich empfinden. Ursprünglich sollten sie uns auf Gefahren aufmerksam machen, sollten uns warnen.

Hier liegt der Grund, warum wir unsere Ohren nicht wie unsere Augen einfach schließen können, jedenfalls nicht auf natürliche Weise, höchstens mechanisch. In der modernen Konsumgesellschaft, in der alles auf äußere Sicherheit der Bürger und Sicherheit des Warenflusses ausgerichtet ist, stören die vielen Geräusche. Sie haben immer etwas Negatives. Sie stören, weil sie uns als überflüssig erscheinen, denn sie haben ihre ursprüngliche Bestimmung als Warner verloren. Sie stören, weil sie von uns nicht gewollt sind, weil wir sie als Belästigung empfinden wie Fluglärm, Kompressoren, Presslufthämmer und tausend andere Errungenschaften unserer Zivilisation. Geräusch zu Lärm gesteigert erscheint uns höchst unwillkommen, weil es von außen eindringt und wir uns im Allgemeinen dagegen nicht zur Wehr setzen können. Bedrohlich empfinden wir Geräusch vor allem deshalb, weil es unser letztes privates Rückzugsgebiet in Frage stellt: die Stille.

Also nicht Musik hören, weil Musik "mit Geräusch verbunden" ist? Das hieße, vor dem Geräusch zu kapitulieren; das hieße, den Geräuschen die Welt zu überlassen. Es hieße, uns des Schönsten zu berauben, dessen Menschen überhaupt teilhaftig werden können: der Musik. Sie ist höchster Ausdruck von Kultur. Sie ist unverzichtbares Mittel der Kommunikation. Ihre Sprache ist universell und verbindet die Menschen. Sie stiftet Harmonie unter ihnen und führt sie zu gemeinsamem Erleben zusammen. Von Musik geht eine Frieden stiftende Kraft aus.

Musik hören gilt manchen als schönste Nebensache, vielen als Hauptsache, ja als Mittel zum Leben schlechthin. Sie können sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Ist Musik hören ein rein passiver Vorgang? Manche bezeichnen "Musik machen" als Aktivität und "Musik hören" als Passivität. Diese Antinomie von Ausübung und Rezeption verliert im Medienzeitalter ihren Sinn. Ich glaube nicht an solche künstlichen Gegensätze. Ich glaube, dass Beides zusammengehört, zusammen gehören sollte. Musik hören kann höchste Aktivität sein, kann geistige Arbeit anregen und auslösen. Von einem klugen Denker stammt das Wort: "Niemals bin ich weniger müßig, als wenn ich müßig bin". Und er setzte voraus, dass er seine Mußestunden mit Musik verbringe.

Unbestritten ist Musikhören ein rezeptiver Vorgang. Das wird leicht mit "Müßiggang" verwechselt. In einer Welt, die Arbeit und Beschäftigung zum Götzen erhebt, darf man nicht einmal sich selbst den Hang zum Müßiggang eingestehen, geschweige denn ihn nach außen bekennen. Aber darin kann man nur einen Ausdruck zivilisatorischen Krankseins sehen. Eine Gesellschaft, die Muße aus dem Leben verbannt, um sie durch Bewegung, durch Schein- und Hyperaktivitäten zu ersetzen, ist dabei, ihre Mitte und ihre Regenerationskraft zu verlieren. Musik hören ist eines der wenigen wirksamen Mittel gegen derartige Zivilisationskrankheiten. Ist Musik hören nur eine Leidenschaft, von der man irgendwann erfasst wird, ohne sich jemals von ihr lösen zu können? Gibt es zur Musik nur diesen Zugang? Oder kann man Musik hören lernen?

Natürlich gibt es sehr unterschiedliche Bewusstseinsebenen, auf denen Musik hören stattfindet. Es mag erlaubt sein, sich diese Ebenen einmal vorzustellen. Ich möchte drei Stufen des Hörens unterscheiden. Das Bild von Stufen suggeriert Aufsteigen, Emporsteigen zu höheren Ebenen, und genau das meine ich.

Stufe I. Ursprüngliches Hören

Auf dieser Stufe sehe ich das ursprüngliche, naive, unbewusste, unwillkürliche, von erworbenem Wissen unbeeinflusste Hören. Es kann sich um das Hören des Kindes handeln. Dann ist es immer mit Staunen verbunden. Aus dem Staunen resultieren Fragen, die Antworten verlangen. Dieses Verlangen bedeutet nichts weniger als die Grundlage des Lernens. Die Fragen dürfen nicht unbeantwortet bleiben, sonst bleibt es bei dieser Stufe bis in den Stand des biologisch Erwachsenen.

Stufe II. Bewusstes Hören

Wissendes Hören. Es setzt Hörerfahrung voraus. Es ist das bewusste, absichtsvolle Hören, die bewusste Begegnung mit Musik. Es beruht auf erworbenem Wissen um und über Musik. Dadurch wird die intellektuelle Neugier geweckt, mehr zu erfahren, immer mehr Wissen anzusammeln, immer tiefer in das Wesen der Musik einzudringen. Den Weg dazu bereitet die Kenntnis der Grundlagen und Erscheinungsformen abendländischer Musik. Dazu gehören die Grundzüge der Musikgeschichte einerseits und Grundbegriffe der Musiklehre, wie die Lehre von Intervallen und Skalen, Harmonien und Formen andererseits. Das wesentliche Element aber bildet der unmittelbare, durch Hören der Musikliteratur erlebte und erfahrene Zugang zu den musikalischen Schöpfungen selbst. Ohne diese unmittelbare Werkkenntnis, der Kenntnis der Primärliteratur also, bleibt das erworbene Wissen theoretisch und leblos. Nur über das Hören erschließt sich der Begriff der Interpretation. Vergleiche verschiedener Interpretationen eröffnen Einsichten, Einblicke und Erkenntnisse, die nur aus solchen Übungen resultieren.

Stufe III. Schöpferisches Hören

Diese Stufe bezeichne ich als „nachschöpferisches Hören". Sie beruht auf all dem, was in Stufe II erworben wurde. Das Erworbene wird durch eigene Kreativität ergänzt und überhöht. Menschen, die so hören, vermögen sich in den Urheber des musikalischen Kunstwerkes vollkommen einzufühlen. Sie spüren quasi den Atem des Schöpfungsvorganges. Sie identifizieren sich mit dem Werk so, dass es in ihnen weiter lebt und sich in ihrem Denken weiter entwickelt.

Diese Stufe können nur wenige erreichen. Sie setzt umfangreiche Studien und eine umfassende Beschäftigung mit Musik voraus. Man weiß, dass der Dirigent Leonard Bernstein diese Fähigkeit des nachschöpferischen Hörens empfand. In seinen berühmten Fernseh-Vorträgen hat er darüber gesprochen. Bei der Interpretation der Musik von Gustav Mahler ging seine Identifikation mit dem Werk so weit, dass er es für seine eigene Schöpfung hielt. Ein weiteres Beispiel für diese Art, Musik wahrzunehmen, Musik an- und in sich aufzunehmen findet sich in "komponierten Interpretationen", ein Begriff, den Hans Zender im Zusammenhang mit seiner Deutung der "Winterreise" von Franz Schubert geprägt hat. Dabei ging es Zender wohlgemerkt nicht um eine Adaption an Geist und Stil zeitgenössischer Musikformen, sondern ausschließlich um die Interpretation der Schubert'schen Musik.

Musik hören ist natürlich nicht nur eine Frage des Wissens. Der erste Zugang zu ihr erfolgt kaum über die intellektuelle Schiene, er geschieht viel mehr über emotionales Gestimmtsein. Und das ist gut so: Am Anfang steht die Begeisterung, die Begeisterung über die Entdeckung jener geheimnisvollen inneren Übereinstimmung mit Musik, mit "meiner" Musik, die wir vielleicht noch nicht verstehen, die uns aber innerlich zur Gewissheit wird. Daraus kann eine Leidenschaft für Musik überhaupt und Musik hören entstehen.

Einer der faszinierendsten Vorgänge im Werdegang eines Menschen ist seine musikalische Sozialisation, die Erforschung der Voraussetzungen und Wege, die ihn oder sie zur Musik geführt haben. Wie dieser Weg verläuft, hängt entscheidend von der Förderung ab, die ein junger Mensch erfährt. Nur selten ist die Begabung so groß, dass sie sich von selbst Bahn bricht. Ungleich größer ist die Zahl verkümmerter Begabungen, denen keine Förderung zuteil wurde.

Es ist reizvoll, seine eigene musikalische Sozialisation zu erforschen. Bei mir begann sie ganz leise und unbemerkt von der familiären Umwelt. Es war die Zeit des Kriegsendes, die Niemandszeit, die ein Kind nicht zu deuten verstand. Die großen Brüder waren Ende 1944 als 16- und 17-jährige zum Flakdienst einberufen worden. Das elterliche Haus schien wie ausgestorben. Ungewissheit lastete über allem. Die strenge Aufsicht über die jüngeren Kinder war lockerer als früher. In dieser Zeit schlich sich der Neunjährige nachts in den Salon der Mutter, wo das große Rundfunkgerät in kostbarem Mahagoni erglänzte. Auf der geheimnisvollen Senderskala leuchteten fremde Namen wie Radio Beromünster. Der Respekt gebietende Apparat wurde vorsichtig in Betrieb gesetzt, und nach kurzer Wanderung über die Skala hielt der Knabe inne, weil er eine Musik vernahm, die ihn urplötzlich wie ein Blitz traf. Gebannt hörte er bis zum Ende zu. Die ausländische Absage konnte er nicht verstehen.

Aber von dem Gehörten blieb ein unstillbares Verlangen nach mehr zurück. - Viele Jahre später lernte ich, dass es die „Jupiter-Symphonie" von Mozart war, deren Schlusssatz mich damals wie heute bei jedem Hören überwältigt.

Musik hören aus Leidenschaft oder aus Wissensdurst. Musik hören zum Trost, zur Bestätigung, zur Erinnerung, zur Selbstidentifikation. Alles das ist möglich und legitim. Es gilt, das Gebot zu befolgen, das Nikolaus Harnoncourt uns allen an Mozarts 250. Geburtstag auf den Weg gab: "Hören – hören –hören."


Der vorstehende Beitrag erschien 2006 in der von Christian Warlo als Chefredakteur herausgegebenen „Zeitschrift für analoge Musikkultur – Musik Hören", Heft 1/2006. Die vierteljährlich geplante Zeitschrift der „Analogue Audio Association (AAA)" erschien infolge bedauerlicher Umstände leider nur dieses eine Mal. Christian Warlo verstarb nach kurzer schwerer Krankheit am 10.07.2009. Der Nachdruck des Beitrages erfolgt mit freundlicher Genehmigung seiner Tochter Ines Warlo.

 

reklame

daruf. audio | video | web | print