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Vom belächelten Spinner zum Vordenker innovativer Ideen. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet sich noch bis zum bis zum 22. Mai dem Begründer der Anthroposophie und legt damit einen weiteren Grundstein zum Verständnis einer in der Öffentlichkeit vieldiskutierten und umstrittenen Weltanschauung.
mm/tdz. - Die Ausstellung „Kosmos Rudolf Steiner" in Stuttgart zeigt einmal mehr, wie stark der Begründer der Anthroposophie und damit der "Erfinder" ganzheitlicher Lebenskonzepte für die unterschiedlichsten Lebenszusammenhänge wirksam geworden ist, bis in Gegenwart und Zukunft. Nach der - von großem Medieninteresse begleiteten - Wolfsburger Ausstellung "Alchemie des Alltags" und "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" sind Rudolf Steiner und die Künstler der Gegenwart nun zum zweiten Mal die Protagonisten einer Schau, die versucht, das Leben und Wirken dieses Denkers und Philosophen und seinen Weg in das 21. Jahrhundert nachzuzeichnen und zu begleiten.
Keine Nostalgie
Der Versuch, Rudolf Steiner nicht als nostalgisch-romantische Figur zu verklären, muss hier - wie auch in Wolfsburg - als ein löbliches und gelungenes Unterfangen bezeichnet werden. Die AusstellungsmacherInnen haben die Kunst und die Künstler der Gegenwart in die Gesamtschau integriert, was als Hinweis zu sehen ist, dass die Anthroposophie tatsächlich im 21. Jahrhundert angekommen ist und dass diese Tatsache heute auch sichtbar gemacht werden darf. Die großzügige Architektur des Stuttgarter Kunstmuseums schafft gerade durch ihre klare und hervorragend belichtete Atmosphäre eine - notwendige - Distanz, die es ermöglicht, sich diesem "Kosmos" weitgehend voraussetzungslos zu nähern.
Über insgesamt drei Ebenen erstreckt sich die 2000 qm große Ausstellung, sie lässt dem Besucher viel Raum, die vielfältigen Relationen der einzelnen Exponate zueinander zu entdecken. Seien es die Architekturformen, die nicht nur im großartigen Goetheanum-Bau zum Ausdruck kommen, sondern auch in der Filmsprache der damaligen Zeit sichtbar werden; oder die Ausgestaltung von Inneneinrichtungen, Gebrauchsgegenständen und -möbeln, deren Entsprechung wir in zeitgenössischen Design-Formen wiederfinden. Diese Universalität scheint ihre Faszination auf den Betrachter auch nach fast einhundert Jahren nicht verloren zu haben.
Die Kunst der Gegenwart
Auch wenn fast alle Künstler - mit Ausnahme von Joseph Beuys - sich ausdrücklich nicht als Anhänger Steiners und seiner Anthroposophie verstehen, spiegeln ihre Werke doch die Reaktion auf die gegenwärtige Welt, die durch Globalisierung, Technisierung und Spezialisierung geprägt ist und den sozialen Bedürfnissen des Einzelnen immer weniger Raum einräumt. Diese Reaktion ist vergleichbar mit dem Anliegen Steiners, die Welt als ein Ganzes zu erklären und dem Menschen darin eine Aufgabe zuzuweisen; die Welt so einzurichten, dass das Getrenntsein des menschlichen Geistes vom Kosmos aufgehoben werde. Im Begleitbuch "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" sagt Claudia Wiese: "In meiner Vorstellung von Kunst geht der Gehalt des Kunstwerks weit über seine materielle und physische Existenz hinaus. (...) Ich würde nun nicht so weit gehen, der "Form" eine moralische Wirkung zuzutrauen, aber ich finde den Gedanken nachvollziehbar, dass ein Kunstwerk, eine"Form" eine geistige Entwicklung beim Betrachter erzeugen kann." Und Bernd Ribbeck spricht in einem Interview mit Ulrike Groos davon, dass ihn der Gedanke Steiners fasziniert: "dass das Kunstwerk nicht symbolisch für bestimmte Ideen aufzufassen ist, sondern in den Materialien und ihrer Zusammenfügung das geistige unmittelbar erfahrbar ist."
Lebens-Mittel Anthroposophie
Steiners Lebenswerk, das zeigt die dritte Ebene der Ausstellung, war auch zu seiner Zeit kein in die Vergangenheit gerichtetes Gerede eines Esoterikers, sondern hatte immer den entscheidenden praktischen Bezug, der Entwicklungen nach vorne treiben konnte und somit in die Weltzusammenhänge auf eine Weise eingriff, die den Heutigen durchaus auch Staunen, wenn nicht gar Bewunderung abringt. Wie anders sind die Ergebnisse der landwirtschaftlichen, pädagogischen, medizinischen und sozialtherapeutischen Arbeitszusammenhänge zu erklären? Die Bewunderung aber entspringt mitnichten einer Verklärung des großen Meisters, sondern anerkannt wird - durch eben diese Akzeptanz - der Hintergrund einer Weltsicht, die auf die Abschaffung von Barrieren zwischen den verschiedenen Menschengruppen zielt und dabei ausdrücklich die Individualität des Einzelnen im Blick hat.
Die problematischen Seiten, die sich durch manche seiner - von Historikern und Kritikern als rassistisch eingeordneten - Bemerkungen im krassen Gegensatz zu seinen Intentionen zu befinden scheinen, werden von aufgeklärten und unabhängigen Anthroposophen weder geleugnet noch verdrängt, auch wenn besonders eifrige Zeitgenossen daraus hin und wieder publizistisches Kapital schlagen mögen. Reinkarnation und Karma mögen sich mit dem auf ausschließliche Faktizität ausgerichteten Wissenschafts- und Mainstreamdenken von heute nicht unbedingt vertragen, die durch spirituelle Gesichtspunkten ergänzte Herangehensweise an die vielfältigen Probleme der Welt hat nichtsdestoweniger ihre volle Berechtigung, rundet erst das ganze Bild und mag sich dereinst vielleicht sogar als die richtigere erweisen.
Steiner in Stuttgart
Die Beziehungen der Anthropsophie und Rudolf Steiners zu Stuttgart sind vielfältig. 1904 hielt Steiner hier seinen ersten Vortrag, Stuttgart ist also so wie kaum ein anderer Ort dazu geeignet, den Kosmos Rudolf Steiner zu visualisieren, hier entstand 1919 die erste Waldorfschule und auch die - leider immer noch fragmentarisch gebliebene - Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus nahm hier ihren Anfang.
Für die Stuttgarter, denen der Anblick anthroposophischer Architektur nicht so ganz fremd sein wird, dürfte deshalb gerade das umfangreiche Begleitprogramm noch einmal einen neuen Blick auf Steiner ermöglichen. Die Stuttgarter Nachrichten schreiben in ihrem Bericht über die Ausstellung: "[Der]"Kosmos Rudolf Steiner" wird schließlich erst durch das umfangreiche Begleitprogramm ein Ganzes." In der Tat bietet dieses Begleitprogramm eine Vielfalt von Möglichkeiten, sich Rudolf Steiner im Rahmen unterschiedlichster Ansätze zu nähern, wobei vermutlich diejenigen Veranstaltungen am interessantesten sein werden, die sich dem Leben Steiners im kritischen Diskurs nähern, wie beispielsweise Veranstaltungen mit der Steiner-Biographin Miriam Gebhardt oder Helmut Zander, der ebenfalls eine Steiner-biographie vorgelegt hatte.
Auch wenn es der "Wissenschaft" zur Zeit nur in Ansätzen gelingt, die geistigen Intentionen Steiners sichtbar zu machen, was vielleicht auch vorrangig eine Aufgabe von Anthroposophen sein könnte, lässt sich doch ein immer stärker werdendes Interesse der Öffentlichkeit bei der Erforschung des "Kosmos Rudolf Steiner" erkennen. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die vom Vitra-Design-Museum und den Kunstmuseen Stuttgart und Wolfsburg gestalteten Ausstellungen einen Überblick über das kulturgeschichtliche, künstlerische und praxisorientierte Schaffen Rudolf Steiners gibt, dessen Wirkung sich die BesucherInnen kaum entziehen können und dieses in den allermeisten Fällen wohl auch nicht wollen.
Kosmos Rudolf Steiner Kunstmuseum Stuttgart 4.2.-22.5.2011

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