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Nutzen und Risiko bei allen medizinischen Maßnahmen sorgfältig abwägen von Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke
Die Debatte um die Schweinegrippe bzw. die Impfung verlief in den vergangenen Wochen chaotisch. Mal gab es Horrormeldungen, mal vorsichtige Entwarnung, dann wieder Panik und Hysterie. Nur eines gab es nicht: Sicherheit für die Bevölkerung. Die Art und Weise, wie diese Debatte geführt wird, deutet darauf hin, dass die Einführung der Impfung eine schlecht strukturierte Aktion war.
In Ruhe betrachtet, hat vieles von dem, was angesichts der Schweinegrippe an Ängsten besteht, mit der vorangegangenen Vogelgrippe zu tun. Dadurch hat sowohl national als auch international eine Sensibilisierung für mögliche Epidemien stattgefunden. Nun wurde mit der Schweinegrippe tatsächlich eine Neu-Mutation entdeckt, auf die von vorneherein mit größter Sorgfalt reagiert werden sollte. Die Industrie hat sich zu einem relativ frühen Zeitraum mit dem Thema beschäftigt und durch offensives Vorgehen den Hype mit begründet. Durch aktives Lobbying wurde die Schwelle für die Definition einer Pandemie durch die WHO herabgesetzt. Es braucht keine Verschwörungstheorien, um davon auszugehen, dass der mittlerweile entstandene Hype also zu großen Teilen kommerziell motiviert ist.
Inzwischen zeigt aber auch das Ende der Winter-Grippesaison auf der südlichen Halbkugel, dass die Schweinegrippe dort viel schwächer als bisher angenommen verlaufen ist. Für die nördliche Halbkugel bedeutet das, dass die Befürchtungen, die Grippe könnte im Winter erst recht ausbrechen, verfrüht waren.
Überlegungen zur Nutzen-Risiko-Relation
Es ist eine der wichtigsten Grundlagen der Medizin, das Verhältnis von Nutzen und Risiko bei allen medizinischen Maßnahmen sorgfältig abzuwägen. Bei der Impfung gegen die Schweinegrippe kann auf Grundlage der heute vorliegenden Daten der Nutzen der Impfung gegenüber der Erkrankung - auch bevölkerungsbezogen - stark bezweifelt werden. Für bestimmte Risikogruppen kann diese Einschätzung anders ausfallen, zum Beispiel Schwangere und chronisch Kranke. Auch Angehörige des Gesundheitswesens sind eine Gruppe, die besonders umsichtig sein sollte. Allerdings heißt das nicht zwangsläufig eine Impfung, auch eine konsequente Verhaltensprävention kann sinnvoll sein.
Am Beispiel der Gruppe der Gesundheitsberufe lässt sich im übrigen gut aufzeigen, wie wichtig es ist, bei einer Impfentscheidung auch auf das Moment der individuellen Verantwortung des Einzelnen für das große Ganze einzugehen. In dem Moment, in dem ich mich impfen lasse, übernehme ich Verantwortung. In dem Moment, in dem ich mich als Angehöriger eines Gesundheitsberufs nicht impfen lasse, muss ich ebenfalls Verantwortung dafür übernehmen, dass ich den sozialen Gesichtspunkt etwas stärker zurückstelle. Impfe ich nicht, muss ich mir gut überlegen, in welche Zusammenhänge ich mich begebe, mit welchen Personen ich zusammentreffe und wie ich mich präventiv verhalten kann.
Perspektive der Anthroposophischen Medizin
Die Anthroposophische Medizin setzt sich seit Jahren dafür ein, eine Impfentscheidung immer von der individuellen Situation (zum Beispiel Alter, Gesundheitszustand, mögliche Unverträglichkeit etc.) abhängig zu machen - also eine individuelle, so genannte "risikoadjustierte" Entscheidung zu fällen. Auch bei der Impfung gegen die Schweinegrippe geht es dementsprechend darum, den individuellen Gesundheitszustand kritisch zu prüfen. Wie kräftig und vital ist der Patient? Liegen chronische Erkrankungen vor? Wie geht der Körper grundsätzlich mit fieberhaften Erkrankungen um? Zum Beispiel gibt es Asthmatiker, die erfahrungsgemäß von einem grippalen Infekt profitieren können oder Allergiker, die nach dem Durchmachen einer Fieberepisode eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome erleben. Schwieriger wäre die Schweinegrippe sicherlich für Menschen, die eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) haben. Wobei auch dabei zu berücksichtigen ist, dass die Impfung selbst gerade bei diesen Patientinnen und Patienten schwerere Risiken und Nebenwirkungen haben kann.
Die Anthroposophische Medizin empfiehlt darüberhinaus, auch bei der Impfung zur Schweinegrippe den gesamten Zusammenhang, in dem eine Erkrankung steht, mit einzubeziehen. Wie ist das Krankheitsbild grundsätzlich einzuschätzen? Was bedeutet die Impfung? Als welchen Motiven heraus impfe ich? Gerade bei der letzten Frage hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten gezeigt, dass die Impfung oft durch starke Ängste motiviert ist. Das erscheint problematisch. Denn aus der Perspektive der Anthroposophischen Medizin wissen wir: Angst macht krank. Zwar gibt es zur Frage von angstbesetzter Motivation bei einer Impfung noch kaum Forschungsergebnisse, aber dennoch stellt sich die Frage, ob die gewünschte Impf-Wirkung durch die Angst nicht verringert wird. Konventionell medizinisch kann man festhalten, dass Angst natürlich Stresshormone freisetzt und es zu einer negativen Stimulation kommt. Wird in so einer Situation geimpft, sollte man auch hier ganz genau auf das mögliche Risiko schauen. Dementsprechend ist es also sinnvoll und notwendig, die Impfentscheidung rational zu fällen und mögliche Ängste genau zu hinterfragen.
Geht es um die Perspektive der Anthroposophischen Medizin nicht nur zur Impfung, sondern auch zum Krankheitsbild selbst, so stellt sich mittel- und langfristig folgende herausfordernde Frage: Wie kann die moderne Medizin damit umgehen, dass bevölkerungsweit und individuell gesehen fieberhafte Erkrankungen für die Erlangung einer nachhaltigen Gesundung gebraucht werden? Denn die chronischen und allergischen Erkrankungen nehmen in dramatischer Weise zu. Und inzwischen ist in der Medizin bekannt, dass hoch fieberhafte virale Erkrankungen auch vor diesen chronischen Erkrankungen schützen können. Und obwohl dieser Zusammenhang grundsätzlich bekannt ist, wird er kaum weiter beforscht. Ein zeitgemäßer öko-epidemiologischer Ansatz wäre deshalb dringend zu erarbeiten. Dabei wäre auch zu klären, wie viel Fieber-Krankheit ein Land wie Deutschland eigentlich braucht, um die Bevölkerung im Sinne einer epidemiologischen Hygiene nachhaltig gesund zu erhalten.
Der Autor Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke ist Ärztlicher Direktor des Anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke. Der Beitrag ist auch auf der Internetseite des D.A.M.I.D (Dachverband für Anthroposphische Medizin in Deutschland) veröffentlicht. Der Abdruck bei Themen der Zeit geschieht mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.
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