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Fukushima und die EU-Richtwerte

02.04.2011

Vertrauensbildung durch strahlende Lebensmittel? Die EU-Kommission in Brüssel hat Ende März eine seit 25 Jahren existierende Verordnung für den Fall einer nuklearen Krise aktiviert.
von Regina Reinsperger

Die EU-Kommission geht offensichtlich davon aus, dass nicht nur in Japan eine nukleare Krise besteht, sondern auch in der EU. Wie sonst käme sie dazu, diese nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl verfasste Verordnung jetzt zu aktivieren? [1] Aufgrund dieser Verordnung dürfen wir jetzt Wildschweinfleisch aus Oberschwaben und dem Bayrischen Wald verzehren, das noch vor einer Woche „als nicht für den menschlichen Verzehr geeignet" vernichtet worden wäre. Es ist also wieder einmal das übliche, nicht sehr vertrauensbildende Vorgehen der Behörden: können Richtwerte nicht mehr eingehalten werden, so werden sie einfach heraufgesetzt.

Durften in Deutschland nach den Richtwertempfehlungen von 1976 Lebensmittel nur 30-50 Bequerel pro Kilogramm Gesamtaktivität für Erwachsene enthalten, so waren es ab 1986 nach Tschernobyl 600 Bq/kg und seit dem vergangenen Wochenende dürfen wir nun 1250 Bq/kg verzehren. (Dieser Wert bezieht sich nur auf das Leitnuklid Caesium-137.) In Japan liegt trotz aktueller Katastrophe der Grenzwert mit 500 Bq/kg deutlich niedriger als in der EU. In Österreich galten bis zum EU Beitritt 1995 sogar noch niedrigere Werte, dort waren nur 111 Bq/kg erlaubt. So moniert auch die Strahlenschutzexpertin am Österreichischen Ökologie-Institut, Gabriele Merz, die hohen EU-Werte. [2] In nur drei Monaten könnte durch den Verzehr von entsprechend hoch belasteten Lebensmitteln eine Dosis von fast 4 Millisievert (mSv) erreicht werden, errechnete sie. Auch in unserer bundesdeutschen Strahlenschutzverordnung ist „für den Schutz von Einzelpersonen der Bevölkerung" nur eine Jahresdosis von 1 mSv aus künstlichen Quellen erlaubt und für beruflich strahlenexponierte Personen 15 mSv (§ 5 Dosisbegrenzung).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) tröstet den Verbraucher dann auf seinen Seiten im Artikel „Pilze und Wildbret im süddeutschen Raum noch immer mit Cs-137 belastet" „Die Aufnahme von 80.000 Bequerel Caesium-137 mit der Nahrung entspricht einer Strahlenbelastung von ca. 1 mSv. Der Verzehr von 200g Pilzen mit 4.000 Bq Caesium-137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 mSv zur Folge. Dies lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen." Dieser Vergleich ist jedoch nicht ganz realistisch, der Durchschnittsbürger fliegt nämlich nur ein- oder zweimal im Jahr in den Urlaub, muss aber mehrmals täglich essen (natürlich nicht nur Wildschwein). Da summieren sich die Werte, bezogen auf die Gesamtlebenszeit, recht schnell.

Andererseits schreibt das BfS in seiner Download-Broschüre „ Tschernobyl – 20 Jahre danach" auf Seite 12: „Das BfS rät grundsätzlich, jede Strahlenexposition so gering wie möglich zu halten. Die Strahlenexposition durch den Verzehr von Lebensmitteln lässt sich durch das individuelle Ernährungsverhalten reduzieren. Wer für sich persönlich die Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte, sollte deshalb auf den Verzehr von vergleichsweise hoch kontaminierten Pilzen und Wildbret aus dem Bayrischen Wald, insbesondere Wildschweinen, verzichten." [3]

Analog gilt das jetzt bei diesen hohen EU-Grenzwerten auch für manche Lebensmittel aus Japan? Nach Auskunft des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz importieren wir nur 0,1% unserer Lebensmittel aus Japan, überwiegend „Spezialitäten" wie Pilze, Gewürze, Saucen, Tees und Alkoholika.

Immerhin kann man jetzt wohl auf die zusätzliche radioaktive Bestrahlung zur Strahlenkonservierung dieser Spezialitäten verzichten? [4] - Mit den ersten Lebensmittellieferungen nach dem Gau von Fukushima ist Mitte April zu rechnen.


Quellen:
[1] EU-Kommission: „Durchführungsverordnung (EU) Nr.297/2011 der Kommission vom 25. März 2011 zum Erlass von Sondervorschriften für die Einfuhr von Lebens- und Futtermitteln, deren Ursprung oder Herkunft Japan ist, nach dem Unfall im Kernkraftwerk Fukushima (Text von Bedeutung für den EWR) - veröffentlicht am 26.3.2011 im Amtsblatt der Europäischen Union (DE), Seite L 80/5
[2] 
http://www.ecology.at/hotspot71.htm
[3] www.bfs.de
[4] http://www.strahlentelex.de/Stx_06_474_S04-05.pdf
     www.strahlentelex.de „aktuelle Ausgabe" vom 31.3.2011 mit Kommentar
     und sehr vielen aktuellen Messwerten aus Japan

 

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