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Individuum und Gemeinschaft

Ein Beitrag von Dr. Michael Boock

Nachdem die Individualisierung schon einen gewissen Weg zurückgelegt hat und als allgemeines Phänomen eine öffentliche Anerkennung besitzt, kommt nun eine weitere Etappe auf diesem Entwicklungsweg.
Das sind die in der Konsequenz der Individualisierung erforderlichen Gemeinschaftsbildungen, welche die ständig begleitenden Gefahren der Selbstverherrlichung oder der resignierten Einsamkeit ausgleichen sollen. Für sich allein ist ein Mensch nichts oder eine monströse Erscheinung. Er braucht den Mitmenschen. Er muss sich in ihm finden, an ihm messen und für ihn Bedeutung erlangen. Sein Selbstwert bemisst sich an dem Masse, in dem er anderen wert ist, und dies nicht als persönliche Zustimmung, sondern als objektiver Einfluss auf dessen Existenz. Sie braucht von diesem weder anerkannt oder bemerkt zu werden, ja, sie kann abgelehnt und bekämpft werden. Der Wert dieses Einflusses hängt davon nicht ab.

Dieses Beziehungsfeld, in dem reale Menschen für andere reale Menschen ganz konkrete Bedeutung erlangen und in dieser Gegenseitigkeit leben, wird "eine Gemeinschaft", wenn diese Ereignisse ins Bewusstsein treten und von dort Handlungen auslösen. Damit entsteht für die Beteiligten die Chance, aus dem blossen Reagieren in eine Selbstgestaltung hineinzufinden. Die Interaktion zwischen Natur oder Umwelt und uns selbst erweitert sich um eine neue Dimension, - die des Gleichberechtigten, aber anders gearteten Mitmenschen.

Das Selbstverständliche, Zwingende des gegebenen Verhältnisses wird um etwas Neues erweitert. Das "Gesetz" eines Iches, das nicht mein Ich ist, tritt mir entgegen oder auch zur Seite. Es hemmt oder fördert mich. Schon, dass ich mich dieser Tatsache stelle, erfordert eine bewusste Handlung, gleich, ob ich es ablehne oder begrüsse.

Es lässt mich nicht "in Ruhe", es tritt in mein Leben. Aus diesem Ereignis entsteht "Schicksal". Erst auf diesem Boden kann von eigenem, selbstgestalteten Schicksal gesprochen werden.

Dieses Schicksal beinhaltet die Chance von Gemeinschaftsbildung, wie die Gemeinschaft die Chance von Schicksalsgestaltung beinhaltet. Denn wenn diese Grundvoraussetzung in den bewussten Willen von mehreren tritt, und zu Handlung führt, welche alle betrifft, dann ist Gemeinschaft schon ein zutreffender Begriff, gleich, ob darin nun gekämpft wird oder geliebt wird. Die Menschen beginnen "bewusste Beziehungen", welche die Ergebnisse von freien Gestaltungen sind. Dabei macht der bewusste Anteil das aus, was als Gemeinschaft erfasst werden kann.