|
Vielfältige Berührungspunkte zwischen Islam und Christentum
Das erste Mannheimer Bildungsgespräch der Freie Hochschule Mannheim ist ein interreligiöser Studientag – Dialog in Zusammenhang mit dem Europäischen Jahr gegen Armut und Ausgrenzung von Cornelie Unger-Leistner
Wo gibt es Berührungspunkte, wo deutliche Unterschiede zwischen Islam und Christentum? Und wie sind die Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft? Diesen Fragen ging die Freie Hochschule Mannheim Ende Februar mit einem Studientag zum Thema „Islam und Christentum- ein ewiger Kampf?" nach. Die Hochschule stellte ihre Veranstaltung als interkulturellen Dialog bewusst in einen Zusammenhang mit dem Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Talat Kamran, Leiter des Instituts für Deutsch-Türkische Integrationsstudien und interreligiösen Dialog in Mannheim: „religionsbezogene Unterschiede und Vorurteile führen zu gesellschaftlicher Ausgrenzung und Armut. Integration muss hier durch Dialog entstehen, denn nur so können sich die verschiedenen Kulturen informieren, sich verstehen und miteinander leben"
Talat Kamran erläuterte den Anwesenden Grundzüge der islamischen Religion. Vor dem Hintergrund eines religiös begründeten Terrorismus gerate jeder Moslem in Europa seit dem 11.September 2001 schnell in einen Rechtfertigungszwang, betonte Kamran. „Dabei hat Terrorismus mit mir und meiner Religion überhaupt nichts zu tun. Der Islam verbietet Selbstmord, wenn jemand unsere Religion als Begründung für Attentate benutzt, ist das nicht richtig." Ein Problem bestehe darin, dass Muslime nicht einheitlich organisiert seien und der Identifikation von Islam und Terrorismus in der Öffentlichkeit wenig entgegensetzen könnten.
Kamran sprach sich dafür aus, bei der Interpretation von Begriffen aus dem Koran stets auch deren historischen Kontext mit einzubeziehen. Vieles, was heute auf Europäer befremdlich wirke, lasse sich durch den Entstehungszusammenhang besser verstehen. Die Offenbarungen des Koran seien vor 1400 Jahren ausgesprochen worden zu einer Zeit, in der in Saudi-Arabien die patriarchalische Stammesordnung eines Beduinen- und Nomadenvolks geherrscht habe. „Das waren schwierige Lebensverhältnisse, es gab wenig Ressourcen, Gewalt war an der Tagesordnung und Abschreckung war wichtig", betonte Kamran. Koranzitate dürften nicht mit dem Verständnis des 21.Jahrhunderts beurteilt werden, es komme darauf an, ihren Sinn für die heutige Zeit zu verstehen.
Kamran erklärte auch, dass die islamische Gesetzesordnung Scharia nicht mit den Vorschriften des Koran identifiziert werden dürfe. Sie beziehe sich ebenfalls auf eine bestimmte historische Situation, im Koran sei zum Beispiel das Prinzip der Vergebung enthalten. Zum Thema „Dschihad" erfuhren die Zuhörer, dass dieser Begriff eigentlich „innere Anstrengung" bedeute, der „Kampf gegen Ungläubige", wie er von islamischen Fundamentalisten postuliert werde, ergebe sich nicht notwendig aus der islamischen Religion. „Krieg im Namen des Islam oder im Namen von Allah ist nicht erlaubt", betonte Kamran. Wenn Gruppen diese Verbindung herstellten, handelten sie in ihrem eigenen Interesse, nicht wirklich im Namen des Islam. Kamran machte Armut und ein geringes Bildungsniveau für die Anziehungskraft des islamischen Fundamentalismus verantwortlich.
Dr. Albert Schmelzer vom Institut für Interkulturelle Pädagogik der Freien Hochschule Mannheim* befasste sich in seinem Vortrag mit der Darstellung des Christus im Koran und überraschte die Zuhörer mit mehreren Suren, in denen die Verkündigung der Geburt des Christus gegenüber Maria und seine Geburt unter einer Dattelpalme dargestellt werden. „Es gibt schon viele Elemente im Koran, bei denen man Parallelen zum Neuen Testament feststellen kann", betonte Schmelzer. Berührungspunkte zwischen beiden Religionen sah er vor allem im Monotheismus und der starken Stellung des Menschen als des Trägers der Vernunft.
Obwohl im Koran dem Schicksal und damit der Vorherbestimmtheit der menschlichen Existenz ein großer Stellenwert eingeräumt werde, gebe es auch andere Suren, die Handlungsfreiheit und die Notwendigkeit der Entscheidung des Menschen unterstrichen. „Hier werden durchaus Schicksal und Freiheit zusammengebracht, man sieht eine starke Affinität zum Karmagedanken", betonte Dr. Schmelzer. Er wies auch auf die Bildhaftigkeit der Sprache des Koran hin, die man nicht unbedingt wörtlich nehmen müsse wie beispielsweise die Darstellung des Paradieses. Unterschiede ergeben sich vor allem in der Frage der Auferstehung.
Sie werde im Koran offen gelassen.
Als gute Diskussionsgrundlage erwies sich am Ende die Richtung des Sufismus, eine mystische Richtung im Islam. Hier, so betonte Talat Kamran, werde kein Unterschied zwischen allen Gesandten Gottes gemacht, ob sie nun Mohammed, Christus oder Buddha hießen. „Die göttliche Weisheit wird überall verkündet, nur nimmt sie eben verschiedene Formen an, die Unterschiede werden nur von den Theologen herausgearbeitet", betonte Kamran. Den Sufis gehe es darum, über das eigene Ego hinauszugehen und den göttlichen Funken in sich selbst zu entdecken. Hier könne jeder nur bei sich selbst anfangen; wie der andere seine Religion ausübe, sei gleichgültig. Am Ende der Veranstaltung, die von Christoph Doll (interkulturelle Waldorfschule Mannheim Neckarstadt, Institut für interkulturelle Pädagogik der Freien Hochschule Mannheim) moderiert wurde, stand der Gedanke, dass es sinnvoll sei, auch andere Religionen in den Dialog einzubeziehen.
|