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Kollektivimpulse überwinden

Freiwerden von Gruppeneigenschaften

Ein Beitrag von Hermann Bauer
zuerst erschienen in der Wochenschrift das Goetheanum 10/2008

Der Rassismusvorwurf gegenüber Rudolf Steiner hat längst anthroposophische Arbeitszusammenhänge erfasst. Intern wird diskutiert, gestritten, sich abgegrenzt. Nach Erklärungen des Bundes der Freien Waldorfschulen und des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland (‹Goetheanum› Nr. 47/2007) folgt nun eine Initiative des Info3-Verlags mit einem Memorandum. Hermann Bauer ist wichtig, dass das Erkennen von Gruppeneigenschaften gerade als Grundlage zum Werden einer freien Persönlichkeit gehört.

Es ist sicher zu begrüßen, dass eine weltweite Sensibilisierung dafür entstanden ist, wie menschenunwürdig Rassismus und Diskriminierung sind. Problematisch wird das nur, wenn man die Augen gänzlich davor verschließen will, dass es doch in der Tat durchaus Gruppeneigenschaften gibt. Denn das Erkennen und richtige Werten solcher Eigenschaften kann Ausgangspunkt wesentlicher Entwicklungsschritte auf dem Weg zur freien Persönlichkeit sein, während die Unkenntnis über sie dieser Entwicklung im Wege steht. Allerdings ist es dabei von Anfang an überaus wichtig, sich darüber klar zu sein, dass solche Eigenschaften nur Tendenzen sind und dass sie wesentlich nur den physischen und den Ätherleib betreffen. Sie wirken natürlich in die höheren Wesensglieder hinein, sind aber dort nicht verankert, sondern können gerade von dort, insbesondere vom Ich aus, geformt werden. Rudolf Steiner unterscheidet da ganz klar – auch gerade in dem Arbeitervortrag, der immer wieder als Grundlage des Rassismusvorwurfes herhalten muss: «Sehen Sie, meine Herrn, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon» (‹Vom Leben des Menschen und der Erde›, GA 349).

Erkennen ist nicht beurteilen

Daraus wird sofort klar, dass man eine Persönlichkeit niemals danach beurteilen oder gar behandeln darf, welcher Gruppe sie angehört, da man sie dann in der Gruppenhaftigkeit festlegt und sie nicht als ich-begabtes Wesen anerkennt und ihre Würde verletzt. Man darf also nie die Kenntnis von Gruppeneigenschaften als Grundlage für Pauschalurteile benutzen. Dies zu unterbinden ist ja auch der Inhalt des Artikels 3 im deutschen Grundgesetz. Er verbietet nicht, Gruppeneigenschaften zu erkennen und darüber zu reden, wohl aber, die Behandlung von Menschen davon abhängig zu machen: «Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.» Solche Eigenschaften sollten auch keinesfalls durch statistische Erhebungen erforscht werden, sondern sich aus Beobachtungen auf Grundlage einer umfassenden Menschenkunde ergeben. Andererseits zeigen Vergangenheit und Gegenwart deutlich, wie sehr es heute darauf ankommt, dass die Menschen nicht nur rechtlich, sondern ganz real in ihrer seelisch-geistigen Entwicklung unabhängig werden von einseitigen Bestimmungen und Eigenheiten infolge der Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe. Man braucht natürlich diese Eigenheiten nicht gleich alle auszumerzen, aber man sollte sie werten.

Prüfen als Element der Selbsterkenntnis

Wertvolles sollte man pflegen im Sinne des Goethe-Wortes «Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen» – anderes sollte man harmonisieren, und so manches sollte man auch wirklich überwinden. Um ein simples Beispiel zu bringen: Es ist für einen Deutschen durchaus sinnvoll, wenn er weiß, dass Deutsche im Ausland oft als ‹Besserwisser› verschrien sind. So las ich bei Leo Tolstoi, ein Deutscher sei ein Mensch, der erstmalig in seinem Leben eine Sternkarte sieht und sie sofort kritisiert und verbessern will. Man kann sich als Deutscher in dieser Hinsicht prüfen und sein Verhalten danach einrichten, was durchaus einen Forschritt bedeutet. Im Zyklus über das Johannes-Evangelium (GA 103) spricht Steiner davon, dass die Rassenzugehörigkeit immer weniger Bedeutung haben wird, weil der Mensch sich von der Prägung durch sie ganz befreien kann: «Aber man erweckt doch zu leicht falsche Vorstellungen durch das Wort Rasse, weil man übersieht, dass das Einteilungsprinzip für die Menschheit, das wir heute haben, ein viel innerlicheres ist. Und gar auf das, was unsere Kultur ablösen wird, wird überhaupt der Ausdruck Rasse nicht mehr angewendet werden dürfen [...]» Allerdings warnt er auch davor, sich deswegen für alle Unterschiede zwischen Menschen blind zu machen: «Insbesondere kann leicht ein Missverständnis darüber entstehen, wenn manche glauben, dass man [...] sich vor den Unterschieden der Menschen verschließen soll, weil man Standes-, Rassen- und so weiter Vorurteile bekämpfen soll.» Es kommt eben darauf an, Unterschiede zu erkennen, um Entwicklungsmöglichkeiten zu erfassen.

Urteil im Kontext der Wertschätzung

Hier ist nun aufschlussreich, was Steiner über die Europäer ausführt. Bei den «armen Europäern» dominiere das Denkleben. Daher fühlen sie im dominanten Gebiet ihr Innenleben gar nicht und werden leicht Materialisten. Es ist bezeichnend, dass diese Stelle nicht als die Europäer diskriminierend kritisiert wird. Obwohl diese Charakterisierung doch die Europäer kritisch von anderen Volksgruppen unterscheidet, wird sie nirgends angegriffen. Das bestätigt sie aber gerade: Der Intellekt gilt im allgemeinen Bewusstsein der Europäer als überaus wertvoll. Gerade jetzt wird das Bildungswesen vor allem in Deutschland von einer Welle überschwemmt, die möglichst frühe und möglichst umfangreiche Entwicklung des Intellekts fordert. Da plant man frühkindliche Bildung in Naturwissenschaften womöglich sogar am Computer, entwickelt Bildungsstandards für alle Wissensgebiete und ein ausgefeiltes Kontroll- und Prüfungswesen dafür. Die Ausbildung von moralischen und künstlerischen Qualitäten tritt dagegen ganz zurück; sie wird zwar als ‹Wertevermittlung› und ‹Kreativität› noch erwähnt, steht aber im Grunde nur noch auf dem Papier, denn dass Kinder auf dem eingeschlagenen Weg zu Materialisten erzogen werden, wird überhaupt nicht als Gefahr gesehen. Da man intellektuelles Denken überaus hochschätzt und das daraus hervorgegangene wissenschaftliche Weltbild nicht anzweifelt, muss man über Konsequenzen daraus gar nicht nachdenken, denn sie sind, wenn sie eintreten, einfach notwendig. Man erkennt, wie Steiners Charakterisierung zutrifft, wie wenig sie als Einseitigkeit erkannt ist und wie wichtig es wäre, sie durch Vergleich mit anderen Volksgruppen zu begreifen, zu bewerten, zu relativieren, ihre Einseitigkeit zu ergänzen und Auswüchse zu beschneiden.

Schwere historische Hypotheken

Hierher gehört nun auch die Charakterisierung der ‹schwarzen Rasse›. In diesem Bereich trifft man allerdings auf schwere historische Hypotheken, da diese Menschengruppe lange unterdrückt und verachtet wurde. Daraus kann man zum Beispiel begreifen, dass der amerikanische Nobelpreisträger und bedeutende DNA-Pionier James Watson zurücktreten musste, weil er behauptet hatte, allen Untersuchungen zufolge entspreche die Intelligenz von Schwarzen nicht der von Weißen, sondern sei geringer. Man kann aber vermuten: Hätte er umgekehrt festgestellt, dass die Schwarzen schlauer oder intelligenter als die Weißen sind, so hätte wohl niemand seinen Rücktritt verlangt. Dies zeigt, wie unbeirrt wir am Glauben an unsere intellektuellen Überlegenheit festhalten. Ich möchte nun nicht auf Steiners Charakterisierung der Afrikaner eingehen, sondern Laurens van der Post zitieren, dem man ganz sicher keine Missachtung der Schwarzen unterstellen kann. Er schildert am Beispiel der Afrikaner in eindrucksvoller Weise das Spannungsfeld zwischen Individualität und bloßer Gruppenhaftigkeit. «Ich liebe das Afrika der Eingeborenen, mein eigenes Geburtsland – außer wenn sein Geist zu schwärmen beginnt. Europa hat im Lauf der Jahrhunderte gelernt, sich einigermaßen gegen die dunklen Kollektivimpulse zu wappnen, die von Zeit zu Zeit gegen die Persönlichkeit aufstehen [...] Mir wurde furchtbar schwer ums Herz. Bis zum heutigen Tag empfinde ich es als eine der entmutigendsten Erfahrungen, wenn die Einzelpersönlichkeit ihr individuelles Sein einem einheitlichen Kollektiv unterwirft.» Die sich daraus ergebenden Gefahren schildert er am Beispiel des ‘Mlageni, einer der edelsten Menschengestalten, die je literarisch beschrieben worden sind: «‹Oh ’Mlageni›, rief ich, ‹bitte mach dir nicht solchen Kummer, lass mich dir helfen. Sag mir, was es ist...› ‹Ich würde es tun, aber ich bin nicht ich. Ich stehe hier und warte darauf, daß ’Mlageni zurückkommt. Aber ’Mlageni ist nicht zurückgekommen.› [...] Mir fiel ein, was ich von der Geschichte der vielen Aufstände der Menschen in meiner Heimat gehört habe. Anfangs bestand das Hauptmittel darin, zu verhindern, dass sie sich zusammenrotteten. Je höher ihre Zahl, um so größer die Gefahr; denn in solcher Stimmung wirkt ihre bloße Zahl auf sie wie Haschisch. Kopf und Herz geraten in einen Rauschzustand und sie gerinnen zu dämonischer Einheit.» Er beschreibt dann noch den ‹Schlachtgesang›, mit dem die Afrikaner zu einem Rachezug gegen die Inder in Port Natal eindringen: «Der Klang schien nicht aus tausend Kehlen zu kommen, sondern fern und tief aus den Leibern von Männern, in denen ein uraltes Feuer brannte.» Kenner des heutigen Afrika mögen entscheiden, inwieweit dies alles heute überholt ist oder ob es noch nachwirkt und man manche Entwicklung (zum Beispiel in Kenia) durch ein Wissen von diesen Kräften besser verstehen und dadurch positiv beeinflussen kann. Jedenfalls können Steiners Ausführungen im Arbeitervortrag, wenn man sich nicht durch die auf die Hörer abgestimmte derb bildhafte Ausdrucksweise beirren lässt, manches von van der Posts Ausführungen beleuchten und können umgekehrt davon beleuchtet werden. Mit Rassismus hatten und haben beide aber nichts zu tun, sondern es geht gerade um das Unabhängigwerden, das Freiwerden von Rassen- und Gruppeneigenheiten im Denken, Fühlen und Handeln.

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