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Abenteuer Pädagogik


Kerbholz28
ein Bericht von Michael Mentzel

Eine der spannendsten pädagogischen Herausforderungen ist vermutlich der Umgang mit Schulverweigeren und unmotivierten Schülern. Mit Kindern, denen alles irgendwie schnurz zu sein scheint und die man durch Ansprache und lange Reden immer nur noch mehr langweilt. Hier den Animateur zu spielen heißt Kasperle auf der ganzen Linie. Nur dass keiner lacht, sondern der Frust immer größer wird. Es geht aber auch anders. das zeigt ein Projekt in der Schweiz, das wegweisend für einen neuen Umgang mit schwierigen Jugendlichen sein kann.

 

Für Jugendliche, die etwas "auf dem Kerbholz" haben, gibt es die Initiative Kerbholz28. Vor einigen Jahren von der Landschaftsgärtnerein Alice-Maria Zbinden ins Leben gerufen, macht diese Organisation eine Arbeit, die Jugendliche plötzlich wieder etwas kennen lernen lässt, was sie vermutlich, wenn überhaupt, nur vom Hörensagen kannten. Den Umgang mit der Natur und zwar da, wo die Natur, einer pädagogischen Oase gleich, zum Umgang mit den Gewalten herausfordert. Grenzen erkennen und überwinden. Dabei die Bodenhaftung nicht verlieren und merken, dass es Menschen gibt, die anzusprechen sind, die ein Ohr für die Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen haben und die Mittel und Wege kennen, aus frustrierten Computer-Kids richtige Kinder zu machen. Und das nicht mit einem pädagogischen Holzhammer, sondern mit Methoden, die anders sind. Alice-Maria Zbinden arbeitet zusammen mit einem Team engagierter Kollegen. Worin der besondere Ansatz bei ihrem Konzept liegt, beschreibt sie so:
"Wir versuchen, den Kindern zu vermitteln, dass sie mit ihren Schwächen umgehen lernen und ihre Stärken und sich selbst erleben können. Im gewalt und suchtfreien Umfeld des Waldes lernen die Kinder ein neues Denken, mit anderen zusammen erleben Sie bei der Arbeit neue Strukturen und können Verantwortung übernehmen, auch und gerade für sich selbst. Für die persönliche Entwicklung wichtige Erfahrungen werden durch Grenzerfahrungen gemacht, sie werden Mitglied in einer sozialen Gemeinschaft, ohne ihre Persönlichkeit aufzugeben. Sie können zur Ruhe kommen und auch einmal nachdenken, ohne sofort Ergebnisse vorweisen zu müssen."

12 Wochen dauert eine Maßnahme bei Kerbholz. Während dieser Zeit kümmert sich das Team um die Kinder und arbeitet tagsüber gemeinsam mit ihnen im Wald bei völliger Absenz jeglicher Infrastruktur. Die Nächte verbringen die Kinder wie gewohnt zu Hause. Die Kinder bauen sich Hütten, Unterstände und Feuerstellen und erreichen so ein grosses Mass an Lebensbewusstsein. Denn die Überlegung, sich ein einigermaßen gemütliches Quartier zu schaffen, fordert Organisationstalent und praktisches Handeln heraus. Da müssen Berechnungen und Zeichnungen angefertigt werden und alles muss genau geplant werden. In der Schule Gelerntes erfährt hier plötzlich eine praktische Umsetzung. Spielerisch entdecken die Jugendlichen, wozu sie eigentlich gelernt haben und was lernen bedeutet. Ohne dass es ihnen besonders bewusst wird, lernen sie zusammenhängendes und vernetztes Denken, haben durch Planung und Umsetzung des Geplanten ein direktes Erfolgserlebnis und können im Anschluss daran das Ergebnis wiederum in abstrakte Gedanken umwandeln.

Wichtige zusätzliche Elemente sind feste Tagesstrukturen, das Wecken von Interesse für Andere und das Training gewaltfreier Kommunikation. Alle diese Situationen werden in einer Umgebung erlebt, die keinen Druck und kein Gewaltpotential aufbaut und somit für die Kinder keine Bedrohung darstellt. Wie er das erlebt hat, beschreibt ein Jugendlicher auf der Internetseite von Kerbholz28:
"Als mich die Schulkommission von der Schule rauswarfen, da hatte ich nicht mal eine Lehrstelle in der Hand. Ich musste nach Hause gehen und nichts machen. Da erzählte mir Frau M. (Beraterin) etwas über Kerbholz und da wollte ich’s unbedingt kennen lernen, damit ich zumindest etwas zu tun hätte und nicht einfach zuhause herumsitzen musste. Ich machte einen Termin ab und sprach mit Alice Zbinden darüber, die Chefin der Kerbholzschule. Sie erklärte mir alles und da sagte ich sofort Ja! Nach dem ersten Tag war alles für mich wie ich es wollte (perfekt). Ich lernte Leute kennen, lernte viel, baute viel, fragte viel, aber das beste war: ich fühlte mich wohl! Das waren die schönsten Tage in meinem Leben!"

Für die Eltern der Kinder bieten diese 12 Wochen neue Möglichkeiten, sich über das Verhältnis zu ihren Kindern klar zu werden und eventuell zu neuen Lösungen im Umgang mit ihnen zu gelangen. Auch hier wird Hilfe von außen angeboten, wenn es gewünscht ist.

Die Philosophie von Kerbholz28 ist, genau hinzuschauen: "Denn wer hinschaut, kann Situationen erkennen und lenken. Es geht nicht um Schuld, es geht darum zu lernen, wie wir unseren Kindern eine föhliche und seelisch gesunde Kindheit bieten können. 12 Wochen sind lang, wenn man sie mit Frust und Abwertung füllt, aber sie sind nichts im Vergleich zum Verhältnis eines ganzen Lebens. Doch können diese 12 Wochen alles entscheiden. Lasst uns sie nutzen; zu Gunsten der Kinder und Jugendlichen!"

Im Internet finden Sie Kerbholz28 unter www.kerbholz.org