Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Leseprobe

Lorenzo Ravagli
Die geheime Botschaft der Joanne K. Rowling
Ein Schlüssel zu Harry Potter
Verlag Urachhaus
Buchpräsentation: 22.03.2007 im Rahmen der Leipziger Buchmesse
© Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH

Einleitung
Zu Beginn des Jahres 2006 wurden weltweit mehr als 300 Millionen Exemplare des Harry-Potter-Zyklus verkauft. J. K. Rowlings Erzählungen sind mittlerweile in 63 Sprachen übersetzt, darunter Latein und Altgriechisch. Damit reicht der Harry-Potter-Zyklus bald an das Buch mit der größten Auflage heran: die Heilige Schrift. Im Gegensatz zu letzterer hat der Potter-Zyklus diese Verbreitung aber innerhalb eines Jahrzehnts erreicht. Inzwischen sind auch mehrere Bände des Zyklus verfilmt worden. Die Verfilmung und das Merchandising sorgen für zusätzliche Popularisierung. Die Verfasserin des Zyklus gehört inzwischen zu den reichsten Frauen der Welt. Vor der Veröffentlichung der Reihe lebte sie zeitweise von der Sozialhilfe.

Mit diesen Stichworten wird auf ein beispielloses Phänomen hingewiesen. Im Gegensatz zu manch anderen Büchern, die zwar auch viel gedruckt, aber wenig gelesen wurden, kann man davon ausgehen, dass zu der Verbreitung der Erzählungen über Harry Potter und seine Freunde vor allem das wirkliche Interesse der Leserschaft beigetragen hat. Dieses Interesse spiegelt sich auch in den nahezu hysterischen Szenen wieder, die sich bei der Veröffentlichung einer neuen Folge abspielen: Leser übernachten auf den Straßen vor den Buchhandlungen, die frisch gedruckten Bücher werden hermetisch abgeriegelt und von Sicherheitsdiensten überwacht, damit niemand vor dem festgesetzten Termin etwas von ihrem Inhalt erfährt. Weltweit gibt es Harry-Potter-Fanclubs, Internetseiten in allen denkbaren Sprachen zu den Büchern, und an vielen Orten treffen sich Gemeinschaften von Rollenspielern, die die Ereignisse und Episoden der Erzählung in Verkleidung nachspielen und finden sich Autoren zusammen, die nach dem siebten und letzten Band gemeinsam weitere Bände folgen lassen wollen. Ohne dass die Erzählungen J. K. Rowlings ein weltweit verbreitetes Bedürfnis befriedigen würden, hätten sie nie einen solchen Erfolg haben können.

Was ist das für ein Bedürfnis, das Harry, seinen Freunden und ihrem Kampf gegen das Böse, das in Gestalt des finsteren Lord Voldemort und seiner Anhänger immer bedrohlicher hervortritt, einen solchen Zuspruch sichert? Rowlings Erzählungen sind spannend, unterhaltsam, sie stecken voller Humor und Ironie. Sie enthalten aber auch eine Fülle von Anspielungen, die vermutlich von den meisten Lesern nicht verstanden werden. Sie sind außerdem so geschrieben, dass sie nicht nur von spannenden Ereignissen erzählen, sondern das Lesen selbst zu einem spannenden, entdeckungsreichen Abenteuer machen. Sie sind beziehungsreich, von Anfang bis Ende vielschichtig konstruiert und von einer bemerkenswerten Komplexität. Oft kündigen sich spätere Ereignisse schon zu Beginn an, versteckt in kleinen, scheinbar unbedeutenden Episoden, und erst im Rückblick bemerkt der Leser, dass die Lösung mancher Verwicklungen bereits in der sich entwickelnden Geschichte enthalten war.

Manchmal weiß der Leser mehr als die Hauptfiguren, und seine vorauseilende Vermutung erahnt mitunter drohende Katastrophen, wenn die Figuren der Erzählung selbst sich offensichtlich auf dem Holzweg befinden. Die nebenbei platzierten Hinweise können von einem aufmerksamen Leser entdeckt werden, und im späteren Verlauf sieht man seine Vermutungen bestätigt oder aber widerlegt. Wie in einem Vexierspiel verbergen sich hinter der Oberfläche der Figuren und Ereignisse andere Figuren und Ereignisse, die ein suchender Blick zu entschlüsseln vermag. Das Ganze ist in eine Atmosphäre der Täuschungen und Irreführungen getaucht, die sich aus der Eigenart des Widerparts ergibt, gegen dessen Entwicklung sich die Hauptfiguren zur Wehr setzen. Die Wirkensweisen des Bösen sind auf Täuschungen, Verführungen und Verkleidungen abgestellt, und der Leser erlebt immer wieder, wie er selbst den täuschenden Masken erliegt, hinter denen das Böse sein wahres Gesicht verbirgt. Aber wie für die sich entwickelnden Figuren selbst, klärt sich auch für den Leser der Blick, wenn die Täuschungen von ihnen aufgedeckt, wenn die Intrigen und Verschwörungen von ihnen durchschaut werden.

All dies sind Elemente, die jeder gute Kriminalroman bietet oder auch jede gute Verschwörungsgeschichte. Eine Spezialität von J. K. Rowling ist das Spiel mit Namen und Zahlen, das allerdings in einem Zyklus über Zauberei nicht überrascht, wird doch auch in der Schule für Zauberei, die Harry besucht, ein Fach namens Arithmantik unterrichtet, das komplexe Beziehungen zwischen Zahlen und Buchstaben untersucht und vermutlich die mittelalterliche Zahlensymbolik beinhaltet, wenn nicht gar Elemente der Kabbala.

Die Tatsache, dass sich die einzelnen Bände jeweils mit einem Schuljahr beschäftigen, das im Herbst beginnt und bis zum Sommer dauert, ergibt eine Fülle von Beziehungen zwischen einzelnen Ereignissen und Daten der aufeinanderfolgenden Jahre, die teilweise symbolisch aufeinander bezogen sind. Jahreszahlen, Hausnummern, Telefonnummern und sonstige Zahlen bergen oft eine geheime Aussage in sich, die über die Symbolik dieser Zahlen vermittelt wird.

Die Namen der Personen, Orte, Gegenstände etc. sind ein ganz besonderes Thema. Sie enthalten zahlreiche Verweise auf die Geschichte der Mythologie, der Religion, der Magie, aber auch auf die Geschichte Englands und können als eine weitere, okkulte Erzählebene betrachtet werden. Alles in allem stellt der Harry-Potter-Zyklus eine Fundgrube von Material für Symbolologen, Nummerologen und Mythenforscher dar.

Wir werden uns bei unserer Suche nach der Entschlüsselung des Epos an den uralten Mythen orientieren, die von Rowling auf neue Weise erzählt werden. Wir werden diese Mythen nicht tiefenpsychologisch auflösen, sondern beim Wort nehmen. Auf diese Weise wird der enge Rahmen einer bloß literaturgeschichtlichen oder psychologisierenden Deutung gesprengt, und die alles umgreifende Realitätsdimension des Mythos tritt so erst wirklich zu Tage. Gewiss bieten die Erzählungen Rowlings für Generationen von Literaturwissenschaftlern ausreichend Stoff, was sich in Bergen von Dissertationen und gelehrten Abhandlungen niederschlagen wird. Gewiss enthalten die Erzählungen auch eine reiche Symbolik seelischer Reifungsvorgänge, die wertvolles Material für die Arbeit von Erziehern und Therapeuten zur Verfügung stellen. Solche Lesarten des Mythos sind legitim und können lehrreiche Zugänge erschließen.

Manifest eines spirituellen Realismus

Aber die Erzählungen von J.K. Rowling enthalten noch mehr. Sie sind ein poetisches Manifest. Das Manifest eines spirituellen Realismus. Der spirituelle Realismus beruht auf der Überzeugung, dass die Welt, die wir mit Händen greifen und mit den Augen sehen können, nicht die ganze Wirklichkeit ist. Die Wirklichkeit des Alltags, in der wir leben, zeigt uns nur die Außenseite der Dinge. Auch wenn uns die Autoritäten weismachen wollen, dass diese Außenseite die ganze Wirklichkeit ist, haben wir doch die deutliche Empfindung, dass es sich bei dieser Wirklichkeitslehre um eine Täuschung handelt. Um eine sehr intelligente Täuschung zwar, aber doch um eine Täuschung. Auch wenn es uns schwer fällt, mit unserem Verstand gegen die Argumente der Autoritäten anzukommen, sagt uns doch unser Gefühl, dass der Verstand uns betrügt.

Die triumphierende Selbstgewissheit des Verstandes hat uns misstrauisch gemacht. Die Millionen, die den Harry-Potter-Zyklus verschlingen, glauben nicht den Beteuerungen des Verstandes, er bilde die ganze Wirklichkeit ab. In Rowlings Sprache ausgedrückt: Die Welt der Muggel ist der Inbegriff der Wirklichkeit. Die Muggelweisheit kommt uns schal und oberflächlich vor. Wir sind der heute revidierten Erfolgsmeldungen von gestern müde. Der immergleichen Rituale in einer öden Welt, die uns darüber hinwegtäuschen sollen, wie inhaltsleer diese Welt geworden ist. Eine Welt ohne Zauber, ohne Phantasie, ohne Magie. Die glänzenden Oberflächen befriedigen uns nicht mehr. Je verführerischer sie werden, umso misstrauischer machen sie uns. Viele Menschen haben erkannt, dass die Oberflächen, auf denen sich ein Großteil unserer Zivilisation abspielt, lediglich Simulationen sind, die uns etwas vorgaukeln, was uns betäuben oder einschläfern soll. Hinter jeder Oberfläche verbirgt sich ein Mechanismus, der diese Oberflächen erzeugt. Zu dieser Gewissheit hat uns die Erfahrung mit den Simulationen geführt, mit denen uns täuschend eine Scheinwirklichkeit vorgegaukelt wird. Unsere Ahnung sucht nach den Mechanismen, die den Simulationen zugrunde liegen. Unser Gefühl empfindet eine Sehnsucht nach den tieferen Schichten, die sich hinter den Oberflächen verbergen. Dieses Bedürfnis und die ihm entspringende Gewissheit sind weltweit verbreitet, sonst könnten die Erzählungen des spirituellen Realismus, die Rowling seit Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht, nicht auf solche Resonanz stoßen.

Natürlich steht Rowling in einer langen Tradition. Wohl nicht allzu viele Leser kennen die Vorläufer im 17., 18. oder 19. Jahrhundert, deren Tradition Rowling fortsetzt. Das ist aber auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass in ihren Werken der spirituelle Realismus an der Wende zum 21. Jahrhundert zu einem Höhepunkt gelangt, der alle Siegesmeldungen der ›Muggelweisheit‹ Lügen straft. Die Leser des Harry-Potter-Zyklus auf der ganzen Welt sind ein einziges, schlagendes Argument für den spirituellen Realismus, der weiß, dass die Oberflächen nichts als Simulationen sind, der die Abbilder als Abbilder erkennt und die Spiegelbilder nicht mit den realen Lebewesen verwechselt. Diese realen Lebewesen bestehen aus unseren Gedanken und Gefühlen, aus unseren Emotionen, Erinnerungen und Hoffnungen. Sie sind die Wirklichkeit, die sich hinter den Simulakren der technischen Zivilisation verbirgt. Aber all unsere Gefühle, Gedanken und Hoffnungen sind eingebettet in eine noch höhere Wirklichkeit, die ebenso real ist wie unsere angeblich so subjektive Innenwelt. Es sind geistige Mächte, in deren Auseinandersetzung wir eingesponnen sind.

Die Realität des Bösen

Gut und Böse sind keine Abstraktionen, sie sind geistige Realitäten, in denen wir uns zurechtfinden müssen. Sie rufen uns zur Entscheidung auf. Jeden Einzelnen, in jedem Augenblick unseres Lebens. Es sind die wirklich großen Entscheidungen, die wir treffen müssen. Entscheidungen, die über unser Schicksal bestimmen. Entscheidungen wie die, für unsere Freundschaften Opfer zu bringen. Oder unsere ganze Existenz in die Waagschale zu werfen. Unseren Gefühlen entgegen zu handeln, weil wir erkannt haben, dass etwas richtig ist, auch wenn es unserer Eigenliebe nicht schmeichelt. Die Welt, in der wir leben, verlangt von uns keine ideologischen Auseinandersetzungen, keine großen Theorien. Sie verlangt von uns, dass wir uns jeden Tag aufs Neue mit den Versuchungen des Bösen auseinandersetzen, die uns im Alltag begegnen. So wie sie Harry Potter und seinen Freunden in ihrem Alltag begegnen.

Und so, wie den Schülern von Hogwarts in ihrem Alltag das große Böse, aber auch das große Gute begegnet, so begegnet es auch uns jeden Tag. Wir selbst bringen es durch unsere Entscheidungen, durch unsere Handlungen hervor.

reklame