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Is this really me?

Die Rezension der Memoiren von Gehard Schröder wirft einen Blick auf den Umgang mit Macht und Verantwortung. Dass sich Menschen verändern, finden sie sich plötzlich in Zusammenhängen wieder, in denen sie Entscheidungen treffen müssen, die nicht bloß sie oder ihr näheres Umfeld betreffen, ist nicht verwunderlich. Manche Politiker haben allerdings so ein dickes Fell, dass ihnen die Erkenntnisfähigkeit abhanden gekommen zu sein scheint. Gehört auch Schröder zu einer solchen Spezies?
Hans Wallow über das Buch "Entscheidungen - mein Leben in der Politik" von Gerhard Schröder.

Von der eingeschränkten Wahrnehmung
und dem, was fehlt
von Hans Wallow

„Stroszek" - ein Film von Werner Herzog, endet mit der Einstellung eines dauernd rotierenden Skilifts. An einer der Gondeln, in der Bruno S. sein Leben aushaucht, ist ein Schild mit der Aufschrift befestigt: „Is this really me?" - Bin ich das wirklich? Diese Frage drängt sich jedes Mal von neuem auf, wenn Politiker ihre „Memoiren" genannten Selbstdarstellungen vorlegen, die ja doch nur persönliche Fiktionen widerspiegeln, und so auch hier. Der Autor Gerhard Schröder glänzt weder durch Stil noch im Inhalt, aber im Überspielen seines Fintenreichtums.

Deshalb ist die Frage nach der Realitätsnähe der Biographie des während seiner Amtszeit als Selbstinszenierer gerühmten Gerhard Schröder rein rhetorisch. Zweifellos ist sein Buch nichts anderes als der Versuch, sein sprunghaftes Regierungshandeln nachträglich als von „erkenntnisleitendem Interesse" gesteuert darzustellen, sprich: dieser Orgie der Ignoranz gegenüber demokratischen Prozessen planvolle Überlegungen anzudichten, um endlich den Makel des vtG (Parlamentsjargon für vorgetäuschten Tiefgang) loszuwerden. Aber es gibt in der Politik zu viele kompetente Zeitzeugen, die seine von Selbstverliebtheit bestimmten Rechthabereien in politischen Sachfragen nur zu oft erdulden mußten. Tricky Gerhard lobt sie, damit er nobel erscheint und die möglichen Kritiker als nachkartende kleine Wichte in Erinnerung bleiben.

Will man ernsthaft die zweifellos vorhandenen Goldnuggets in den Selbsterinnerungen herauswaschen, dann muß man nach Art eines Personalchefs die Möglichkeiten ausschöpfen, zu dessen Pflichten es gehört, Lebensläufe auf „Rasuren" und geschönte Stellen zu überprüfen. Sonst kann der Schreiber sich wie im Vorwort auf eine „eingeschränkte Perspektive" im Nachhinein auf Gedächtnisschwäche, Unwissenheit, Staatsgeheimnisse oder Bedeutungslosigkeit eines Vorgangs herausreden. Aber selbst wenn in seinem Buch „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik" nur einige bedeutsame Halbwahrheiten als Politprosa zurückgestuft werden, wird empfohlen, dass wie bei den Zigarettenschachteln vom Gesetzgeber gefordert, auf dem Buchdeckel eine Warnung gehöre: „Vorsicht, Lektüre kann verwirren", oder besser noch: „Achtung, wahre Lügengeschichten". - Schon wegen der eingeschränkten Perspektive.

Erinnern wir uns: Nach dem Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder wurde der weltbekannte französische Pantomime Marcel Marceau im WDR-Fernsehstudio im Hinblick auf Körpersprache und deren Wirkung auf die Zuschauer befragt. Sein Fazit lautete: Beim Akteur Schröder seien im Gegensatz zu Frau Merkel die Bewegungsabläufe und Mimik mit den inhaltlich-verbalen Aussagen nicht synchron gewesen. Oder um es mit den westfälischen Bauern auszudrücken: Da führte einer den falschen Hund durchs Dorf.

Im Gegensatz zu seinem Freund Wladimir Putin, in dem jeder den machtbewußten, aber disziplinierten Asketen erkennen kann, spielt der Exkanzler auch in seinem eigenen Drehbuch zu viele Rollen. Deshalb sollte man den Lesern und Leserinnen raten, immer erst danach zu fragen, was in den Äußerungen und Verlautbarungen eigentlich fehlt. Denn nur so kann man hinter der virtuellen, unauthentischen Figur Gerhard Schröder den Politiker und Menschen erkennen. Gelegentlich sind es Nebensächlichkeiten, die spätere Handlungen und Entscheidungen entschlüsseln. Der Exkanzler beschreibt, wie es ihn als Eisenwarenverkäufer in die Hinterzimmer der Göttinger Gaststätten trieb. Mutig wäre es gewesen, wenn er hinzugefügt hätte, daß er an einem Parteitag der Deutschen Reichspartei des späteren NPD-Gründers Adolf von Tadden teilnahm. Viele hätten verstanden, daß auch er mit 19 Jahren noch ein orientierungsloser junger Mann war, der noch nicht wußte, wo „rechts" oder „links" war.

Bei der Beschreibung seines Verhältnisses zu Oskar Lafontaine offenbart sich ein neuer Schröder, nämlich als ein phantasievoller Romanautor mit psychotherapeutischen Vorkenntnissen aus der Volkshochschule, der auch als Serienproduzent für RTL seine Kohle machen könnte. Die Zeitzeugen erlebten eine andere Realität, die nur auszugsweise wiedergegeben werden kann.

Das Verhalten der sogenannten Enkelgeneration, dazu gehörten ursprünglich Engholm, Schröder, Lafontaine, Scharping und Heidemarie Wieczorek-Zeul, war in der inneren Auseinandersetzung immer von gegenseitiger rüder Respektlosigkeit geprägt. Jeder kannte die Schwächen des anderen seit Jahren aus der Jugendorganisation. Es gab Zweckbündnisse, die Freundschaftsrituale aber waren reines Schmierentheater für die Öffentlichkeit.

Nach der gewonnenen Wahl 1998 änderte sich nichts an der Machtfülle des Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine und des von ihm dominierten Präsidiums. Die Koalitionsverhandlungen waren unumschränkt eine Angelegenheit der Partei. So brüskierte Oskar Lafontaine Gerhard Schröder, indem er nach dem Wahlsieg im Alleingang das Präsidium zur Verhandlungskommission ernannte. Schröder hielt sich zurück, da er ein optimales Abstimmungsergebnis bei der Wahl zum Bundeskanzler erreichen wollte. Jedem Hinterbänkler aus der Bundestagsfraktion, den er traf, tätschelte er die Schulter, was in seiner Sprache so viel hieß wie: „Na, du kleiner Kacker". Einen Tag nach der Wahl zum Bundeskanzler kam Gerda, so nannte ihn seine Frau Hillu, dann auch schon aus der Deckung. Er war ja jetzt ausgestattet mit einem eigenen Machtapparat, den der noch einige Grade selbstherrlichere Lafontaine unterschätzte. Für den schien die Sache klar: „Es geht gar nicht anders, als daß das Präsidium die Koordinierungsinstanz ist." - Der SPD-Vorsitzende saß dann dort und träumte von einer Art Überkanzler. Es blieb jedoch ein Tagtraum. Lafontaine mußte erleben, wie das Machtzentrum der Partei binnen kürzester Zeit zerbröselte und damit auch seine eigene Macht. Zum ersten Mal in seinem Leben. Der Taktiker Schröder ließ ihn einfach ins Leere laufen und erschien nicht mehr im Parteipräsidium. Er ließ durch seinen Kanzleramtsminister Bodo Hombach bereits Anfang Februar 1999 die wichtigsten sozialdemokratischen Parteien Westeuropas wissen, dass die Programmarbeit der SPD künftig vom Bundeskanzler vorgegeben würde.

Blind für die Realität verschaffte sich Oskar Lafontaine noch zusätzliche Feinde in der Bundestagsfraktion, die für ihn "Westentaschenpygmäen" oder "lahme Scheißer" waren. Schröder parodierte er nach der gewonnenen Wahl, indem er mit hochgerissenen Armen und dem Victory-Zeichen die Parteizentrale betrat und kichernd fragte: „Ist er schon da?" Unter engeren Freunden ließ er kein gutes Haar an dem jetzigen Bundeskanzler: „Der kann das nicht", äußerte sich Lafontaine über Schröder, als die ersten Pannen passierten.
Die Rivalen ähnelten sich beim Machterwerb in vieler Hinsicht. Beide provozierten sie den anderen, indem sie ihn über die Presse reizten, die nur zu gern mitspielte. Beide setzten auf Furcht als Mittel der Politik. Beide drohten mehr als einmal mit Rücktritt, um die Solidarität der Parteibasis zu erzwingen. Beide verletzten die Spielregeln, die unter Berufspolitikern gelten, wonach Absprachen eingehalten werden müssen. Beide bedienten sich der thematischen Auseinandersetzung fast ausschließlich zur eigenen Profilierung. Der Unterschied: Oskar Lafontaine griff unkoordiniert, immer allein und offen an. Schröder dagegen tat das nur aus der Deckung und mit Hilfe von Mitstreitern und auch das nur, wenn für diesen in Wahrheit ängstlichen Menschen schon vorher feststand, daß er siegen würde. Er spielte, wie er es bei den Jusos gelernt hatte „über Bande". Und gerade diese Fähigkeit Schröders, die ja nichts, rein gar nichts mit einer inhaltlichen Qualifikation zu tun hat, hat der Saar-Napoleon immer unterschätzt.

Doch es gab noch weitere Unterschiede: Der beratungsresistente Lafontaine hatte in Bonn kaum ein positiv-emotionales Verhältnis zu engen Mitarbeitern, während der kumpelhafte Schröder den Widerspruch von loyalen Untergebenen ohne eigene Hausmacht außerhalb der Öffentlichkeit duldete, bei Ratlosigkeit sogar wünschte. So wußten Schröders Büchsenspanner innerhalb und außerhalb des Apparates immer, was sie von der Öffentlichkeit oder in den sogenannten Hintergrundkreisen zu flüstern hatten. Und während seit seiner „Rotlicht-Affäre" Lafontaine die Journalisten verachtete, pflegte Gerhard Schröder dagegen Freundschaften von der linksliberalen Presse bis ins bürgerliche, ja sogar konservative Spektrum. Jeder Journalist wusste, wenn der Kanzler - jetzt mit dem in Deutschland so wichtigen Amtscharisma ausgestattet - mit seinem Chefredakteur direkt telefonierte oder sogar eine Cohiba qualmte. Gegen ein solches Meinungskartell konnte dann der Saarländer nur verlieren.

Lafontaine machte daraufhin immer öfter in Selbstmitleid, indem er sich zum Beispiel im Bonner „General-Anzeiger" beklagte: „Ich kann nicht für alles haftbar gemacht werden, wenn ich aus der Zeitung erfahre, was der Bundeskanzler vorhat: Verschiebung der Atomnovelle, Senkung der Unternehmenssteuer, Festlegung auf einen nur um 6 Pfennig höheren Benzinpreis." Und in der Tat: auch über die Kriegsvorbereitungen gegen Jugoslawien ließ der Regierungschef seinen Parteivorsitzenden im Unklaren. So wußte eine Gruppe von Intellektuellen um Günter Grass und Oskar Negt, die Schröder ins Kanzleramt eingeladen hatte, dass dieser den Einsatz von Bodentruppen in den Kosovo forcierte. Er wollte tatsächlich wieder deutsche junge Männer in das Feuer eines vermeidbaren Krieges befehlen. Mit gespielter Naivität oder der „eingeschränkten Wahrnehmung" wundert er sich bereits auf Seite 85, daß er „als Kriegstreiber angeprangert" wurde. Aber kein Bedauern über die 1500 durch völkerrechtswidrige Luftangriffe getöteten unschuldigen Zivilisten im Hinterland von Jugoslawien. Er ist da nicht so hineingeschlittert, wie die Nachwelt es glauben soll und will, sondern in seiner und Joschka Fischers Gier nach Weltbedeutung strebte er einen Platz als Ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat an. Kriegskanzler beim Kosovo-Krieg und ein Antikriegskanzler beim Feldzug gegen den Irak? Die Antwort ist einfach: Der erste Krieg fand nach einer gewonnenen Wahl statt, der zweite vor einer Wahl, die garantiert verlorengegangen wäre.

Von nahezu dokumentarischer Ehrlichkeit ist dagegen die Darstellung des Autors über die Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften, die lange dem naiven Glauben erlegen waren, bei einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung ihre Interessen leichter durchsetzen zu können. Aber den Dauerknatsch mit den sogenannten „Linken" in der SPD-Bundestagsfraktion baute er zum Popanz für die Medien auf. Dieser verloren-traurige Haufen hatte nie nennenswerten politischen Einfluß. Sie wurden rhetorisch zusammengeknüppelt oder wie der im Wege stehende Stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Sozialexperte Rudolf Dreßler, mit einem Botschafterposten in Israel abgefunden. Die Kritik kam aus der breiten Mitte der Fraktion. Sollte sich der gerade erst wenige Monate im Amt befindliche Bundeskanzler nicht an jene turbulente Fraktionssitzung der SPD-Fraktion erinnern, in der er das schon nach kurzer Zeit miserable Erscheinungsbild den Sozialpolitikern, allen voran dem Arbeitsminister anzulasten versuchte. Hat er verdrängt, daß nicht ihm, sondern dem Arbeits- und Sozialminister Riester der stürmische Beifall der Abgeordneten galt? Hat er überhört, daß Abgeordnete nach der ersten von vier Rücktrittsdrohungen riefen: „Na, denn geh doch endlich!" Sollte er in seiner Pressemappe überlesen haben, daß danach Jochen Simons in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „Der Kanzler ist das Problem" zu dem zweifellos harten Urteil kam: „Für die SPD ist es bitter, nach dem charakterlich dubiosen Oskar Lafontaine nun von dem Blender Schröder geführt zu werden." Der wurde zum Geburtshelfer der neuen Linkspartei.

Aber der Leser erschließt sich erst dann den Standort des Autors, wenn er danach fragt, was da fehlt: Zum Beispiel die öffentliche Auseinandersetzung des Ex-Regierungschefs mit dem ethisch-moralischen Weltbild so mancher Konzernvorstände, deren Selbstbedienungsmentalität und Maßlosigkeit auch von den Bischöfen der beiden großen Kirchen kritisiert wurde.

Niemand erwartet von einer Kanzlerbiographie eine Lebensbeichte. Auch muß sich der Schreiber nicht mit seinen persönlichen Eskapaden in Mode, ungeschickten Gameshows, mißlungenen PR-Gags wie seinen Interventionen in der Kampfhund-Diskussion oder den Rechtshändeln um seine Haarfarbe noch einmal auseinandersetzen. Tempi passati. - Aber etwas mehr Wirklichkeitsnähe darf der Leser für den Ladenpreis von 25,- € schon verlangen. Wie sehr er die Realität auf den Kopf stellt, zeigt seine Kritik an den Medien. Hier offenbart der Ex-Kanzler ein Verständnis von der Rolle der öffentlichen Kontrollinstanz in einer demokratischen Gesellschaft, das an das Staatsverständnis seines Freundes Wladimir Putin erinnert. Dabei ist gerade der Medienkanzler über die parteipolitische Presselandschaft hinaus wohl wegen seines Unterhaltungswerts gefährlich schonend behandelt worden. Es gehört zu den traurigen Wahrheiten, daß das öffentlichrechtliche Fernsehen seine Lesart vom Krieg gegen Jugoslawien fast 1:1 übernommen hat. So dass der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes Meyn die Auffassung vertrat: „Wenn man gerade dieser Tage fernsieht, Zeitung liest, kann man meinen, die Medien hierzulande brauchen nicht mehr gleichgeschaltet zu werden: Sie sind es schon." Kaum ein Bundeskanzler hat mit Hilfe von so vielen journalistischen Hofschranzen seine politischen Gegner niedergemacht wie Schröder. Und so wurden die wohlmeinenden LeserInnen nicht darüber informiert, was sich hinter den Kulissen des virtuellen Polittheaters so abspielte. Es sind Schattenspiele. Und auch im Buch lesen sie nur etwas über einen unterhaltsamen Politiker, der gelegentlich die politische Arena mit dem Fernsehstudio verwechselte. Dem durchtriebenen Polit-Rabauken Gerhard Schröder folgt in der freundlich mausgrauen Berliner Republik ein nachsichtig, altersmilder, bisweilen kitschig-jovialer Politg-Altstar, der ungewollt die Banalität des politischen Alltags, die Mittelmäßigkeit, die halbseidene Öde, das normale kleine Elend eben, für das Gerhard Schröder immer der Repräsentant war: Der Dieter Bohlen der Politik.

Wirkliches Entsetzen entsteht durch den Subtext. So banal, so geistlos wird seit Jahren regiert? Über den Menschen Schröder erfahren wir außer dem bekannten Dominanzgelaber wenig. Von seinen zwei Zielen kann der Autor deshalb nur eins erreichen. Er wird mit Hilfe der willigen Medien damit Geld verdienen. Seine Bedeutung als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wird man einem späteren Rückblick der Historiker überlassen müssen. Und sollten die dem Urteil des Hamburger Professors Dr. Reinhard Merkel über die Schuldfrage beim Kosovo-Krieg folgen, der vor der Evangelischen Akademie Arnoldshain sagte: „Ich fürchte, die Geschichte wird nicht nur die Taten des Herrn Milosevic, sondern auch den Krieg seiner Gegner aufgewahren als Reminiszenz des Grausens", dann bleibt Gerhard Schröder eine Fußnote der deutschen Politik, denn die historische Wahrheit ist immer härter als ein Aufstiegsmärchen. Er sollte sich schon heute selbst fragen: „Is this really me?"

Der Autor war drei Legislaturperioden Bundestagsabgeordneter in der SPD-Fraktion und in einer Legislaturperiode Büronachbar von Gerhard Schröder.