Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Mahnwache gegen Hähnchenmastanlage

30.01.2011


Borchen: Mahnwache gegen die geplante Hähnchenmastanlage in Nordborchen. Demonstranten fordern: Schluss mit Massentierhaltung

mm/tdz. - Die Fahrerin in dem schicken Auto einer deutschen Nobelmarke ist sichtlich etwas genervt, als sie - von Paderborn kommend - kurz hinter der Ortseinfahrt Nordborchen nach rechts in Richtung Reiterhof abbiegen will, denn dort stehen Menschen mit Transparenten und Schildern. Es ist unschwer zu erkennen, es handelt sich um eine Demonstration.

Etwa 60-70 BürgerInnen sind es, die dem Aufruf der Freien Wähler Borchen (FWB) gefolgt sind und sich am gestrigen Samstagmorgen bei klirrender Kälte und strahlendem Sonnenschein hier eingefunden haben, um mit dieser so genannten Mahnwache - es ist schon die zweite - gegen die geplante Hähnchenmastanlage zu demonstrieren. Diese Hähnchenmastanlage ist als Erweiterung einer bereits bestehenden Anlage geplant und wird somit ein weiterer Teil der weiträumigen Hofanlage mit einem Reitstall, einem Pferdesolarium, einem Reiterstübchen für gesellige Zusammenkünfte und einer Biogasanlage.

Ca 300.000 Hähnchen, so die Information der Initiatoren, sollen jährlich in dieser Anlage im Schnelldurchgang gemästet werden. Die so genannte Turbomast sorgt dafür, dass nach 4-5 Wochen ca. 23 Tiere auf einem Quadratmeter Stallfläche stehen. Für Tierschützer ist das ein Horror und reine Tierqälerei. Viele Tiere erleben die Fahrt zum Schlachthof erst gar nicht, weil sie diese Art der Mast nicht überstehen und schon vorher verenden, weil sie ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen können. Die Betreiber solcher Anlagen haben diesen Verlust allerdings bereits einkalkuliert.

Bisher ist die Genehmigung zum Bau der Anlage noch nicht erteilt, Medienberichten zufolge sei die Beratung darüber von der Tagesordnung der letzten Bauausschusssitzung genommen worden, weil ein erforderliches Emissionsgutachten noch nicht vorliege. Bürgermeister Allerdissen (SPD) gehe aber davon aus, berichtete das Westfalenblatt am 22.Januar, "dass die notwendigen Unterlagen bis zur nächsten Sitzung des Bauausschusses [im März, tdz.]vorliegen werden. Sollten die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sein, werde er dem Ausschuss jedoch empfehlen, das Einvernehmen zu erteilen. Ansonsten drohe der Gemeinde eine Schadensersatzforderung."

Reinhard Menne von den Freien Wählern Borchen kann dieser Einschätzung des Borchener Verwaltungschefs allerdings nicht viel abgewinnen: "Unser Bürgermeister ist also der Meinung, dass für ihn mit einem einfachen Durchwinken „die Sache erledigt ist“. Damit irrt er aber gewaltig! Solche Meinungen und Entscheidungen sind nie allein reine Entscheidungen nach Sachlage. Es geht immer auch um die Kreatur selbst, den Erhalt der Schöpfung. Und da muss man ihm ganz deutlich ins Stammbuch schreiben dass die Bürger Borchens eine klare inhaltliche Stellungnahme von ihm erwarten. Aus vielen Äußerungen während der Mahnwache wurde aber auch deutlich, dass man seinen Besuch erwartet hatte. Er war nicht da! Wie fast seine gesamte Fraktion."

Für die Menschen, die sich hier vor Ort eingefunden haben, sind es in der Tat nicht nur die Fragen nach baurechtlichen Angelegenheiten im Zusammenhang mit der geplanten Hähnchenmastanlage, ihr Anliegen ist es, für einen besseren Tierschutz, eine ökologische Wende in der Agrarpolitik und damit für eine Landwirtschaft zu kämpfen, die eine derartige industrielle Produktionsweise nicht nötig hat. Sie haben eine ziemlich klare Vorstellung davon,was die Verbraucher, wenn sie denn wollten, auch bewegen könnten und fragen sich manchmal etwas frustriert, warum dieser Macht so wenig Ausdruck verliehen wird. Die geplante Anlage, so sehen es viele der hier Anwesenden, sei ebenso wie die schon bestehende, der steingewordene Ausdruck für eine verfehlte Politik, die nicht auf Nahrungsmittelqualität, sondern allein auf Masse setze.
Der Blick auf die Zusammensetzung der hier Versammelten zeigt aber auch sehr deutlich, das die Nachbarn der ca. 300 Meter entfernten Anlage an einer Auseinandersetzung mit dem Thema bisher nicht sonderlich interessiert zu sein scheinen. Und eine vorbeikommende Reiterin, so erzählt Reinhard Menne, hätte sich zu Beginn der Mahnwache über die auf der Straße liegenden Plastikhühner beschwert: "Sie fühle sich belästigt da sie lediglich reiten wolle und mit der Mastanlage nichts zu tun habe. Ich meine aber, alle haben damit etwas zu tun. Augen zu und durch? Das ist Verantwortungslosigkeit pur und nicht akzeptabel! Wir werden weitermachen!"

Die Pferde aber, die in dem zum Gelände der geplanten Anlage gehörenden Reitstall untergebracht sind, brauchen sich um Bewegung und artgerechte Tierhaltung nicht zu sorgen. Immerhin sind sie hier besser untergebracht als die Hühner in der Mastanlage nebenan. So heißt es auf der Webseite des Betreibers: "Bei den Paddockboxen gehört zu jeder Box ein 15 m² großen befestigten Paddock, so dass die Pferde zu jeder Zeit ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben können. Auf diese Weise pflegen die Pferde mit ihren Nachbarn Sozialkontakte bei geringem Verletzungsrisiko."

Die Dame mit ihrem schicken Auto scheint immer noch etwas genervt zu sein, als sie zurückkommt und - wiederum etwas gebremst durch einige Demonstranten - ihren Weg ein wenig langsamer fortsetzen muss. Fast scheint es, als wolle der Blick signalisieren: "Ich fahre jetzt Hähnchen kaufen. Extra!"

 

Weitere Beiträge zum Thema:
Kommentar: Neues Denken in der Agrarpolitik
Demonstration gegen Massentierhaltung in Berlin

Neuausrichtung der Agrarpolitik
300 Professoren fordern Ausstieg aus der Massentierhaltung

 

 

 

 

tdz jetzt bei twitter

reklame

daruf. audio | video | web | print