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Allgemeine Verunsicherung. Augen zu oder auf? Auf jeden Fall: "Durch". von Michael Mentzel
Wer sich dieser Tage über die Fukushima-Reaktorkatastrophe in Japan informieren will, hat es nicht leicht. Zu widersprüchlich sind die Meldungen über den Fortgang der Arbeiten, als dass sich daraus wirklich verlässliche Informationen generieren ließen. Verkündet ein Live-Ticker, dass es voran geht, weil der Strom wieder da sei, liest man in der nächsten Minute bereits wieder, dass Rauch aufsteigt und alle Arbeiter evakuiert worden seien. Wem aber kann man überhaupt vertrauen? Die Regierung und die staatlichen Behörden in Japan werden bemüht sein, die Ereignisse so darzustellen, dass Panikreaktionen vermieden werden. Auch die Betreiber des Kernkraftwerkes- so darf man vermuten - werden versuchen, die Gefahren so lange herunterzuspielen, wie es nur geht.
Die Medien aber zaubern unterdessen fortwährend neue Experten aus dem Hut, um beim Rennen um die Schlagzeilen nicht ins Hintertreffen zu geraten, und vergrößern so die allgemeine Verunsicherung unter uns Laien nur noch mehr, da auch die Experten nicht viel sagen, auch wenn man sich natürlich bemüht, auf ihre "Nebenbeisätze" zu achten. Als ziemlich sicher dürfte mittlerweile gelten, dass es bei dieser Katatrophe inzwischen um einen Super-Gau handelt. Die von der Gesellschaft für Strahlenschutz mitgeteilten und von der IAEA (International Atomic Energy Agency) gemessenen Werte gleichen also mittlerweile denen, die 1986 im Umkreis von Tschernobyl gemessen wurden. Hintergrundinformationen und ein Vergleich können vielleicht helfen, die Stuation besser zu verstehen. (Siehe Extrafenster)
Zu diesem Desaster kommt der Aufstand der Bürger der arabischen Welt gegen ihre Dikaktoren und die damit verbundene Gewalt. Die Meldungen über den Militäreinsatz in Libyen, der wohl auch länger als "geplant" dauern wird und, obwohl offensichtlich verschämt verschwiegen, wie immer auch reichlich zivile Opfer fordern wird. Ganz aktuell sind auch die Berichte über die wieder aufflammenden Kämpfe im Israel/Gaza-Konflikt, die aber wegen der allgemeinen Nachrichtenlage eher ein wenig untergehen. Die Stimmenthaltung im UNO-Sicherheitsrat zur Intervention in Libyen hat der schwarz-gelben Koalition derzeit international und auch zu Hause ein Szenario beschert, dass ihr mehr als bedrohlich erscheinen muss.
Wer aber, so fragt man sich, kann bei diesen Nachrichten überhaupt noch ruhig schlafen? Denn diese Informationsflut erzeugt ein brisantes Gemisch, das die Gefühlshaushalte der Menschen, so mein Eindruck, in einer besonderen Weise gleichsam wie in einem seelisches Erdbeben durchzuschütteln scheint. Die oben beschriebenen Probleme sind ja nicht alles: Atomausstieg, Klimawandel, Gentechnik, Nanotechnologie, Futtermittelskandale und die Fragen nach dem nationalen und globalen Finanzwesen, jetzt erneut drohende Kurzarbeit wegen japanischer Lieferschwierigkeiten und die immer noch hohe Arbeitslosigkeit ergänzen den Reigen der Probleme.
Die zahlreichen Leser-Kommentare zu den jeweiligen Berichten kommen zumeist "unverfälscht" und sehr direkt daher; sie spiegeln die jeweiligen Bauch-Befindlichkeiten und damit die Stimmung der Rezipienten einigermaßen genau. Lassen sich also daraus auch Rückschlüsse auf die anstehenden Wahlentscheidungen ziehen?
Die am kommenden Sonntag stattfindenden Landtagswahlen in Baden Württemberg könnten - vorausgesetzt, dass es zu einer Abwahl des bisherigen Ministerpräsidenten Mappus(CDU) käme - einem neuen Politikverständnis die Tür öffnen. Einem Politikverständnis, das die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger zur Partizipation am politischen Prozess anerkennt und die "Spielräume" für diese Beteiligung erweitert. Gleichwohl sind mit diesen "Spielräumen" keine etwaigen Schlichtungsveranstaltungen á la Stuttgart 21 gemeint. Die derzeitige, scheinbar recht komfortable Situation für die Wahlaussichten der Bündnisgrünen dürften eher den Ereignissen in Japan und den dadurch entstandenen Diskussionen über den Ausstieg aus dem Ausstieg geschuldet sein, als der Frage nach Stuttgart 21. Denn es mag vielleicht möglich sein, den Menschen mit Innovations- und Fortschrittsgerede im Verkehrs- oder Infrastrukturbereich noch Sand in die Augen zu streuen, im Hinblick auf die Gefahren beim Betrieb von Atommeilern dürfte dieses Unterfangen wohl nicht mehr funktionieren. Pikanterweise wurde jetzt auch noch, 3 Tage vor der brisanten Landtagswahl in Baden-Württemberg, bekannt, dass Wirtschaftsminister Brüderle bei einer Sitzung mit hochrangigen Vetretern der deutschen Industrie davon gesprochen habe, die Kehrtwende in der Atompolitik, Merkels Moratorium hänge mit den anstehenden Wahlen zusammen. Das wird übrigens auch von ca. 70% der befragten Bundesbürger so gesehen, die auch das Einsetzen einer Ethikkommission im Angesicht der eigentlich eindeutigen Katastrophe in Japan als überflüssig empfinden. Die Bürger kennen also mittlerweile ihre Kanzlerin und ihr stetes Ringen um den Machterhalt und es zeigt sich, dass die Koalition so einmal mehr ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem hat.
Wenn aber dieses nun alles so ist, dann lässt sich konstatieren: Recht behalten haben wieder einmal die Stimmen, die sagen, es müsse erst etwas passieren, bevor die Menschen aufwachen. Mit der Kernkraft haben wir also in den letzten 25 Jahren bereits zum zweitenmal das statistische "Restrisiko Gau" erlebt, die vielen Störfälle reichten für ein Aufwachen und Umdenken eben nicht aus, sie gingen im Alltagsgetriebe unter. Und wenn uns im Allgemeinen eine solche Sichtweise auch nicht sonderlich gut gefällt, ist es doch eine Feststellung, die durch die eingetretenen Ereignisse bestätigt wird. Die von Haus aus eher konservativen Wahlberechtigten im "Ländle" haben am Sonntag die Möglichkeit, zu entscheiden, ob sie einer Politik der "Augen auf" oder der "Augen zu" die Priorität einräumen. "Durch" müssen sie auf jeden Fall.
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Noch eine Ergänzung des Extrafensters:
Am 25.03.2011, 16:48 Uhr, meldet t-online-Nachrichten in dem Artikel "Tausendfach erhöhte Strahlung an weiterem Reaktor gemessen" auch folgendes:
"In China wurden zwei Japaner nach ihrer Ankunft wegen Verstrahlung im Krankenhaus behandelt. Der gemessene Grad an Radioaktivität habe den erlaubten Wert "erheblich überschritten", teilten die Behörden mit. Die Reisenden kamen demnach bereits am Mittwoch mit dem Flugzeug aus Tokio an. Sie lebten in einem UMKREIS VON 200 bis 350 km ENTFERNT von der havarierten Atomanlage Fukushima."