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Zum Tod von Harold Pinter

Aus der Mode?

mm/tdz. 30.12.2008 - Am Heiligabend 2008 starb der Autor, Regisseur und Nobelpreisträger Harold Pinter. Er wurde 78 Jahre alt. Pinter war ein Dramatiker, dessen Stücke immer wieder für Irriationen sorgten. Absurdes Theater? Wikipedia: "Zumindest ließe sich einwenden, dass nicht die Stücke absurd sind, sondern die Umstände, in denen die Figuren leben. Gerade die berühmten früheren Arbeiten Pinters sind gesättigt mit Realität, geben Einblick in ärmliche, geradezu rudimentäre Existenzverhältnisse. Oft wissen die Figuren Pinters selbst nicht, welchen Motiven sie folgen wollen."

Mitte der 80er-Jahre wurde Pinter öffentlich politischer und mischte sich in Diskussionen ein, nicht immer unter dem Beifall des Publikums. Denn in der Tat, der Künstler als Politiker wird seit jeher argwöhnisch betrachtet. Als er 2005 den Literatur-Nobelpreis bekam, war das längst nicht allen Recht. "Warum Pinter?", wurde gefragt. Warum einer, von dem man so lange nichts gehört hatte? Die Literaturszene verlangte offensichtlich nach anderen Figuren. So berichtete die Berliner Zeitung am 13. Oktober 2005: "Entgeistert haben namhafte Literaturkritiker auf die Nachricht reagiert, dass der britische Dramatiker Harold Pinter den diesjährigen Literatur-Nobelpreis erhält. Sigrid Löffler nannte es eine "bizarre Wahl", ihr Kollege Denis Scheck sprach von einer "Beleidigung der Weltliteratur"."
Allerdings, es waren auch andere Stimmen zu hören, Marcel Reich-Ranicki und auch der Dramatiker und ehemalige tschechische Präsident Václav Havel hatten die Wahl als als "richtige und gute Entscheidung" und ""absolut verdient" bezeichnet.
Die Begründung der Nobelpreis-Jury lautete unter anderem, dass er "in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht".
"Ohne Altersmilde" überschrieb die Taz ihren Nachruf für den Schriftsteller. Kritisch wird angemerkt: "Wie alle Mahner und Warner wurde er rechthaberisch und verbissen, schließlich zog er sogar noch seine Kunst in seine Kämpfe hinein und schrieb einige ziemlich plumpe politische Gedichte." Die Süddeutsche Zeitung formulierte es noch deutlicher: "Pinters politische Überzeugungen unterwanderten freilich immer stärker seine literarischen und ließen seine späten Stücke zunehmend zu platten Verständigungstexten werden. Als er im Oktober 2005 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war sein düsterer Stern bereits seit Jahrzehnten untergegangen." 

Anläßlich der Verleihung des Nobelpreises, zu der er wegen seiner bereits fortgeschrittenen Krankheit nicht erscheinen konnte, hatte Pinter eine Rede gehalten, die an Deutlichkeit kaum etwas zu wünschen übrig ließ.
In der Wochenschrift "das Goetheanum" schrieb Rita Taylor seinerzeit: "Tatsächlich war der politische Fokus seiner Ansprache keine Überraschung, da Pinter bereits sein Leben lang unverblümt seine politischen Überzeugungen gepredigt hatte. Nie hat Pinter seine Rolle als bewußter und seinem Gewissen folgender Bürger seiner Rolle als Künstler untergeordnet. Sein Vortrag war Zeugnis seines enormen Willens, die Heuchelei der westlichen "demokratischen" Werte anzugreifen, besonders die sogenannte "nicht enden wollende" Kriegsführung gegen den Terrorismus mittels rücksichtsloser und vernichtender Strategien eines staatlich begründeten Terrorismus."
Vielleicht ist es ratsam, der Freilegung dessen, was die Nobelpreis-Jury "alltägliches Geschwätz" nannte, in seiner imerhin 45-minütigen Rede einmal nachzuspüren. "Ist es Zufall, daß Pinters Rede gerade zu einer Zeit aufgezeichnet wurde (Dezember 2005), als uns die Nachrichten über die "hermetisch abgeschlossenen Räume des Unterdrückten", die Ermittlungen bezüglich "geheimer Gefängnisse", sowie die Enthüllung von Überwachungsflügen der CIA im europäischen wie auch nichteuropäischen Luftraum erschütterten?", fragte Rita Taylor, und weiter: "Die Praxis des politischen Terrors in der äußeren und wirklichen Welt weist eine innere Verbindung zu Pinters Bühnenstücken auf, in denen Unterjochung, Unterdrückung und Folter, oft scheinbar durch zweifelhafte und anonyme Mächte entfesselt, einen Teil der unergründlichen Dunkelheit bilden, die im Menschen lauert und ihn umhüllt. Der Mensch erscheint in Pinters Theaterstücken allgemein als "unerwacht"."

Was ist die Höhe der Zeit? "..abgesehen davon, dass er démodé ist.", hatte die Kritikerin Sigrid Löffler die "bizarre Wahl" kommentiert. Aber ist es nicht so - gemessen an den Auseinandersetzungen überall auf der Welt - dass die "Höhe der Zeit" manchmal auf einem kaum noch zu beschreibenden Tiefpunkt angekommen ist?  

Video der Rede hier
Text der Rede (Deutsch)
Taz-Artikel
SZ-Artikel
Wikipedia-Eintrag

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