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Menschliche Wärme als Heilmittel

27.05.2011

Um die ganzheitliche Behandlung von chronischen Schmerzen ging es bei einer Tagung, die im April am Goetheanum in Dornach stattfand.
von NNA-Korrrespondentin Ruth Zbinden

 - Alle Menschen kennen ihn, den Schmerz, oftmals als Folge eines Unfalls oder einer Operation. Nach entsprechender Behandlung verschwindet er meistens glücklicherweise wieder. Hartnäckiger ist der chronische Schmerz. Auch da kann der Ursprung Unfall oder Krankheit sein. Oft hat er sich aber langsam ins Leben geschlichen - ohne ersichtlichen Grund. Arztbesuche und Therapien beherrschen den Tagesablauf und nicht selten ist der Patient schlussendlich frustriert, hoffnungslos und entkräftet. Unverständlich ist es für die Betroffenen und deren Umgebung in Familie und Beruf.

Dr. Michaela Glöckler, Leiterin der medizinischen Sektion am Goetheanum, schilderte im Einführungsvortrag eindrücklich, wie Einsamkeit, Isolation und Ausgrenzung auf der seelischen Ebene das Leben beherrschen können. Der Schmerz fülle das Bewusstsein aus; es stelle sich die Frage, wie viel Kraft ein Mensch hat, um den Schmerz zuzulassen.

Die schwierigste Arbeit des Therapeuten beginnt dann, wenn sich innerhalb der vom Arzt verschriebenen Behandlung keine merkliche Besserung einstellt. Dann beginnt die oft langwierige Suche nach der Ursache.

Im Laufe der Tagung wurde immer wieder der Begriff Wärme erwähnt. Wo entsteht Wärme? Durch Bewegung, angemessene und stärkende Ernährung, menschliche Zuwendung, Freude am Beruf, Verbundenheit mit der Natur usw. In der Leistungsgesellschaft sind viele von uns jedoch seelisch "unterkühlt". Daher geht es bei der Behandlung darum, Bewegung und Wärme in den von Schmerz verhärteten Körper und in die Seele zu bringen.

In verschiedenen Arbeitsgruppen wurde das Thema dann von allen Seiten beleuchtet. In der Arbeitsgruppe "Biographie-Arbeit" beispielsweise ging es um den Zusammenhang zwischen Schmerz und Lebenslauf. Besonders jüngere Therapeuten stellen fest, dass das von ihnen erlernte Handwerk, die Behandlung zur Linderung der Beschwerden, nicht genügt. Besonders bei älteren Patienten, die noch die Weltkriege miterlebt oder sonst traumatische Erlebnisse wie Trennungen oder Entwürdigungen erlebt haben, können diese die Ursachen des Leidens sein. Sie sitzen wie Knoten in der Seele. Und wenn die Seele mit Erlebtem nicht fertig wird, ergreift der Schmerz den Körper.

In der Arbeitsgruppe ging es darum, wie chronische Schmerzen betrachtet und angenommen werden können. Es gelte zu erkennen, "wo und wann das Glück zugeschlagen hat," so die Kursleiterin. Damit meint sie natürlich nicht den Schmerz selbst als Glück, sondern dass der Schmerz ein Mittel sein kann, Erlebtes zu verarbeiten und daran zu reifen.

Dies ist für den vom Schmerz Betroffenen vermutlich nichts Neues. Doch der beschriebene Prozess ist sehr harte Arbeit, die viel Durchhaltekraft, Willen sowie seelische und geistige Reife verlangt. Oft wirkt es wie ein Widerspruch, dass man auch angesichts des Schmerzes diszipliniert Gelassenheit üben soll. Eine junge Therapeutin erzählte, dass sie manchmal mit älteren Menschen einen Spaziergang macht, anstatt eine Behandlung durchzuführen. Wobei wieder das Thema "Wärme-Behandlung" angesprochen ist.

Tagungs-Referent David McGavin arbeitet als Arzt in einer Gruppenpraxis in England, wo Ärzte und Therapeuten miteinander einen Therapieplan festlegen. Auch so entsteht ein Wärme-Zentrum, denn der Leidende wird wohlwollend in die Mitte genommen. Anthroposophische Medizin bedeutet ganzheitliche, dem Menschen angepasste Medizin. Also muss gefunden werden, wie der Patient besonders angesprochen wird.

Interessant ist auch die gewählte Übersetzung für "Behandlung". Es wurde nicht "treatment" genommen, sondern der Ausdruck Pain-Management. Diese Bezeichnung zeigt auf, dass mit dem Schmerz umgegangen werden muss und dass er manchmal einfach nicht wirklich be-handel-bar ist.

Wer von den Teilnehmer selbst von chronischen Schmerzen betroffen ist, wurde von der Tagung sicherlich bewegt, berührt und aufgewühlt. Dass man durch Krankheit seelisch und geistig reifen kann, ist für die meisten nicht neu.

Denn trotz allem Verständnis für die Zusammenhänge sind Schmerztage peinigend. Als Hilfe nahm man dann von der Tagung vor allem den Gedanken mit, dass Hilfe eben vor allem durch Wärme möglich ist und dass dabei hauptsächlich menschliche Wärme und Anteilnahme gemeint ist.

Und man konnte sich überlegen, ob die von Schmerzen geplagten Menschen nicht auch selbst einen geheimen Auftrag haben, nämlich selbst Wärme zu geben. Denn wie heißt es bei Christian Morgenstern: "Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn; denn jede Krankheit ist eine Reinigung: man muss nur herausbekommen, wovon und wozu."

Quelle: NNA - News Network Anthroposophy

 

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