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Soziale Netzwerke aufbauen und lokale Kräfte stützen
mm/tdz. 23.04.2010 - Anlässlich der Berlinale 2010 präsentierte die Welthungerhilfe einen Videospot, der nur aus einem kleinen Text bestand: "Haiti wird aus den Schlagzeilen verschwinden." Nun ist das Verschwinden aus den Schlagzeilen in unserem Medienzeitalter, das von Hektik und Aktualität dominiert ist, ein Vorgang, an den sich viele gewöhnt haben, ja, der als normal wahrgenommen wird. Die nächste Schlagzeile wartet ja schon, suggeriert Aktivität, schafft Aufmerksamkeit und garantiert Quoten.
Im Januar legte das verheerende Erdbeben in Haiti weite Teile des Landes in Schutt und Asche, wobei die Hauptstadt Port au Prince besonders betroffen war. Glaubt man den Medienberichten, kehrt inzwischen so etwas wie Gelassenheit ein. Normalität wäre angesichts der andauernden Not der Menschen wohl nicht die richtige Beschreibung für diesen Zustand. Um eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Situation vornehmen zu können, kann es hilfreich sein, sich den Zustand des Landes vor dem Beben bewusst zu machen. Wie waren die sozialen und kulturellen Verhältnisse in diesem Land? Und mit welchen Beiträgen hat Europa zur haitianischen Entwicklung beigetragen, anders gefragt: Wo könnte heute der Anteil Europas an der Entwicklung zu einer Veränderung der sozialen und ökonomischen Verhältnisse in einem der ärmsten Länder der Welt liegen?
Haiti ist Teil einer Insel, die 1492 von Columbus entdeckt wurde. Einige Jahrzehnte später war die indigene Bevölkerung nahezu vollständig ausgerottet, die Spanier bevölkerten die Insel schließlich mit afrikanischen Sklaven. Nachdem die Spanier den westlichen Teil der Insel an Frankreich abgetreten hatten, wurde das Land, das damals Saint Domingue hieß, zu einer der reichsten Kolonien Frankreichs. Am Ende des Sklavenaufstandes 1791 und dem darauf folgenden Krieg "Jeder gegen Jeden" stand die 1804 proklamierte Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich. Die Sklaven, an deren Spitze der Nationalheld Toussaint L Ouverture, hatten einen großartigen Sieg errungen; aus Saint Domingue wurde Haiti.
In diesem Zusammenhang sei an eine Rede des haitianischen Botschafters in Deutschland, Jean-Robert Saget erinnert, die er anlässlich einer Veranstaltung zum Gedenken an die Abschaffung des europäischen und des transatlantischen Sklavenhandels sowie der Sklaverei vor 200 Jahren, gehalten hat. Für ihn ist es eine schmerzliche Tatsache, dass die "plötzlichen Veränderungen und unerwarteten Ereignisse", mit denen sich das Land seit dem Beginn der Unabhängigkeit auseinanderzusetzen hatte, in der geschichtlichen Betrachtung zu wenig Bedeutung und Würdigung erlangt hätten, immerhin sei es ein "außergewöhnlicher Beitrag für die weltweite Entwicklung der Menschenrechte" gewesen. Und so merkte er in seiner Rede in der "Werkstatt der Kulturen" in Berlin an: "Der chronische Zustand der Unterentwicklung, in dem sich unser Land seit der einseitigen Proklamation seiner Unabhängigkeit befindet, verdunkelt diese bedeutende geschichtliche Wahrheit. Eine klare, rücksichtslose Bilanz deckt die langanhaltenden Zeiträume der Diktaturen auf, die zahlreichen Staatsstreiche, fehlende Infrastrukturen auf mehreren Ebenen, die für einen Aufstieg des Landes förderlich gewesen wären." Die Haitianer aber, so der Botschafter damals weiter, würden sich "nicht geschlagen" geben. Es bestehe ein Bewusstsein für die Länge des vor ihnen liegenden Weges. Aber: "... ebenso wie sich die Idee der Abschaffung des Sklavenhandels, erstmals im Jahr 1794 öffentlich vertreten, etliche Jahre später - wie 1848 in Frankreich - durch das Ende der Praxis der Sklaverei durchgesetzt hat, müssen wir feststellen, dass die meisten kolonialisierten Länder noch heute unter den anhaltend harten Folgeschäden und zuweilen unvorhersehbaren Nachwirkungen dieser von kolonialer Ausbeutung gekennzeichneten Vergangenheit leiden."
Was aber bedeutet das Wissen um die historischen Zusammenhänge, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen? Ist die Sklaverei tatsächlich abgeschafft? Man denke nur an die immensen Schulden, die Haiti heute bei der Weltbank hat und die ohne Nutzen für das Land immer weiter wachsen. Man bedenke, was diesem Land jetzt durch den Wiederaufbau abverlangt wird und bedenke auch, wer an diesem Aufbau verdient, auch wenn es - scheinbar altruistisch - internationale Hilfe und Unterstützung gibt. Wobei hier natürlich nicht die privaten Spenden an die Hilfsorganisationen gemeint sind.
Die Verantwortung für eine Erneuerung in diesem geschundenen Land muss in den Händen der Haitianer liegen und es gilt, diese Verantwortung durch den Einsatz der richtigen Mittel zu stärken. Jean Robert Saget merkt selbstkritisch an, dass der Blick auf die Vergangenheit die Haitianer "nicht von der Bürde unserer nationalen Verantwortung bezüglich unserer Misserfolge entlastet." Dieser Blick auf die Vergangenheit kann uns hier in Europa aber auch darauf hinweisen, dass es eine Sache ist, Menschenrechte zu propagieren, eine andere aber, sie auch zu praktizieren; nämlich dort, wo es erkennbar um die sozialen Bedürfnisse von Mitmenschen geht.
Die haitianischen - materiellen - Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in einer Reihe ungerechter Systeme, in denen fundamentale Menschenrechte durch Waffengewalt zugunsten einer reichen Minderheit unterdrückt wurden. Dies wurde von europäischen Kolonialmächten und den USA teils initiiert teils geduldet, jetzt versucht die Welt, die Folgen abzumildern. Inzwischen haben sich in Haiti der Drogenhandel und das kriminelle Bandenwesen einen immer breiteren Raum erobert, begünstigt durch die unglaubliche Armut der Menschen, die jeden Strohalm ergreifen, um aus ihrer Situation herauszukommen. Die sozialen Probleme Haitis aber werden sich nur durch echte Anteilnahme und die Begegnung von Mensch zu Mensch lösen lassen.
Wichtig ist es, den Ursachen auf den Grund zu gehen und Lösungsansätze zu entwickeln, die über staatliche, polizeiliche oder ausschließlich militärische Maßnahmen hinausgehen. Lassen sich durch die Entsendung einer humanitären Einsatztruppe, wie es die belgische Regierung vorgeschlagen hat, Netzwerke aufbauen und vor Ort Kräfte bündeln und dort einsetzen, wo es nötig ist? Prof. Dr. Angela Mickley, Friedenforscherin an der FH Potsdam beschäftigt sich seit Jahren mit den Problemen sozialer Netzwerke, deren Stabilität zerstört oder stark eingeschränkt sind: "Eine bereits vor der Katastrophe extrem belastete Gemeinde kann sich kaum aus eigener Kraft wieder aufbauen. Auswärtige Experten können zusammen mit Ortsansässigen oder Exilhaitianern Menschen in den Kommunen identifizieren, die als Knotenpunkte solcher Netzwerke wirken und mit gezielter Unterstützung diese Aufgabe wieder wahrnehmen. Die Wirkung einer solchen Förderung, so die Wissenschaftlerin, sei doppelt: "Erstens schafft sie schnell tragfähige soziale Verbindungen für den Wiederaufbau von wirtschaftlichen und politischen Strukturen und zweitens zeigt sie einer traumatisierten Bevölkerung, daß internationale Hilfe keine weitere militärische Unterdrückung stützt, sondern getreu dem Primat der Politik die lokalen zivilen Kräfte und Strukturen respektiert und wieder funktionsfähig macht."
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