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Spurensuche

17.05.2010

Postkarte von Klaus Staeck (1985)

Josef Beuys: "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt"

mm/tdz. 17.05.2010 - Ein vielzitierter Satz auch im nicht-anthroposophischen Kontext ist der Satz von Joseph Beuys: "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt." Doch woher stammt eigentlich dieser Satz? Viele Menschen kennen ihn, aber weiß auch jeder, der ihn gebraucht, wann dieser Satz zum ersten Mal gesagt wurde? Ich bemühe Google bei der Suche: Aha, sehr interessant, in mehreren evangelischen Predigten finde ich dieses Zitat und es stellt sich dabei heraus, dass nicht nur Journalisten, Massen- und andere Medien hin und wieder voneinander abschreiben, sondern offensichtlich kommt inzwischen auch der Seelsorger nicht ohne Google aus, denn immer ist auch der jeweilige Kontext fast wortgleich, nämlich, dass sich Menschen begegnen und "sich in die Arme fallen" oder dergleichen. Da es jeweils im eigenen Ermessen liegt, wie dieser Satz interpretiert oder benutzt wird, ist es wesentlich, was die jeweiligen LeserInnen für sich mit diesem Satz verbinden; und so könnte ich mich eigentlich mit meinem Suchergebnis zufriedengeben und selbst darüber nachdenken, was dieser Satz für mich bedeutet.

Aber wann hat Joseph Beuys diesen Satz eigentlich gesagt? "Berühmt geworden ist dieses Zitat des großen Künstlers Joseph Beuys, das er am 7.11.1979 auf einen schwarzen Karton geschrieben hat.", heißt es in einer Predigt zum Adventssontag 2007. Soso.. auch diese Angaben werden gleich von den meisten übernommen, so ist es eben, das Internet. In einem anderen Text heißt es ähnlich, Beuys hätte ihn mit Frakturschrift weiß auf schwarzem Grund...usw. In der Tat findet sich bei dem Grafiker Klaus Staeck eine vom 7. November 1979 datierte Ansichtskarte mit dem Zitat. 

Soweit so gut, sagt Rainer Rappmann, ausgewiesener Beuys-Experte vom FIU-Verlag in Wangen: Beuys hätte diesen Satz öffentlich zum ersten Mal in einem Interview mit dem Spiegel-Journalisten Peter Brügge gebraucht. Das Zitat sei aber nicht vollständig, denn in dem Interview bestünde der Satz aus zwei Teilen und gehe noch weiter: "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt, nicht am Goetheanum." Eine für die damalige Zeit nicht ganz unwesentliche Ergänzung. Und auf die dann folgende Frage von Peter Brügge, dass man dann ja bei ihm (Beuys) erst das Sehen lernen müsse: "Deswegen sage ich doch andererseits ganz einfache Sachen und will für die Leute etwas ganz Entgegengesetztes, nämlich ein Spielzeug sein. Die können mit mir machen, was sie wollen. Ich bin der Narr, der Idiot mit dem Filzhut. Sie stoßen mich in die oder jene Ecke. Ich stelle mich da ganz einfach zur Verfügung. Ich will den Leuten klarmachen, daß ich eigentlich genauso bin wie sie selber."

Der erste Teil dieses Zitates wurde dann 1985 von Klaus Staeck auf einer Postkarte verewigt. Er hatte, so erzählt er am Telefon, Beuys gebeten, auf einige Tafeln zu schreiben, was ihm so einfiel. Bei diesen Tafeln war dann auch die mit dem Spruch, von Beuys mit dem Datum 7.11.1979 versehen. Die Tafel, so Prof. Staeck, sei immer noch in seinem Besitz. In welchem Zusammenhang Joseph Beuys seine Worte im Jahre 1979 gesagt habe, wüsste er leider nicht.

So ganz gebe ich mich noch nicht zufrieden, will es jetzt ganz genau wissen. Also frage ich Jürgen Binder, er hat lange eng mit Joseph Beuys zusammengearbeitet, ist Gründungsmitglied der Grünen und war bis 2005 künstlerischer Leiter des "Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne" von Hugo Kükelhaus. Im Gespräch erinnert er sich, dass Beuys diesen Satz gesagt hätte, an das genaue Datum aber kann er sich nicht erinnern. Sehr gegenwärtig aber sei ihm noch "das spitzbübische Lächeln" gewesen, das Beuys bei diesen Worten aufgesetzt hätte. 

Das von Beuys Gesagte - wie auch seine Auffassung über den "erweiterten Kunstbegriff" hat seinerzeit - soweit ich mich erinnere - nicht allen Anthroposophen gefallen, heute jedoch haben sich die Formen der Darstellung wie auch die der Rezeption der Steinerschen Inhalte gewandelt und so kommt es mir doch manchmal vor, als wenn mancher heutige "Narr" so ein ganz klein wenig von gestern ist. Fortsetzen kann man übrigens eine solche Spurensuche im Kunstmuseum Wolfsburg, und zwar in den beiden großen Ausstellungen im Zusammenhang mit Rudolf Steiner und seiner Anthroposophie und natürlich auch bei Rainer Rappmann vom FIU-Verlag. Es lohnt sich!

www.kunstmuseum-wolfsburg.de
www.fiu-verlag.com
www.staeck.com

 

 

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