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 |  | Zerstörung überall |
Notfallpädagogik für traumatisierte Kinder im vom Erdbeben zerstörten Haiti Ein Bericht von Bernd Ruf, Mitarbeiter der "Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners"
Im Januar 2010 erschütterte ein schweres Beben der Stärke 7,0 Richterskala) das ärmste Land der westlichen Hemisphäre - Haiti. Nach offiziellen Schätzungen kamen bei der Naturkatastrophe weit über 300 000 Menschen ums Leben. Wie viele Opfer tatsächlich noch unter den Trümmern begraben liegen, wird wahrscheinlich nie geklärt werden können. Millionen Menschen wurden verletzt und obdachlos. Es fehlt an allem: Trinkwasser, Nahrung, Zelten und medizinischer Versorgung. Nach Angaben der britischen Hilfsorganisation Save the Children sind zwei Millionen Kinder akut gefährdet, da die Trennung und der Verlust von Familien, körperliche Verletzungen, die allgegenwärtige, unmittelbare Konfrontation mit Tod und Zerstörung psychische Traumatisierungen mit sich bringen können, die die betroffenen Kinder ihr Leben lang prägen können.
Einen Monat später führten die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners eine vierzehntägige notfallpädagogische Krisenintervention in Waisenheimen, Krankenhäusern, Schulen und Obdachlosencamps in Port-au-Prince und Leogane durch. Neben der Akuthilfe für etwa 600 Kinder konnten etwa 150 Pädagogen seminaristisch in notfallpädagogischen Erste-Hilfe-Maßnahmen geschult werden.
Das „Child Friendly Space" in Leogane
Auf Empfehlung der Kindernothilfe eröffnet das pädagogische Kriseninterventionsteam der „Freunde" in der etwa 40 Kilometer westlich von Port-au-Prince gelegenen, nahezu völlig zerstörten Kleinstadt Leogane, einen Stützpunkt für Notfallpädagogik. Auf dem Schulgelände „New Mission" hatten sich bereits zahlreiche deutsche Hilfsorganisationen um den Stützpunkt des Technischen Hilfswerks (THW) angesiedelt: Humedica, Caritas international, Malteser und andere. Die Ärzte, Schwestern und Pfleger der deutschen Hilfsorganisation Navis2 versorgen täglich Hunderte Patienten in einem Zeltkrankenhaus. Ein von Kubanern errichtetes Feldlazarett steht gleich nebenan. Bereits morgens um vier Uhr herrscht drangvolle Enge. Ständig werden neue Notfälle eingeliefert. Die Schmerzensschreie der Patienten sowie die ständigen Nachbeben bis zu einer Stärke von 5,6 auf der Richterskala reißen das Kriseninterventionsteam der Freunde immer wieder aus dem Nachtschlaf.
 |  | Beim Mittagessen |
In Zusammenarbeit mit etwa 30 Lehrern und Lehrerinnen der Schule „New Mission" und der örtlichen NGO Acrederp beginnen die „Freunde" mit dem Aufbau eines „Child Friendly Space" - einem geschützten Raum für die notfallpädagogische Traumaarbeit mit Kindern. Der vorgesehene Platz wird gesäubert, Holzpfähle gesetzt und mit Seilen und Plastikplanen schattenspendende Bereiche geschaffen. Jugendliche flechten aus Palmenzweigen Wände zur Abgrenzung des Platzes. Mit finanzieller Unterstützung der Caritas international wird eine Notküche zur Versorgung der Kinder eingerichtet. Das Trinkwasser kommt vom THW, die Nahrungsmittel von der Kindernothilfe und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).
Nachdem über 320 Kinder zwischen zwei und siebzehn Jahren registriert sind, kann die Arbeit beginnen. Wichtig ist zunächst die Einführung einer wiederkehrenden, rhythmisierten Tagesstruktur mit festen Essenszeiten und abwechselnden Bewegungs- und Ruhephasen. So soll die Reorganisation zusammengebrochener innerer und äußerer Ordnungen und Rhythmen unterstützt werden. Jede ritualisierte Form gibt im inneren und äußeren Chaos nach dem Beben Halt, Orientierung und schafft neue Sicherheit.
Die Kinder stehen in einem großen Anfangskreis. Ein gemeinsames Auftaktlied erklingt, gefolgt von rhythmischen Klatsch- und Stampfübungen. Anschließend setzt sich der Kreis in Bewegung, um eine ein- und ausrollende Spirale zu vollziehen. Danach folgen eurythmistische Übungen. Im großen Kreis sitzend wird schließlich das Frühstück eingenommen und das Wasser ausgegeben.
 |  | Therapeutisches Malen |
Danach geht es in die einzelnen Workshops: im Formenzeichnen werden Lemniskaten geübt, im Malen aquarelliert und im Zeichnen Erlebnisse bildhaft ausgedrückt. Eine andere Gruppe bekommt derweil eine Geschichte erzählt, wieder andere singen. In der erlebnispädagogischen Gruppenarbeit wird durch unterschiedliche Übungen das Vertrauen in sich und Andere gestärkt. Die Konzentrationsfähigkeit wird beispielsweise durch das Balancieren auf einem am Boden liegenden Seil geübt und auf spielerisch Art und Weise werden soziale Kompetenzen neu aufgebaut. Auch geht es um die Pflege der durch das Erdbeben oft schwer beeinträchtigten Basalsinne u.a. durch Seilspringen und Kneten. Die Kleinkindgruppe orientiert ihren Tagesaufbau an Arbeitsformen des Waldorfkindergartens.
Nach den Workshops ist es Zeit zum Mittagessen. Oft ist es für die Kinder und auch die Lehrer die einzige Zeit, bei der sie ein warmes Essen erhalten können. Ein Abschlusskreis mit rhythmischen Übungen und einem Schlusslied beendet die Arbeit. Die Kinder werden geordnet verabschiedet und entlassen.
Notfallpädagogische Trainingsseminare für Pädagogen
Eltern und Lehrer können oft das veränderte Verhalten der Kinder nach einer Traumatisierung nicht verstehen und reagieren hilflos auf die traumatischen Reaktionen und Symptombildungen. Zu den wichtigsten Aufgaben notfallpädagogischer Krisenintervention gehört es deshalb, neben der direkten Akutversorgung von Kindern, auch Lehrer und Erzieher über die Entstehung, den Verlauf und die möglichen Folgen einer Psychotraumatisierung zu informieren und notfallpädagogische Strategien im Umgang mit traumatischem Verhalten aufzuzeigen.
 |  | Workshop mit Lehrern |
In Port-au-Prince führte das Notfallteam ein ganztägiges notfallpädagogisches Trainingsseminar für etwa 120 Lehrer, Erzieher und pädagogische Betreuer durch. Das Seminar bestand aus Referaten über Psychotraumatologie und Notfallpädagogik und aus einer Gesprächsarbeit, in der betroffene Teilnehmer über ihre Erlebnisse sprechen konnten. Darüber hinaus gab es Workshops zur Erlebnispädagogik und Kunsttherapie sowie ein Abschlussplenum. Die Teilnehmer setzen sich aus pädagogischen Betreuern des Krankenhauses der Organisation Unsere kleinen Brüder und Schwestern, den pädagogischen Betreuern des Oreleph-Waisenheimes und des Waisenheimes der Haiti-Kinderhilfe zusammen. Teilgenommen haben auch die 13 Lehrerinnen und Lehrer des Colegio Waldorf/Steiner.
In Leogane wurden etwa 30 lokale Lehrer in die tägliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen eingebunden. Zusammen wurde eine Tagesstruktur für das „Child Friendly Space" entworfen und Essensrituale eingeübt. Außerdem nahmen die Lehrer aktiv an den diversen Workshops teil. An sechs Nachmittagen fand ein Seminar zur Einführung in die Psychotraumatologie und Notfallpädagogik statt. Aus den Seminarteilnehmern konnten schließlich 15 Lehrer und fünf pädagogische Begleiter zur Fortführung des waldorfpädagogischen „Child Friendly Space" nach dem 25. Februar gefunden werden.
Nachhaltige Ergebnisse
In Zusammenarbeit mit der Kindernothilfe und der lokalen Nichtregierungsorganisation Acrederp in Leogane konnte ein „Child Friendly Space" aufgebaut und eingerichtet werden. Dieses Kindercamp wird zunächst für sieben Monate durch Acrederp fortgeführt, von der Kindernothilfe finanziert und von den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners pädagogisch begleitet und supervisioniert. 15 Lehrer, eine Köchin und zwei Küchenhelfer sowie ein Administrator konnten für die Weiterführung des Projektes angestellt werden. Alle Kinder und Lehrer werden täglich ein Frühstück, ein warmes Mittagessen und Trinkwasser erhalten.
Innerhalb der nächsten Monate sind bereits zwei Projektbetreuungsreisen durch ein Notfallteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners vorgesehen In diesem Zusammenhang sollen auch weitere Trainingskurse für die pädagogischen Betreuer in Port-au-Prince durchgeführt werden. Die Fortsetzung der Arbeit in Haiti kann aber nur erfolgen, wenn entsprechende Spendenmittel zur Finanzierung zur Verfügung stehen.
Dank für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung
Das pädagogische Kriseninterventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners dankt der Kindernothilfe für die ausgezeichnete Kooperation, der Organisation Unsere kleinen Brüdern und Schwestern für ihre Unterstützung, dem Technischen Hilfswerk (THW) für die freundliche Aufnahme und die logistische Hilfe, der Caritas für die Mitfinanzierung der Notküche, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) für die Versorgung mit Lebensmitteln, der Navis für die gute Zusammenarbeit - auch im medizinischen Bereich, den Johannitern für ihre Fürsorge, Humedica für die gute Zusammenarbeit. Außerdem bedankt sich das Team beim Auswärtigen Amt für die Unterstützung des Einsatzes und bei der Deutschen Botschaft in Port-au-Prince für ihre ausgezeichnete Informations- und Koordinationshilfe. Herzlichen Dank auch Hansjürg Hess in Leogane für seine hilfreiche Unterstützung.
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