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Mullah Nasrudin als Koalitionsberater

Interkulturelle Vorsorge als neuer Politiktypus
Europäisches Denken auf die Füsse stellen
Ein politisches Essay

Kennt jemand Mullah Nasrudin? In den Teehäusern des Mittleren Ostens wäre dies keine Frage. Seit Jahrhunderten werden dort die Geschichten von Meister Nasrudin – eine Erfindung der Derwische – erzählt. Es sind Weisheitsgeschichten, stets geht es darum, mit Witz und Humor erstarrte Denkstrukturen zu lockern, aber nicht nur das: Auch die „Moral von der Geschicht“ wird erkennbar und das „gewisse Etwas“. Wer durch die Oberfläche der Bilder hindurchtaucht findet was Nasrudin-Erzählungen so modern macht, um Ebenbürtigkeit auf interkultureller Ebene – wo eine Vielfalt von Stimmen zu Wort kommen muss - herzustellen.
Sollten sich Politiker ab sofort erst einmal über Geschichten von Mullah Nasrudin verständigen? Sollten es ausgerechnet orientalische Geschichten sein, in denen zu finden ist, was die Volksparteien so suchen, aber offenbar im Spektrum alter Orientierungen nicht mehr zu finden vermögen: die „politische Mitte“? Wo ist jener Ort, einem Brennglas gleich, von dem aus die ruhelose politische Landschaft endlich „anders“, ungewöhnlich neu betrachtet werden kann? Nun, ungewöhnlich genug, mit Geschichten von Mullah Nasrudin – da fängt das Neue schon an – einen neuen Politiktypus erschliessen, es mag lächerlich klingen, aber ein Zeichen wäre es allemal, denn an einer „Politik der interkulturellen Vorsorge“ kommt künftig kaum noch einer vorbei – und Mullah Nasrudin zeigt eben, worauf es dabei ankommt.
Eine typische Nasrudin-Geschichte ist folgende:

Eines Tages setzte Nasrudin einen Professor über einen stürmischen See. Als er etwas sagte, was grammatikalisch nicht ganz richtig war, fragte ihn der Gelehrte:
„Haben Sie denn nie Grammatik studiert?“
„Nein.“
„Dann war ja die Hälfte Ihres Lebens verschwendet!“
Wenige Minuten später drehte sich Nasrudin zu seinem Passagier um:
„Haben Sie jemals schwimmen gelernt?“
„Nein. Warum?“
„Dann war Ihr ganzes Leben verschwendet – wir sinken nämlich!“

Macht diese Geschichte nicht darauf aufmerksam, dass wir mit formalem Verstand, mit Denkschablonen, die aus der gewohnten Welt abgeleitet sind, keine neue Wirklichkeit, keine ungewöhnlichen Herausforderungen bewegen können – was doch so dringend braucht wird? Nur mit interkulturellem Denken und transkulturellen Kompetenzen lässt sich das Neue lösen, das aus der Perspektive einseitiger Interessen und Wahrnehmungen nicht gelingen kann, – nur, wie geht das?
Gewiss, diese Herausforderung ist für das abendländische Denken neu, stellt es doch die eurozentristische Konstruktion der bisherigen Geschichtsschreibung so ziemlich vom Kopf auf die Füsse. Jetzt aber wird genauer hingesehen, jetzt rückt das Andere im abendländischen Denken auf die Tagesordnung: Die neuzeitlich-europäische Philosophie lässt keine offene, dialogische Orientierung zu, aber genau diese Umorientierung steht jetzt an.

Die politischen Aufgaben, die jetzt nach vorne drängen, verlangen, „... die Andersheit des anderen zu akzeptieren ohne sie zu reduzieren oder zu vernachlässigen“, wie es Ram Adhar Mall von der Universität München formuliert.
Noch vergrössern sich die Differenzen, die Welt wird beschleunigt durch internetgestützte Globalisierung, sie ist zu einem „globalen Dorf“ geworden. Naturwissenschaft und Technik haben uns Mittel für einen grenzüberschreitenden Austausch bereitgestellt, wir sind aber nicht in der Lage, uns angemessen auf die Besonderheiten anderer Kulturen oder anderer Denkformen, auf das uns Noch-Fremde zu beziehen und einzulassen. Jede neue Lage bringt unsere nicht angemessenen Lösungswege deutlich ans Licht. Die neuen Probleme und Aufgaben entwickeln sich anders, als sie mit den Werkzeugen unzeitgemäßer politischer Steuerung bewältigbar sind - zumeist infrastrukturelles Denken in juristische, finanzielle oder technische Formen gebracht.
Das Denken im Plural wird zunehmend auch die Politik bestimmen müssen.
Mit der seit dem 19. Jahrhundert gepflegten Austreibung von Pluralitäten zur Vereinheitlichung vielfältiger Lebensformen, heute möglichst noch nach Mustern digitaler Verarbeitbarkeit, wird Europa wohl kaum an der Stelle weiterkommen, wo es täglich anbrennt, nämlich auch dort zu suchen, wo es „dunkel“ ist. Wo das zu betretende Neuland lauert, kommt niemand nur mit konventionellen Mitteln hin: Es gilt interkulturelle Lebensformen zu fördern und zur Entfaltung zu bringen, die das nur formal tolerierte Fremde in ein lebendiges Gleichgewicht zwischen der eigenen Anschauung im Konzert mit anderen Sichtweisen zum Ziel hat. Die unumgehbare Erkenntnis von Gleichberechtigung vieler Wege bewirkt die Suche nach „interkulturellen Kompetenzen“, nach „interkulturell agierenden Persönlichkeiten“, die allein fähig sind, transkulturelle Lösungswege zu erarbeiten – schon heute eine Gegenwartsaufgabe.
Künftig wird es darum gehen, die Verschiedenheit der Menschen, ihre Sichtweisen von Welt ernstzunehmen, um aber auch aufgesetzte Grenzen zwischen ihnen nicht anzuerkennen. Nasrudin-Geschichten verweisen, als einem Aspekt, auf noch zu entwickelnde didaktische Prozesse, Formen und Inhalte, die als Mittel einer interkulturellen Pädagogik mithelfen sollen Interkulturalität zu leben. Es gilt also „Überlappungen“ verschiedener Methoden, Erkenntnisse, Interessen und Interpretationen überhaupt erst einmal aushalten zu können.
Zu fragen wäre etwa, wie diese Kompetenzen in der Schule, zu fördern sind, zumal und gerade in Schulklassen, deren Schüler mehr und mehr aus verschiedenen Kulturen kommen?
„Haben wir pädagogisch geeignete Gegenwartsliteratur, die das Wachwerden für ein interkulturelles, für ein „euro-orientalisches“ Zusammenleben fördern können?“ Hierauf wird die interkulturelle Erziehung eine Antwort finden müssen, wie Albert Schmelzer, einer der Initiatoren der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim, es vorausahnt, um „den Kampf der Kulturen zu vermeiden, um die Basis für eine dialogische Kooperation zu legen.“

Interkulturelle Vorsorge liegt noch im Brutkasten der Zukunft, die aber längst Gegenwart zu sein hätte. Es wird sich zeigen - da sind sich die noch wenigen Vordenker in diesem neuen Aufgabenfeld sicher - dass Interkulturalität nicht nur ein anderer Name ist für die politische Wahrheit, die künftig immer weniger nur von einer Gruppe, Klasse oder Partei allein beansprucht werden kann. Es geht um die interkulturelle Ausformung eines herangewachsenen gesellschaftlichen Phänomens, das eben aus der Sicht konventioneller Politikansätze und empirischer Wissenschaft allein nicht mehr bewältigt werden kann.
Noch aber können wir diese Wahrheit nicht in eine neue politische Kultur umsetzen. Besonders die politischen Parteien werden sich reformieren müssen, um hier Anschluss an ein sich durch den Wind der Globalisierung not-wendig wandelndes Politikverständnis zu halten.

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Die vollständige Fassung dieses Essay erscheint im Februar 2006 in DIE DREI, Zeitschrift für Anthroposophie in Wissenschaft, Kunst und sozialem Leben.

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