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"Zukunftsverantwortung nicht nur ein leer bleibendes Wort" von Otto Ulrich, einem langjährigen Wegbegleiter von Hermann Scheer
Es war 1970, wir hatten die Seminartür von innen verschlossen, wir, die Reformsozialisten am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin wollten arbeiten. Professor Dr. Carl Böhret versuchte uns die Bedeutung des politischen Simulationsspiels beizubringen - gegen den Lärm von draußen, die Vertreter der radikalen Linken wummerten gegen unsere Tür. Klar, sie wollten unser Seminar sprengen, wir sollten als bürgerliche Verräter ihres Fortschrittsbildes entlarvt werden – wir aber waren nicht bereit, kein Zoll, den Weg des praxisverbundenen Suchens und Denkens zu verlassen (im Rückblick zeichnete sich schon damals ab, was den weiteren Weg von Hermann kennzeichnen sollte)Allein dies interessierte Hermann bis zuletzt, dies trieb ihn an, hier war er immer Flamme, es galt und gilt wohl immer weiter, die Erneuerung der Zukunft jenseits der Gefängnisse traditioneller Strukturen und ideologischer Verengungen, dabei stets die Welt, die globale Dimension im Auge, voran zu bringen.
Wo Hermann war, das ist gewiss, war der Fortschritt zuhause, das machte ihn auch zum Einzelkämpfer. Ihm war es bewusst, ja, er genoss es, er wusste darum, nur dann ernst genommen zu werden, wenn die Gegner – zumeist saßen sie in den Hierarchien seiner Partei – ihn mit seinen Ideen abblitzen ließen, ihn ignorierten, wenn sie versuchten ihn lächerlich zu machen – er wurde dadurch aber gerade doch ernst genommen, denn die Entwicklungen haben ihm, ganz realistischer Visionär, zumeist recht gegeben. Er aber war niemals beckmesserisch, das war ihm zu kleinlich, er wusste stets, und ließ es bis zuletzt in seinen Büchern erkennen, er würde entgegen aller Ignoranz doch auf der der Zukunft zu gewandeten Seite des Politischen zu finden sein.
Denn darum ging es ihm im Kern: dem Wesen des Politischen eine neue, eine ökologische mithin sogar eine nachhaltige Dimension zu geben, die seine Partei, die SPD, allerdings bis heute nicht begreifen kann, sie ist eben soziale Partei, eine genuine Partei der alten Arbeiterbewegung.
Die falsche Partei
Hermann wusste, denn er war Politikwissenschaftler genug, dass er eigentlich in der falschen Partei war, erst recht als dann die GRÜNEN da waren. Aber genau das war dann auch sein strategisches Kalkül, er wurde zum kämpferischen grünen Gewissen seiner Partei, mitunter auch zum grünen Alibi – das gilt besonders für die Zeiten, als Helmut Schmidt Bundeskanzler war.
Da gibt es das Beispiel der ersten, in der Bundesrepublik damals noch unbekannten Großdemonstration direkt vor dem Bundeskanzleramt in Bonn. Hunderttausende versammelten sich, um schon damals wie heute gegen das nukleare Endlager in Gorleben zu demonstrieren. Es war um 1980 herum, die Partei der GRÜNEN war noch nicht gegründet. Kanzler Schmidt hielt, wie auch seine Partei, den überraschenden Massenprotest gegen eine damals für fortschrittlich definierte Zukunftstechnologie – es wehte der mediengesteuerte Geist einer „Atomgesellschaft" durch das Land – für eine Modeerscheinung. Schmidt war der Meinung, dieser Sonntagsprotest würde sich schon bald wieder legen, business as usual bald wieder einkehren – was Hermann, und nicht nur ihn, auf die Palme brachte.
Verbunden mit befreundeten Wertkonservativen – es war auch die Zeit, in der sein Parteifreund Erhard Eppler die strategisch so wichtige Unterscheidung zwischen Wert- und Strukturkonservativismus klar auf dem politischen Punkt brachte – sagte er voraus, warnte gar davor, dass diese Augen-zu-und-durch-Denkhaltung seine Partei spalten würde. Mehr noch, sie würde als Gefangene eines marxistischen Denkdogmas, wonach jeglicher technologischer Fortschritt auch ein gesellschaftlicher Fortschritt sei, solange an Glaubwürdigkeit verlieren, als es ihr nicht gelänge, die aufkommenden Neuen sozialen Bewegungen zu integrieren. Und es ist ihr ja bis heute nicht gelungen.
Neue Energien braucht das Land
Mit der „Alternativen Liste" in Bremen bekam die „grüne Bewegung" erst einmal richtig Schwung, sie übernahm die Argumente von Hermann Scheer, die in der SPD von damals lange keine politische Heimat fanden.
Vielleicht zum Trotz gründete Hermann Scheer dann 1986 in Bonn „Eurosolar" und viele seiner langjährigen Wegbegleiter wurden Gründungsmitglieder einer Energiewende-Bewegung, die heute weltweit immer überzeugender in Strukturen kommt.
Heute ist das „Erneuerbare Energiegesetz", das EEG, das prinzipiell die Handschrift von Hermann trägt, zu einem internationalen Exportschlager, zum Modellgesetz geworden, dass in vielen Ländern rund um die Welt seine wirkenden parlamentarischen Übernahmen gefunden hat. Spätestens hier wurde öffentlicher, was durch die Auszeichnung mit dem „Alternativen Nobelpreises" 1999 seinen weltweiten Schwung bekam. Hermann dachte in globalen Dimensionen, er war ein Weltpolitiker, dem die Kategorie der Zukunftsverantwortung nicht nur ein leer bleibendes Wort war, er hat bewiesen, dass es und wie es möglich ist, gegen den Widerstand der „Weltmacht Energie" allein zukunftsfähigen Strukturen eine Entfaltung zu geben.
Der spielende Mensch
Im November 2009, es sollte unsere letzte Begegnung werden, kam Hermann auf meine Einladung hin zu einer Veranstaltung ins Auswärtige Amt in Berlin, er wollte erleben, wollte würfeln, wollte erfassen, was uns 35 Jahre früher zusammen gebracht hatte, das Wissen darum, dass die Kultur der Zukunft nur aus dem gemeinsamen Spiel heraus zu entwickeln ist: Kultur - (m)acht – Zukunft. Der HOMO LUDENS, der spielende Mensch, hatte uns nach Jahren wieder zusammengebracht. Hermann versprach sich erneut dem Klassiker des politischen Spiels von Johan Huizinga zuzuwenden, um sich dann, würfelnd auf das Weltklima-Simulationsspiel „Cooling down!" einzulassen.
Er, der Mann des Buches hatte erkannt, welche politischen Aufklärungspotentiale durch ein anderes Medium, das seriöse Lernspiel, an den Menschen jenseits und außerhalb der Betonfestungen politischer Routinen gebracht werden kann. Es wurde ein gelungener Abend, wir hatten wieder einmal noch viel vor. Hermann, dann eben das nächste Mal.
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