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Loslassen und sich finden...in der Freiheit

ein Beitrag von Achim Hellmich, erschienen in der Wochenschrift "Das Goetheanum" vom 28.1.07

Das Nederlands Eurythmie Ensemble unter der Leitung von Werner Barfod wurde 1998 aufgelöst, in kleinen Initiativen lebte die Bühneneurythmie in Den Haag weiter. Die Projektarbeit zu Michael Endes Text: „Langsam wie ein Planet" führte 2003 zur Gründung des „een.eurtmie ensemble nederland, das künstlerisch von Baptist Hogrefe geleitet wird. So wie der Text von Michael Ende das Risiko und die Notwendigkeit des Verlassens alter Prägungen beschreibt, so wählte das Ensemble gleichfalls den freien Fall in die gegenwärtige künstlerische Szene. „Angst und Mut gegenüber dem Unbekannten - dieses Thema behandelt das Ensemble auf der Basis unterschiedlicher Stoffe", wie es im Programm heißt. Mit einer Tournee in acht Städten Deutschlands begann das Jahr 2007, im Herbst soll eine zweite große Tournee folgen.

Eurythmie, eine Kunst, die sich immer wieder selbst finden muß, zumal in der heutigen Zeit, in der, was gestern noch galt, heute kaum noch Bestand hat und das Zukünftige nicht aus der Vergangenheit ableitbar ist. So gesehen ist die Eurythmie eine junge, wenn man so will, eine zeitgemäße Kunst, denn der Mensch befindet sich in einer ganz ähnlichen Situation. Die Vergangenheit trägt ihn nicht mehr, die Zukunft bleibt ungewiß, die Gegenwart ist der eigene Lebensentwurf. Kein höheres Wesen nimmt ihm diese Arbeit ab, keine staatliche Instanz sichert seine Existenz.

Doch nun zur Aufführung. Die Bühne, blau ausgeleuchtet ist leer, das Cello am Bühnenrand schickt warme getragene Tonfolgen in den Saal. Sammlung und Spannung: Was wird kommen?

Drei Gestalten, verhüllt, die Arme mit verlängernden Schleierstäben, füllen die Bühne. Eine Gestalt, liegend. Und jetzt beginnt ein dramatisches Geschehen. Der Text: „Langsam wie ein Planet sich dreht."(1) stammt von Michael Ende, dem großen, leider viel zu früh verstorbene Schriftsteller („Momo", „Die unendliche Geschichte"). Das Geschehen ist eine Art innerer Monolog über das Problem Altes, Gewohntes loszulassen, das Neue zu riskieren, die Angst im Inneren zu überwinden, seinem höheren Ich und dem Ruf der Freiheit zu folgen.

Hier, bei dieser Eurythmieaufführung, ist es die Inszenierung, von Babtiste Hogrefe, die den Text so eindringlich und plastisch werden läßt, dass die Verzweiflung, die Angst, loszulassen, um sich selbst zu finden, dem zu folgen, der innerlich ruft, die Seele des Zuschauers erzittern läßt. Gewiss, es ist nicht die klassische Eurythmie, die hier das Bühnengeschehen bestimmt. Der Sprecher agiert in schauspielerischen Sequenzen, eine Eurythmistin spricht ihren Text selbst. Letzteres könnte man anders machen, doch die Gesamtkomposition ist gelungen.

Der Sprecher/Schauspieler hält schützend die Hand vor das Gesicht, einen Spiegel (Selbsterkenntnis!) damit andeutend. Er ist der Doppelgänger, der dem Menschen zu einer Entscheidung führen will, ihn herausfordert und gleichzeitig seelisch entblößt, ihn unerbittlich zum Seinsgrund seiner Existenz führt. Als Widerpart, eine weiße verhüllte Gestalt, die zur Nachfolge auffordert, das höhere Ich des Menschen, dem er folgen will und doch nicht kann. „Ich zwinge dich nicht, sagt der Verhüllte, ich bitte dich, kleiner Blutsbruder! Es ist an der Zeit."

Die drei Gestalten des Anfangs schließlich begleiten das Geschehen und bewegen sich durchgängig in eurythmischen Formen: sind es die Nornen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft präsentieren? Der Mensch, um den es hier geht, ganz ähnlich wie sein Doppelgänger in schlichtem Mao-Look ähnlichem Kostüm, eurythmisiert seine dramatischen Seelenbewegungen. Die Gestalt des höheren Ichs bleibt in der Sphäre der Ruhe mit raumgreifenden Bewegungen, deutlich im Gegensatz zum Doppelgänger, der, an keine feste Form gebunden, seinen Part spielt. Doch in der Geschichte von Michael Ende gelingt es dem Menschen nicht, sich für die Freiheit zu entscheiden, er scheitert und seine Welt stürzt ein. (2)

Ludwig van Beethoveens "Sturmsonate" (opus 31Nr. 2) schließt sich an. Alles was aufgebrochen wurde an seelische Verzweiflung wird in dieser Musik durch die Eurythmie transzendiert, bekommt eine heilende Kraft. Die Eurythmie, in ihrer klassischen, höchst differenzierten Form dargeboten, gibt der Musik eine in Form, Farbe (Beleuchtung!) und Bewegung nachhaltige Intensität, der man sich kaum entziehen kann. Wodurch eigentlich? Die besondere Bewegungsdynamik entsteht, das wurde mir plötzlich klar, durch die ungerade Zahl! Im ersten Satz der Sonate sind drei, beim 2. Satz fünf Eurythmisten auf der Bühne. Was bei der Zahl drei bereits angelegt wird, die spannungsreiche Harmonie im Ineinandergreifen der Bewegungen, entfaltet sich bei der Fünfergruppe vollends. Die geraden Zahlen, wie 2, 4, 6 8 usw. führen zu in sich getragenen harmonischen Formen. Alle ungeraden Zahlen weisen auf etwas anderes. Sie bedürfen der Gestaltung, um eine Harmonie zu bilden. Wer nicht nur (mit dem Hörsinn) der Beethovenmusik folgte, sondern sich auf die Bühneneurythmie wachen Sinnes einließ, erlebte Überraschendes. Ganz bewusst wurde mit den Zahlenverhältnissen gearbeitet, der einzelne trat für eine Sequenz aus der Gruppe heraus (1:4), wurde wieder aufgenommen, die Verwandlung in 2:3 folgte, wieder 1:4, bis jeder einmal in der Einzelsituation gewesen war. Dieser fließende Wechsel von Individuum und Gruppe, Vereinzelung und Gemeinschaft ließ eine neue, eine höhere Stufe von Harmonie entstehen. (3)

Schließlich schloss sich eine gemeinsame Kreisform an mit dem einzelnen in der Mitte, der dann zum Kreismitglied wurde. Hier wurde, wenn diese Deutung erlaut ist, das vollführt, was in der Erzählung von Michel Ende letzlich dem Hauptperson nicht gelang. Ein Loslassen, ein Überwinden der Ängste, ein Vertrauen in die eigene Kraft das Gewinnen der Freiheit. „Komm, sagt die sanfte, tiefe Stimme, lerne fallen". "Wirst du mich denn auffangen und halten?" „Wenn du fallen gelernt hast, wirst du nicht fallen. Es gibt kein oben und unten, wohin also solltest du fallen? Die Gestirne halten sich gegenseitig im Gleichgewicht auf ihren Bahnen, ohne sich zu berühren. So soll es auch mit uns sein. Wir sind kreisende Sterne, darum lass alles los! Sei frei!"

Hier endlich, in der Eurythmie zu Beethovens Sturmsonate, wurde der Mensch frei. Für mich ein sehr gelungener Höhepunkt und der eigentliche Abschluss des Abends. Allerdings, und das war für mich ein unnötiges Zuviel, folgte noch eine Passage aus „Der Sturm" von William Shakespeare mit dem Zauberer „Prospero", der die Kräfte der Natur beherrscht und damit die Geschicke der Menschen beeinflussen kann. So wurde die Notwendigkeit des Menschen, aus eigener Verantwortung den Weg der Freiheit zu gehen, relativiert Bei aller künstlerisch durchgestalteten Eurythmie des „Prospero", bleibt ein Unverständnis zurück und auch die Frage, warum wirkte hier der Eurythmist zusätzlich als sein eigener Sprecher?

Fazit: Trotz der Fragen an den Schluss, eine eindringliche Aufführung mit einer beispielhaften Inszenierung. Eurythmie als prägende künstlerische Kraft, die dem Textinhalt eine ungeahnte Aktualität gibt und die Beethovensonate zum Sprechen bringt. Loslassen, die Ängste überwinden und damit die Freiheit gewinnen.

 

(1) Der Text ist entnommen aus: Michael Ende: Der Spiegel im Spiegel, ein Labyrinth Weitbrecht Verlag , Stuttgart/Wien 1994

(2) Bei Astrid Lindgren findet sich in ihrem Kinderroman „Ronja Räubertochter" eine Stelle, die das Problem von Angst und Freiheit kindlich unbefangen angeht. Ronja wird bei ihrem ersten Gang allein durch den finsteren Wald von dem Vater auf allerlei Gefahren hingewiesen und dadurch eher verängstigt als ermutigt Doch sie reagiert anders als erwartet „Na, dann" sagt sie jedes Mal mutig und geht los.

(3) In einigen Skulpturen von Alberto Giacometto ist das dynamische Verhältnis der ungeraden Zahl zur in sich harmonischen geraden Zahl dargestellt. Man spürt die eigene Ruhe und auch die Unruhe, die innerlich bei der Betrachtung dieser Figurengruppen entsteht.