Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 



Seymour und Mr. Mushnik - Max Rohland, Willi Hagemeier foto © C. Meinschäfer


Der kleine Horrorladen im Theater Paderborn. Ein wunderbarer Spaß in einer Zeit, die nicht gerade arm ist an echten Horrornachrichten.
Michael Mentzel

Die Geschäfte von Mr. Mushnik gehen nicht besonders gut. Genauer gesagt: Er steht vor der Pleite. Nun ist es nicht gerade ein Nobelviertel, in dem er seinen Laden betreibt, die Laufkundschaft beschränkt sich auf ein paar skurrile Gestalten, deren Interesse weniger den Blumen in seinem Laden, als eher dem Alkohol gilt; auch die beiden jungen Damen haben eher Bock auf Drogen als auf die Schule.

Als Mushnik seinen beiden Angestellten Audrey und Seymour seine Misere und deren unausweichliche Konsequenz eröffnet, tritt er damit eine Kette von Ereignissen los, die sein Leben von Grund auf verändern. Seymour, sein etwas unbeholfener Gehilfe, hat nämlich eine Pflanze gezüchtet, die er Audrey II nennt und die plötzlich zur Attraktion des Ladens avanciert, seinem Chef aus heiterem Himmel einen unerwarteten Reichtum und ihm selbst eine Menge Anerkennung und Aufmerksamkeit beschert. Das Problem: Audrey II braucht Blut zum Gedeihen.
Die etwas naive Verkäuferin Audrey ist mit einem reichen, aber sadistischen Zahnarzt liiert, der die Instrumente, mit denen er seine Patienten malträtiert, offensichtlich im örtlichen Baumarkt kauft. Damit sei in Kürze das Szenario beschrieben, innerhalb dessen sich das kleine Blumengeschäft des Mr. Mushnik im Verlauf dieses Theaterabends zu einem Horrorladen entwickeln wird.

Anmerkung I. Wenn das Geschäft einmal läuft, ist es - zumindest nach gängiger und derzeit scheinbar gültiger Ansicht - ratsam, keine allzu genaue Folgenabschätzung zu betreiben, sondern dafür zu sorgen, dass alles dafür getan wird, den Erfolg weiter zu steigern. So erscheint es folgerichtig, dass Mr. Mushnik den zweifelnden Seymour, dem wegen des hohen Blutverbrauchs seiner Pflanze die Kräfte auszugehen drohen, adoptiert, um seinen (Mushniks) neu gewonnenen Lebenstandard nicht zu gefährden.

Also nimmt dieses Horrorspektakel seinen blutigen Lauf. Der perverse sadistische Zahnarzt segnet sogar ohne Seymours Zutun das Zeitliche, weil seine Lachgasmaske klemmt und er sich darob totlacht. Er wird an die inzwischen schier unersättlich gewordene Audrey II verfüttert, während Audrey sich langsam an Seymour zu gewöhnen scheint und vom Häuschen im Grünen träumt. Leider muss auch Mr. Mushnik dran glauben, er kommt der inzwischen riesig gewordenen Pflanze etwas zu nahe.

Was die Theatermenschen in der Inszenierung von Ingmar Otto zur Premiere vor vollem Haus zelebriert haben, war einfach phantastisch! Ein Abend voller überraschender Momente mit unglaublichem Spielwitz, guten Ideen, einer fein abgestimmten Kulisse und einer kongenial aufspielenden Band, die den perfekten akustischen Rahmen für die singenden Schauspieler abgab. Oder sind es schauspielernde SängerInnen? Die Grenzen scheinen manchmal fließend an diesem Paderborner Ensemble. Dazu eine beeindruckende Choreographie und nicht zuletzt genau auf den Punkt treffende Dialoge machen das Ganze zu einem Theatererlebnis par excellence mit einem ganz besonderen Charakter. Dazu wartet man mit gewagten Outfits auf, die dem geneigten Publikum ob der Einblicke vielleicht manchmal sogar den Atem stocken ließen.

Hervorzuheben ist insbesondere Anne Bontemps, die als Audrey II geradezu mit der Pflanze zu verschmelzen scheint und deren stimmliche wie auch die optische Präsenz besonders eindrucksvoll ist, womit die Leistungen ihrer KollegInnen keinesfalls als weniger genial eingestuft werden sollen. So verkörpert Willi Hagemeier einen herrlich grantig-geizigen Mr. Mushnik und brillierte auch in der Nebenrolle als alte Dame. Einem Zahnarzt, wie ihn David Lukowczyk verkörpert, möchte man noch nicht einmal auf der anderen Straßenseite begegnen, geschweige denn ihm ausgeliefert sein und der wunderbaren Maria Thomas nahm man als Dummchen Audrey jedes Wort ab. Max Rohland als unbedarfte Hilfskraft Seymour verlieh seiner Rolle ebenfalls sehr glaubwürdige Züge.

Anmerkung II. Kennen wir das nicht aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen? Und ist es nicht wie im richtigen Leben? Manchmal ist es schwer, wieder loszulassen, wenn man sich erst einmal an Ruhm und Ehre gewöhnt hat. Mit dem Ergebnis, dass man manchmal tiefer fällt, als man geglaubt hätte, fallen zu können. Zweifel und Bedenken werden - wenn auch manchmal mit knirschenden Zähnen, zur Seite gewischt. The show must go on!

In weiteren Rollen glänzten - auch stimmlich - die beiden "Schulmädchen" Lara Brandt und lka Zänger. Das Bühnenbild besorgte Florian Angerer und die Musik kam nicht vom Band, sondern von einer echten Band: Paul Taube (Klavier und musikalische Leitung), Tim Albrecht (Git./Keyb.), Manuel Bürgel (Bass) und Dieter Nowak (Drums)

Der Schluss? Warten Sie es ab! Bliebe vielleicht noch zu erwähnen, dass ein begeistertes Paderborner Publikum am Ende noch eine Zugabe erhielt und wir unseren Lesern dringend empfehlen, eine der nächsten Aufführungen zu besuchen. Dieses Stück sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen.

Informationen zu den weiteren Aufführungen finden Sie hier >

 

 

 

Themen der Zeit bei Facebook
tdz jetzt bei twitter

reklame