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Die Info3 hat Geburtstag

„Die Anthroposophie braucht eine Verjüngung"
Die Zeitschrift Info3 feierte ihren 30.Geburtstag mit Lesern und Freunden
Ein Bericht von Cornelie Unger-Leistner 

FRANKFURT (NNA). „Freunde aus allen Richtungen" begrüßte Info3-Chefredakteur Jens Heisterkamp am Wochenende in Frankfurt zum 30jährigen Jubiläum der anthroposophisch orientierten Zeitschrift Info3. Zahlreiche Gäste waren in den Amselhof nach Alt-Niederursel gekommen, um mit der Redaktion des auflagenstärksten Blatts der anthroposophischen Bewegung zu feiern.
Dass mit Jens Heisterkamps Einführungsworten nicht nur die Gäste aus allen Teilen Deutschlands gemeint waren, sondern auch verschiedene Richtungen einer spirituellen Weltanschauung, war jedem klar, der die Entwicklung von Info3 in den letzten Jahren verfolgt hatte. Und man kann es auch weiß auf grau lesen: Info3 hat zum Geburtstag einen neuen Untertitel bekommen. Statt „Anthroposophie heute" steht dort jetzt „Anthroposophie im Dialog". Wohin die Reise für Info3 im fünften Jahrsiebt seiner Existenz geht – das war Thema der Veranstaltung, die in spätsommerlicher Atmosphäre teilweise unter freiem Himmel stattfand.
So schien es nur logisch, dass als erster der Gründer von Info3, Ramon Brüll, das Wort hatte. Heute ist er für die Geschäftsführung des Blattes zuständig, in redaktionelle Belange mischt er sich – so die Information auf der Veranstaltung – nicht ein, auch wenn sie seinen eigenen Intentionen zuwiderlaufen. Mit Humor und dem ihm eigenen Unterstatement widmete sich Brüll bei seinem Vortrag „nicht den großen Ideen" im Blatt, sondern den praktischen Begleitumständen des Zeitungsmachens, „ohne die auch große Ideen keine Chance der Weiterverbreitung haben" und unterstrich damit auch seine eigene Bedeutung für das heutige Info3.
Was zunächst als „Blättchen" gedacht war, um die Interessenten einer Bewegung für soziale Dreigliederung in den siebziger Jahren untereinander zu informieren, mauserte sich im Laufe der Zeit unter dem Einfluss der niederländischen, deutschen und belgischen Versandbedingungen zu einer echten Zeitung. Und hätte da nicht auch der niederländische Kaufmannsgeist gewaltet, der auf jeden Pfennig beim Versand des Blättchens achtete – Brüll: „ nur durch die Post und meine Knauserigkeit ist das alles so gelaufen" – gäbe es möglicherweise heute kein Info3. Denn am Ende ergab es sich, dass es billiger war, Bücher oder Zeitschriften zu versenden, als „Blättchen" mit der Post zuzustellen. Damit schlug die Geburtsstunde der Zeitschrift.
Alles in allem konnten die Anwesenden einen Eindruck davon gewinnen, was überwunden werden muss, bevor eine Idee in der Welt eine Heimat finden kann. Zur Sprache kamen dann auch der Brand des Verlagshauses 1986 und viele Details der Zeitungsherstellung, die heute – nach nur wenigen Jahrzehnten- regelrecht vorsintflutlich anmuteten und zeigten, mit welcher Geschwindigkeit die technische Entwicklung sich in nur 30 Jahren vollzogen hat. „Der Computer" des Verlags habe den Brand wie durch ein Wunder überstanden, erzählte Ramon Brüll oder auch davon, wie Manuskripte mit dem Postzug an einem Tag wieder zum Autor und zurück transportiert wurden, weil es ja noch kein Fax gab, von Emails ganz zu schweigen.
Durch seine Gründungsgeschichten wies Ramon Brüll aber auch dezent darauf hin, dass Info3 eindeutig ein Kind der Bewegung für die soziale Dreigliederung war, die im redaktionellen Konzept von heute eher in den Hintergrund getreten ist.
Redaktion und Konzept von Info3 waren dann Gegenstand einer Diskussion, bei der Jens Heisterkamp und die Redakteure Sebastian Gronbach und Felix Hau – beide ehemalige Waldorfschüler – der Autorin und Moderatorin Laura Krautkrämer Rede und Antwort standen. Abgesehen von dem Dauerthema „nur Männer in der Redaktion" kamen dann all diejenigen Themen zur Sprache, die den Lesern und Freunden von Info3 am Herzen liegen: das Verhältnis zu den „Alt-Anthroposophen", die sich immer wieder von Info3-Artikeln brüskiert fühlen, die Einbeziehung der sozialen Frage, des „menschlichen Antlitzes" der Gesellschaft und mehr Anregungen für die eigene Lebenspraxis. Angesprochen wurde auch die Berichterstattung über Ereignisse in der anthroposophischen Bewegung, die manchem Leser inzwischen im Blatt zu kurz kommen im Verhältnis zum Dialog mit der integralen Weltsicht eines Ken Wilber oder Andrew Cohen.
Chefredakteur Jens Heisterkamp begründete noch einmal grundsätzlich, warum die Redaktion diesen Schwerpunkt in den letzten Jahren gesetzt hat. „Die Anthroposophie braucht eine Verjüngung, sie muss aus ihrer Erstarrung und Trägheit heraus", sagte er. Vieles, was im Sinn eines „grünen Wertesystems" gefordert worden sei wie mehr Rechte der Bürger, Emanzipation der Frauen oder eine ökologische Orientierung der Gesellschaft sei inzwischen gesellschaftliches Allgemeingut, an dem keiner mehr vorbeikomme. Hier bestehe die Gefahr, in Selbstzufriedenheit stecken zu bleiben. Nun komme es darauf an, sich gemeinsam zu einer spirituellen Stoßrichtung auch mit andren Kräften zu verbinden. Heisterkamp sieht es als existentiell wichtig für die Zukunft der Anthroposophie an, ob es ihr gelingt, „sich als Repräsentanz von etwas noch Größerem zu begreifen" oder ob sie dabei bleibe, die „einzige und absolute Bewegung" zu sein, die eine Verbindung zur geistigen Welt schaffe.
Es sei eine „lange gehegte Sehnsucht gewesen, diesen Kokon zu sprengen", berichtete er weiter, als sich 2003 dann auf der Frankfurter Buchmesse die Kontakte zur Zeitschrift „What is Enlightenment" (WIE) und damit auch zu den integralen Initiativen ergeben hätten. Auch Thomas Steininger, leitender Redakteur von WIE, begrüßte auf der Veranstaltung die entstandene Zusammenarbeit. „Wir waren ganz überrascht, mit Info3 eine spirituelle Stimme zu finden, die aus Diskussionßusammenhängen im mitteleuropäischen Raum entstammt, an historischen Traditionen anknüpft, aber dabei gleichzeitig den Fühler nach außen ausstreckt," betonte er. Aus dem Dialog mit der spirituellen Weltsicht eines Ken Wilber erwachse ein „Irritationsfaktor", der für die deutsche Kultur sehr produktiv sein könne. Was sich daraus für die Zukunft von Info3 ergeben könnte, blieb in der Diskussion offen.
Dass die stürmische Atmosphäre der gegenwärtigen Zeitenwende auch vor spirituell orientierten Redaktionen nicht halt macht und sie ordentlich durchrütteln kann, zeigte dann ein Rückblick auf das letzte Redaktionsjubiläum. Vor fast genau fünf Jahren war es am selben Ort begangen worden in einer Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung nach der Wende. Dann aber folgten kurz darauf die dramatischen Ereignisse des 11.September. „Damals hatten wir das Gefühl von so einer Art Morgenröte für die Bewegung " schilderte Jens Heisterkamp die Stimmung. „Und dann kam dieser unglaubliche Einschlag."
Die redaktionelle Bewältigung des 11.September und des Irak-Krieges führten erstmals zu einer Konfrontation der Redakteure mit der Leserschaft, die nicht bereit war, den pro-amerikanischen Kurs der Redaktion mitzuvollziehen. Es hagelte Leserbriefe und etliche Leser bestellten die Zeitschrift ab. „Wir hatten den Eindruck, dass die alternative liberale Öffentlichkeit reflexartig in eine anti-amerikanische Haltung hineingeriet und das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren," erinnerte sich der Info3-Chefredakateur an diese „schweren Zeiten" für die Redaktion.
Sebastian Gronbach konnte den Reaktionen noch Gutes abgewinnen: da sehe man doch, dass die Leser Info3 als „ihre" Zeitschrift ansähen, der sie sich verbunden fühlten. Im Nachhinein beurteilen die Info3-Redakteure ihre Haltung aber eher selbstkritisch: „ Mehr Gelassenheit wäre besser gewesen," betonte Heisterkamp und auch Redakteur Felix Hau war das Engagement seines Blattes „eine Nummer zuviel". Info3 sei kein Politmagazin.
Das sei ein „extremer Fall" gewesen, meinte Info-Gründer Ramon Brüll dazu und zeigte Verständnis für das Ringen der Redaktion: „Ich möchte keine Zeitung, die immer das schreibt, was die Leser sowieso schon denken. Wirtschaftlich wäre das natürlich interessanter. Aber mir ist es schon lieber, etwas ist verdammt unbequem, aber ich wache daran auf."
So darf man gespannt sein, welche Aufwacherlebnisse uns die Jahre bis zum nächsten Info3-Jubiläum im Jahr 2011 bescheren werden.