|
von Regina Reinsperger Dieser Beitrag wurde zuerst bei den Egoisten veröffentlicht. Dank an Regina Reinsperger und Michael Eggert.
Epirrhema Müsset im Naturbetrachten Immer eins wie alles achten; Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen, das ist außen. So ergreifet ohne Säumnis Heilig öffentlich Geheimnis. Freuet euch des wahren Scheins, Euch des ernsten Spieles: Kein Lebendiges ist Eins, Immer ist ´s ein Vieles. J.W.von Goethe (1749-1832)
Im Lichte der Aufmerksamkeit: der Blick aus dem Fenster
Die erste Hälfte der Überschrift ist eine Redewendung, die jedem von uns bekannt ist und im Folgenden möchte ich einige praktische Gedanken zu "Licht" und "Aufmerksamkeit" darstellen. Dass der Tag hier bei uns hell ist und die Nacht dunkel, ist eine Lebenstatsache, über die man nicht diskutieren muss. Wir bemerken auch, ob die Sonne scheint oder nicht, ob es regnet, schneit oder stürmt und wenn es tagelang trübe ist, stöhnen wir über diese relative Dunkelheit und vermissen die Sonne. Aber beobachten wir auch intime Natur- und Lichtverhältnisse?
Die Maler aller Jahrhunderte haben uns das vorgemacht, es ist äußerst interessant, ihre Bilder unter dem Gesichtspunkt der malerischen Behandlung des Lichtes zu betrachten: zu entdecken, wie differenziert das Licht dargestellt werden kann. Ich denke da zum Beispiel an Rembrandt, El Greco, die Romantiker und Italienreisende des frühen 19. Jahrhunderts, William Turner, Caspar David Friedrich und später die Impressionisten. Bei Vincent van Gogh kann man anhand seines Lebenswerkes die Schritte von der herkömmlichen "Akademiemalerei" zu seinen wunderbaren, farbigen und lichtdurchfluteten Bildern verfolgen. Auch bei Künstlern im Umfeld des "Blauen Reiters" in München ist das möglich. Alexei Jawlensky war einer dieser Künstler.
Alexei Jawlensky hatte in München mit der Malerin Marianne von Werefkin ein großes Haus geführt und beide wurden als russische Staatsbürger sofort mit Ausbruch des ersten Weltkrieges aus Deutschland ausgewiesen. Sie zogen nach St. Prex am Genfer See und lebten dort in bescheidenen Verhältnissen, da die Zuwendungen aus Russland sich reduzierten und später ganz ausblieben. Jawlensky, 50 Jahre alt, hatte nun kein eigenes Atelier mehr, sondern nur "ein kleines Zimmer mit einem Fenster, das den Blick auf die vor dem Haus von beiden Seiten sich vereinigende und in die Tiefe zum See leicht abfallende Straße freigab. Über den von Stauden eingefassten Gartenweg, der mit einem eisernen Tor abgeschlossen war, ging der Blick über die Straße auf der rechten Seite zu einem Haus, vor dem eine kugelige Akazie stand, und in der Ferne zwei junge Pappeln. Noch weiter, etwas höher gelegen, bemerkte man den Turm einer Kapelle, und manchmal, wenn die Sicht frei war, sah man hinaus auf den See und bei schönem Wetter sogar auf die Berge des jenseitigen Ufers. Links stand an der Straße eine große Kastanie und dahinter drei mächtige alte Tannen." Diesen Fensterblick malte Jawlensky nun täglich von 1914-1921. Er schrieb: "Ich fing an, meine sogenannten "Variationen über ein landschaftliches Thema“, die ich vom Fenster aus sah, zu malen. Und das waren ein paar Bäume, ein Weg und der Himmel. Ich fing an, etwas zu malen, um mit Farben auszudrücken, was mir die Natur soufflierte. In harter Arbeit und mit größter Spannung fand ich nach und nach die richtigen Farben und Formen um auszudrücken, was mein geistiges Ich verlangte. Jeden Tag malte ich diese farbigen Variationen immer inspiriert von der jeweiligen Naturstimmung zusammen mit meinem Geist. (…) Meine Formate wurden klein: 30x40. Ich malte sehr viele Bilder…Sie sind Lieder ohne Worte." *
Dieses Vorgehen des Künstlers kann auch für uns eine Anregung sein, auch wir haben ja ein Fenster, aus dem wir täglich, vielleicht sogar mehrmals, ganz bewusst schauen und uns dabei die Dinge und Pflanzen und Tiere als veränderliches im Bild einprägen können: wir achten dabei auf das Wetter, die Qualität des Lichtes, das der Tag hat, die Qualität der Farben, sehen Formen und Oberflächen, Trockenheit, Nässe, Bewegungen durch Wind, sehen Vögel und hören Vogelstimmen, kurz: wir achten innerlich still, ruhig und aufmerksam auf alles, was man sehen, hören, fühlen, schmecken oder riechen kann und beobachten dies täglich durch die Tages- und Jahreszeiten des Jahreslauf.
Hilfreich ist auch, sich einen bestimmten Baum oder Strauch auszusuchen (der kann ja z.B. auch auf dem täglichen Weg zur Arbeit liegen, innere Ruhe und Achtsamkeit können wir ja auch in äußerer Bewegung erleben) und ihn genau zu beobachten: wie steht er da, wie kommen im Frühling die Blätter, wie verändern sich diese im Jahreslauf in Form und Farbe, wie sehe ich, ob die Pflanze genug Wasser im Sommer hat, wie verändern sich das Licht und die Farben an diesem Standort der Pflanze in den Jahreszeiten, im Jahreslauf, – es kommt dabei nicht auf die Länge der Betrachtungszeit an, sondern auf die Intensität und die tägliche Übung: man sieht so intensiv hin, als wenn man das Geschaute malen wollte. Man kann dadurch lernen, im Moment des Hinschauens ganz von sich selbst abzusehen, "sich selbst zu vergessen", aber auch im Nachhinein Freude über "Entdeckungen" erleben. Diese Übungen brauchen nur zu Beginn einige Minuten Zeit, macht man sie täglich, so kann man in kürzerer Zeit immer mehr erfassen als zu Beginn, die Übung wird praktisch "zeitlos". Hilfreich ist auch, das Bild am Abend noch einmal in der Erinnerung aufzurufen.
Wir können so unseren realen "Blick in die Erdenwelt" verändern und Atmosphäre und Qualitäten von Raum und Zeit entdecken, die wir normalerweise "übersehen". Diese Übung nicht zu vergessen, täglich über Jahre "den Willen in die selbstlose Tat des Beobachtens zu bringen", ist die Kunst, - und es fällt auf dieser Basis auch leichter, "den Willen in das Denken zu bringen": zu meditieren.
* (Katharina Schmidt: "Das Prinzip der offenen Serie-Zu Jawlenskiys Werk von 1914-1917“ in: Alexej Jawlensky 1864-1941, Hrsg.: Armin Zweite, München, Prestel 1983)

|