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Hella-Birgit Mascus und Franziska Schlaghecke - foto © harald morsch |

Liv Stein von Nino Haratischwili. Nach dem "Käthchen von Heilbronn" wurde jetzt die zweite Aufführung im "Großen Haus" auf die Bühne gebracht. Die Paderborner Kulturszene ist um eine wirkliche Attraktion reicher geworden. von Michael Mentzel
Tristesse ist eingezogen in das Leben der einst gefeierten Pianistin Liv Stein, deren Karriere durch den Tod ihres Sohnes Henri ein jähes Ende gefunden hatte. Trauer und Selbstvorwürfe bestimmen seither ihr Leben, sie lässt sich gehen, der Absturz ist nicht aufzuhalten. Achtzehn Jahre war Liv mit Emil verheiratet, nach zwei Jahren allerdings lebte man nur noch nebeneinander her. Sohn Henri war ins Internat abgeschoben worden. Die Karriere hatte es erfordert. Soweit, möchte man meinen, also alles normal, man kennt derlei Szenen aus dem Familienalltag von Künstlern. Simone, die Agentin des Stars, hat ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Karriere Livs aufgegeben.
In diese Atmospäre von verzweifelt erscheinender Resignation wirbelt plötzlich - locker und unbekümmert - Lore hinein und sie bietet Liv ein Geschäft an: Geschichten aus dem Leben mit Henri. Sie hat ihn gekannt, ihn, der vermeintlich ein freudloses Leben im Internat hatte und sie möchte der Mutter von ihm erzählen, die Gegenleistung soll in Klavierstunden bei der Künstlerin bestehen, die doch nie wieder spielen, nie wieder unterrichten will. Aber Lore will nur bei Liv Stein lernen, niemand anderes komme in Frage, denn: "Sie sind die Beste!".
Liv Stein willigt ein und es beginnt ein Spiel, in dem es scheinbar nur Gewinner gibt. Lore erzählt Liv was sie hören möchte und diese glaubt es nur all zu gern. Alles scheint plötzlich anders und das Leben bekommt wieder einen Sinn. Plötzlich ist sie wieder da, die Freude an der Musik, die Freude am Leben. Lore trinkt ständig Cola, verführt eben noch einmal Emil, gibt Simone ein Stück ihrer Würde zurück und immer wieder lässt sie Liv teilhaben an ihrem Leben mit Henri. Zu nahe allerdings kommt man sich nicht, denn Privates - so ist es des Öfteren zu hören in diesem Stück - hat in diesem durch Leidenschaft für die Musik dominierten Leben noch immer keinen Platz.
Nach einem gemeinsamen Konzert von Liv und Lore, in dem sogar Ravel gespielt wird, dem die Pianistin früher nicht einen Blick gegönnt hätte, kommt es zum Finale zwischen den beiden Künstlerinnen. Es ist Emil, der die Zweifel in Liv weckt und so beginnt die scheinbare Harmonie plötzlich zu bröckeln. Alles nur eine geplante Inszenierung von Lore, um in den Genuss der begehrten Klavierstunden zu kommen? Die rührend romantische Geschichte erfunden? "Man glaubt immer das, was man glauben möchte." Vielleicht ist aber am Ende doch nicht alles so, wie es scheint.
Die Zuschauer erleben - unter der Regie von Irmgard Lübke - eine sehr authentische Darstellung dieser "Szenen einer Ehe", deren Ablauf bestimmt wird durch Leidenschaft für die Musik und Verdrängung der eigenen Gefühle. Großartig Hella-Birgit Mascus als Liv, die gebrochene Künstlerpersönlichkeit - die sich durch Lores Erzählungen - von der trauernden Mutter wieder zu jener, oft Künstlern vorbehaltenen Expressivität wandelt. Franziska Schlaghecke spielt die frische und unbekümmerte, fast dreist - aber nie überzogen - zu nennende Lore. Kerstin Westphal als Simone verkörpert glaubwürdig die hörige Agentin, die zugunsten ihrer Auftraggeberin jegliche persönlichen Ambitionen zurückgestellt hat.
Wolfgang Finck - als der zynisch erscheinende Ex-Ehemann Emil - gibt seine Sicht der Dinge unverblümt und immer ein wenig am Rande des sogenannten "guten Geschmacks" zum Besten. Auch er ist Musiker, allerdings hat er seine Karriere aufgegeben: "Ich unterrichte nur noch". Mit seiner zweiten Frau Irene, dargestellt von Carolin Karnuth, wird er am Ende Hand in Hand das Haus von Liv verlassen: "Komm, wir gehen nach Hause".
Wie das Ensemble diese "Familiengeschichte" auf die neue Bühne des neuen Paderborner Theaters bringt, ist beeindruckend und lässt keinen Zweifel daran, dass mit dem neuen Haus - nicht nur duch neue technische Möglichkeiten - auch ein Stück neuer Geist in die Paderborner Kulturszene eingekehrt ist. Das stimmige Bühnenbild von Andrea Kuprian Meyer mit interessanten Elementen ausgestattet - sehr schön gelungen der Wechsel der Jahreszeiten - macht dieses psychologisch tiefgründige Stück der georgischen Autorin Nino Haratischwili von der ersten bis letzten Minute zu einem großartigen Theatererlebnis.
Nach dem "Käthchen von Heilbronn" ist dies nun die zweite Aufführung im "Großen Haus". Kein Zweifel: die Paderborner Kulturszene ist um eine wirkliche Attraktion reicher geworden.
Weitere Aufführungen: 23.10. 2011 - 16:00 und 19:30 Uhr und am 27., 28. und 29.10. jeweils um 19:30 Uhr
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