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Die neue Droge: Mailen und Internet? Über eine Entzugs-Erfahrung wie bei Drogen von Rupert Neudeck zuerst erschienen in der Dezember-Ausgabe der Info3.
Jetzt sitze ich wieder im Rausch, im doppelten Sinne des Wortes: Einmal sitze ich jetzt wieder im Rausch der Droge Internet, und umgeben von dem leisen Rausch-en, den so ein Computer macht.
Die letzten fünf Tage, fünf mal 24 Stunden waren für mich beinahe wie die Erfahrungen von jemanden, der im Drogen oder Alkohol-Entzug ist. Da ich diese Situation nur vom eindrucksvollen Erzählen kenne, muß ich also in dieser Analogie bleiben. Aber ich fühlte plötzlich etwas wie einen Schmerz des Entzugs. Ich hatte das klare Empfinden, dass mir etwas über diesen Apparat zusteht, und dass mir das ungerechtfertigter Weise weggenommen worden sei. Irgendein Organ fehlte mir, das Organ, das ich mir einem einzigen Knopfdruck bediene und wo mir über diesen Bildschirm auf dem Computer die ganze Welt online zu Füßen liegt. Da habe ich in diesen vier Tagen fast innerlich mehrmals geschrieen und musste mir in den Arm kneifen, um zu probieren, ob das ein Wach- oder ein Schlafzustand ist.
Denn, holder altmodischer Rene Descartes oder lateinisch noch altmodischer Cartesius: Ich maile, also bin ich heißt die Übersetzung ihres wunderbaren Anthropologischen Ersten Satzes: Cogito ergo sum.
Es sind ja - wie wir uns besser nicht klar machen - objektive Bedenklichkeiten in dieser Anhängigkeit, die ja mehr als nur meine eigene subjektiv-verschrobene ist: Am Düsseldorfer Flughafen habe ich das mal erlebt: „Rien ne va plus", deutsch: Nichts geht mehr!
Die Computer sind alle ausgefallen. Gutes Ergebnis plötzlich, alle Gäste sind gleich. Es gibt sann nicht mehr Abgeordnete und V.I.P., es gibt nicht mehr Erste und Zweite Klasse, es gibt nicht mehr Business und First Class, es gibt auch nicht mehr Economy. Alle sind unter dem Radarschirm des zusammengebrochenen Computers gleich, gleich wichtig, gleich unwichtig.
Wenn es eine neue Virenwarnung gibt für ein Instrument, das nachweislich vor mir steht und keine organische Medizin verlangt oder gebietet, weil es keine Organe hat. Da wird uns in einer angepassten Analogie-Sprache gesagt, da seien Killer Viren und Krankheitserreger unterwegs, ganze Computer und ganze Speicherplatten zu zerstören. Und ich immer wieder die Leute frage, die ich mittlerweile für die Doktoren oder die Ärztinnen und Ärzte dieses Computer-Krankheitsbetriebes halte: Was das denn für ein Virus sei? Und ob es denn schon einen Robert Koch gäbe, der diese Schlafkrankheit der Computer und den dazugehörigen Bazillus entdeckt habe? Nein, Ebola und Aids, also die Korruptibilität des Immunsystems meines Computers, über den ich hoffentlich jetzt diesen kleinen Erlebnisbericht zu Ende schreiben kann , das alles ist nicht dazu da, ein Lehrbuch für Viren und Bazillen zu schreiben und die entsprechenden Antigifte in diesen Computer hineinzuspritzen.
Korruptibilität heißt hier Konnektivität, die drahtlose Verbindung mit einem System, dessen Anweisungen ganze Bücher füllen, hat uns im Griff. Als Geisteswissenschaftler verstehe ich, wie man deutsch so schön sagt, nur Bahnhof.
Der Entzug wurde größer, weil ich ja aus Verärgerung über die deutsche Bundesbahn auch immer wieder meinen Computer anschmeiße und mir die Tickets für meine nächsten Bahnfahrten herausdrucke. Aus Verärgerung, weil die Bundesbahn AG ja auch auf den letzten Rest an zwischenmenschlicher Kommunikation verzichtet und die Kunden dazu treibt, ihre günstigen Fahrkarten über die Website der Bahn einzukaufen, online, wie man so schön sagt. Und auch das kann ich nicht mehr machen, diese geheimnisvollen Siglen benutzen, mit denen eine Bahnverbindung für mich gesucht wird, nachdem ich zugestimmt habe, dass die ganze Computermenschheit, nunmehr einen „Zugriff auf meine persönlichen Daten" hat, also auf mein Geburtsdatum, mein Alter, meinen Beruf, meine Adresse, aber auch meine Visakarte und meine Kontonummer. HAKKER nennt man die neue Gruppe der Menschheitsbedroher. Das sind die Leute, die unser ganzes Weltsystem aus den Angeln heben können.
Als ich jetzt mal wieder im Flugzeug saß, habe ich gedacht: Kann man sich vorstellen, können unsere Schulkinder sich heute vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, in der Menschen herumgefahren und herumgeflogen sind mit einer kleinen schmalen Olivetti oder einer anderen Schreibmaschine? Kann sich das jemand noch vorstellen, dass wir auch dann schnell waren, wenn wir uns gegenseitig mit einem Festnetztelefon benachrichtigten und einen Auftrag gaben, der dann auch pünktlich los- und weiterging.
So leben wir in diesem Jahrhundert, so bewegen wir uns, so surfen wir und so gehen wir on- und off-line: schlecht. Wir wissen ja, dass wir mit dem Buchen und Ticketbestellen für Airlines und Bundesbahn, für die Bücher bei Amazon und die Kameras Arbeitsplätze vernichten. Wir tun das trotzdem.
Wir wissen, dass das hochbejubelte (heute wieder an dem Tag, an dem die Arbeitslosenzahl über irgendeinen Magier öffentlich als unter der 4 Millionen Grenze benannt wird) Wachstum der Wirtschaft das genau falsche Signal für die Zukunft der Menschheit ist. Die neuen Götter sind die, die mit den alten Göttern nichts mehr zu tun haben. Ich will, aber ich schaffe es nicht.
Immanuel Kant lohnt es wieder zu lesen und ihm nachzufolgen. Man muß nicht in Palästina gewesen sein, um zu wissen, dass dort Menschen Unrecht geschieht. Man muß nicht in Tschetschenien gewesen sein, um zu ahnen, welches entsetzliche Schicksal dieses Volk seit „Hadschi Murad" (Leo Tolstoj) und den Zaren dort erleidet. Man muß jetzt nicht in Darfur sein, um zu wissen, dass die Weltgemeinschaft feige den Schwanz einzieht.
Man kann wie Immanuel Kant in seiner Stadt Königsberg bleiben und alles wissen und alles erkennen und gut und richtig leben, wie uns das der große Philosoph vorgelebt hat. Und man kann die „Kritik der praktischen Vernunft" auch leben ohne Mobiltelefone und Computer, ohne den ganzen Wust der morgendlich anbrandenden mails und aufleuchtenden SMSe. Man kann ein gutes Leben führen und ein richtiges, in dem man nichts von all dem hat und wie mein Freund der Kinderchirurg Dr. Alfred Jahn in Kigali(Ruanda), der 53 junge Menschen in vier Häusern wie ein Vater betreut und jeden Morgen ins Hospital nach Rundi fährt, man kann das alles ohne mail-Kontakt machen.
Warum mache ich das nicht auch?
Warum verweigere ich nicht den ganzen Unfug der modernen globalisierten Kommunikationsgesellschaft?
Ich kann es Ihnen sagen: Weil ich mir einbilde, das kommt noch, in zehn Jahren, da gehe ich mit meiner Frau Christel an den Kivu See und dort werden wir ein, zwei / drei Häuser haben und auch einige Völkermord-Waisenkinder oder Waisenjugendliche betreuen, Dann werden wir nicht mehr von irgendwelchen Mails erreichbar sein, dann werden wir uns genüsslich am Kivu See (gelegen an der Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo-Zaire) mit den Tutsis und den Hutus, den Banyamulenge und den Lendu, den Hima und den Kongolesen zusammensetzen und am Abend einen Wildbraten verzehren…
Ja, aber das ist so weit weg, dass ich mir selbst klar bin darüber: Mir fehlt die Kraft mir fehlt die Energie, den Internet Entzug wirklich heute zu beginnen. Entzug kann man immer nur sofort, radikal und für alle Zeiten machen. Wenn man ihn nicht sofort, radikal und für alle Zeiten macht, taugt man nichts für die Zukunft der Welt und der Menschheit.
Und da ich ja diesen Artikel auch nicht mit meiner Reiseschreibmaschine schreibe, meiner alten Olivetti, sondern wieder mit diesem tückischen Monstrum, das von Viren, Bazillen und Hacker bedroht ist, lege ich - wie es in der phänotypischen Erzählung von Franz Kafka „Auf der Galerie" heißt - mein Gesicht als Besucher auf der Galerie der Menschheit „auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem Traum versinkend", weine ich, „ohne es zu wissen".
Das ist es; wir wissen und wir wissen nicht. Wir heulen lieber über uns, rührselig und öffentlichkeitswirksam, anstatt uns zu ändern und das ganze Andere zu machen.
So leben wir in diesem Jahrhundert, sagte mein Mentor Jean-Paul Sartre 1979 zu mir in seinem kleinen Kabuff auf Montmartre, „so leben wir in diesem Jahrhundert, so lieben wir uns: Schlecht!"
Rupert Neudeck war langjähriger Leiter der Hilfsorganisation Cap Anamur. Nach seinem Ausscheiden wurde er Mitbegründer der Grünhelme, einer Organisation, die weltweit humanitäre Einsätze organisiert.
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