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rudolf steiner wie manche ihn sehen und andere ihn wahrnehmen
Zur Neuauflage von Walter Kuglers "Feindbild Steiner"
mm/tdz. 15.06.2008 - Neu aufgelegt und um einige Kapitel erweitert hat Walter Kugler jetzt sein vor sieben Jahren erschienenes Buch "Feindbild Steiner". Auf den ersten Blick natürlich... eine Verteidigungsschrift. Ein zweiter, etwas genauerer Blick offenbart allerdings eher das Gegenteil. Denn wen sollte Kugler hier verteidigen? Vielleicht den, den Russell W. Davenport (amerikanischer Wissenschaftler und Publizist (Time und Life)) so beschreibt: "Wer es auf sich nimmt, dieses umfangreiche Werk mit offenem Sinn zu prüfen (sagen wir wenigstens hundert Bände) wird sich einem der größten Denker aller Zeiten gegenübersehen, dessen Beherrschung der modernen Wissenschaften ebenso bewundernswert ist wie seine Kenntnis auf dem Gebiet der alten Wissenschaften." Oder einen, den Else Lasker Schüler um hundert Franken anpumpt? "Sehr verehrter lieber Doktor. Vielleicht können Sie mir 100 Franken leihen, für uns, die wir Künstler sind! Ich war doch früher auch ihr Freund - immer. Wollen Sie, werden Sie?"
Nein, keine Verteidigung. Zweifellos, so Kugler, gibt es Äußerungen Steiners, die "treiben uns Veteranen der Anti-Vietnam-Generation den Schweiß aus allen Poren und mitten auf die Stirn." Da helfe es auch nicht dass andere auch mal denebengegriffen haben. Aber: "Steiner als Antisemiten, Rassisten oder Faschisten zu titulieren - das ist schon absurd". Angesprochen werden von Kugler sehr wohl diese "real existierenden Wortlaute im Geamtwerk Steiners - die von einer holländischen Kommission unter Leitung eines namhaften Experten für Menschenrechtsfragen nach den Kriterien heutiger Diskriminierungsbestimmungen als problematisch beanstandet wurden"; sein Ergebnis aber ist, das sich diese "unter Berücksichtigung des geistesgeschichtlichen Kontextes und unter Hinzuziehung weitere Äußerungen Steiners eindeutig als nicht rassistisch lesen." Ob diese Hinweise allerdings die Kritiker - und auch die aus den eigenen Reihen - davon abhalten, weiterhin das Gegenteil zu behaupten, darf angezweifelt werden.
Im überarbeiteten und erweiterten Kapitel "Steiner contra Antisemitismus" kommt Walter Kugler zu der Schlussfolgerung, dass "man die innerjüdische Diskussion rund um die Assimilationsbemühungen und -verwerfungen aus dem 19. Jahrhundert sehr gut kennen muss, um das, was Rudolf Steiner über das Judentum (und nicht über Juden!) in seinem Homunkulus-Aufsatz im Jahre 1888 geschrieben hat, richtig einordnen und schließlich auch beurteilen zu können." Kugler begründet diese seine Auffassung mit dem Hinweis auf zwei Studien des jüdischen Historikers Michael A. Meyer, der unter anderem Präsident des renommierten Leo Baeck-Instituts ist (ein internationales Forschungsinstitut für jüdische Kultur und Geschichte). Meyer hatte hier im Kontext seiner Darstellung über den "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" die große Bedeutung Hegels für diesen Verein geschildert: "Ohne in Widerspruch mit Hegel zu geraten, konnten sie nicht den jüdischen Bestandteil der gegenwärtigen geistigen Wirklichkeit herausdestillieren, weil diese ja nach Hegel im Ganzen aufgegangen war. [..] Die Vorstellung, dass jüdische Geschichte an ihr Ende gekommen war, bestimmte auch die anfängliche Arbeit der "Wissenschaft des Judentums". Kugler merkt hier an, dass Steiners Beiträge, in denen er entschieden dem Antisemitismus entgegengetreten sei, beispielsweise in der Zeitschrift des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" sowie anderen Publikationen, von Kritikern bisher völlig ignoriert worden seien: "Weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf". Und er zitiert Steiner mit einem Beispiel aus dem Jahre 1900: "Ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität (Minderwertigkeit) des Geistes, auf mangelndes ethisches Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet."
In dem Kapitel über "Die Leidensgeschichte eines Zitates oder: Wie ein Urteil entsteht" ruft uns Kugler das Schwarzbuch Anthroposophie in Erinnerung und weist anhand des von den Gebrüdern Grandt bewusst(?) verkürzten Zitates von Alfred Bäumler nach, dass durch eine solche Verkürzung der gesamte Sinn der Aussage ins genaue Gegenteil verkehrt wurde. Bäumler war seinerzeit einer der führenden nationalsozialistischen Pädagogen im Amt Rosenberg für "die Überwachung und Erziehung der NSDAP". Durch geschickte Umdeutung der verkürzten Passage kommt dann eine zweite, nicht weniger abstruse Aussage heraus, die dann in einem dritten Schritt, versehen auch noch mit falschen bibliographischen Angaben, vollends zur Farce wird. Ein gutes Beispiel, wie Kritiker, wenn sie es nur wollen, den Sinn von Zitaten so verzerren, dass zum Schluss wrklich niemand mehr weiß, worum es eigentlich geht. Unter diesen Gesichtspunkten werden vielleicht auch manche Medienberichte zwar nicht glaubwürdiger, aber verständlicher.
In einem Einschub kommen Zeitgenossen Steiners und Menschen zu "Bild" und Wort, die in Rudolf Steiner einen außerordentlichen Geist und kosmopolitischen Querdenker gesehen haben. Der amerikanische Schriftsteller Saul Bellow, der 2005 starb: "Wenn ich Steiner lese, finde ich eine gewaltige poetische Vision [..] Ich kann nicht sagen ob ich Anthroposoph bin - noch nicht. Aber ich versuche es zu werden."
Das Kernstück des Buches, so lese ich es in einer NNA-Rezension von Wolfgang Vögele, blieb bis auf einige grafische und redaktionelle Änderungen weitgehend unverändert. Diejenigen also, die sich bereits mit dem "Feindbild Steiner" auseinandergesetzt haben, werden hier vermutlich nichts Neues entdecken. Für Menschen aber, die sich auf Grund der Medienberichte in der letzten Zeit ein differenziertes Bild von Rudolf Steiner machen wollen, wird dieses Buch ein Gewinn sein. Es zeichnet ein Bild von Steiner, dass bar ist jeglicher Lobhudelei und Anbiederei, spart die in Rede stehenden Fragen nicht aus, auch wenn Kugler zu anderen Ergebnissen kommt, als es die Kritiker vielleicht gern hätten. Insofern wird es auch bei den Anthroposophen selbst unterschiedlich bewertet werden.
Berücksichtigt man aber, dass nahezu alle Vorwürfe, der der Anthroposophie von den unterschiedlichsten Seiten gemacht werden, in diesem Buch genannt sind, fragt man sich aber unwillkürlich doch und zwar an die Kritiker aller Couleur gerichtet: So viel Lärm um... was eigentlich? Hier eine aufklärende Antwort gegeben zu haben, ist das Verdienst Walter Kuglers. Seinem Buch möchte man viele vorurteilslose Leser wünschen.
rudolf steiner wie manche ihn sehen und andere ihn wahrnehmen Verlag: Freies Geistesleben 2008 1. Auflage der erweiterten Neuausgabe 128 Seiten ISBN-13: 9783772520808 ISBN-10: 3772520804
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