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Wilfried Heidt, einer der aktivsten Mitstreiter für die die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus ist am 2. Februar 2012 in Achberg unerwartet gestorben. Mit ihm starb einer der - neben Joseph Beuys und Peter Schilinski - politisch aktivsten Anthroposophen Deutschlands nach 1945. Die wohl prägendste Zeit seines Lebens schilderte Wilfried Heidt in einem langen und sehr persönlichen Gespräch mit Monika Neve von Lazarus 21 im Jahr 2008. [Link s.u.]
von Michael Mentzel

Der 1941 geborene Wifried Heidt stammte nach eigenen Angaben aus einem "kleinbürgerlichen Haushalt". Der Vater war 1944 in Russland gefallen. Schon früh interessierte sich Heidt für politische und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. In einem Gespräch mit Monika Neve, Redakteurin der Zeitschrift Lazarus 21 erzählte er: "Ich hatte schon 1954 in der Volksschule einen Lehrer, der hatte uns beigebracht, jeden Tag die Zeitung zu lesen und immer darüber zu berichten. (...)Dadurch bin ich mit den politischen Themen und Fragen der Zeit konfrontiert worden."

Die Anfänge seines politischen Weges wurden im wesentlichen geprägt durch die Atomfrage, sowie die Friedens- und Ostermarschbewegung der fünfziger und 60er Jahre. "So hatte ich auch meine erste politische Veranstaltung erlebt. Dabei war ich auch in Verbindung gekommen mit dem Robert Scholl, das war der Vater der Geschwister Scholl, die in der Widerstandsbewegung der „Weißen Rose" gegen Hitler gekämpft hatten... Den Robert Scholl lernte ich kennen und mit ihm zusammen habe ich meine erste politische Veranstaltung im Ostermarschzusammenhang gemacht. So wurde von daher mein politisches Engagement angeregt. (...) Die letzten zwei Jahre meiner Schulzeit führten schon ins politische Engagement hinein. Und das war links."

Wilfried Heidt schildert auch seine erste Begegnung mit der Anthroposophie und Rudolf Steiner. Nach einer Vorlesung von Karl Jaspers in Basel traf er auf Werner Moser, einen Privatgelehrten, der in Basel einen kleinen Antiquitätenhandel betrieb: "Wir kamen ins Gespräch. "Sie waren auch in der Diskussion!", sagte er. „Was Sie da gesagt haben, es war nicht das Gelbe vom Ei." Ich fand das arrogant, aber es machte mich neugierig.(...) Er war ein exzellenter Philosoph, einer der besten anthroposophischen Erkenntnistheoretiker, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Dann sagte er: „Damit Sie erst einmal Boden unter den Füßen kriegen in erkenntnistheoretischer Hinsicht, beschäftigen Sie sich doch einmal mit Rudolf Steiner.(...) Ich hatte den Namen vorher nie gehört."

Der an sozialen Fragen interessierte Heidt stieß schnell auf Steiners "Kernpunkte der sozialen Frage":  "Das fand ich interessant. Dieser Steiner hatte also auch etwas zum Thema der sozialen Frage publiziert. Da wollte ich der Sache richtig nachgehen." 

Heidt war einer der Anthropsophen, dessen politisches Egagement sich nicht darin erschöpfte, politische Zusammenhänge geisteswissenschaftlich zu erklären, er verband die Ideen Rudolf Steiners mit ganz konkreten Aktionen. Er bewegte sich in den unterschiedlichsten poltischen Zusammenhängen, besuchte die DDR und knüpfte dort Kontakte mit Gleichgesinnten. "Ich hatte in der Zwischenzeit den jungen Marx studiert, damit ich das Thema Individuum und Gesellschaft überhaupt behandeln konnte. Ich war also bestens ausgerüstet, was Marx betraf, plus Steiner. Ich wusste, wo in der Marxschen Theorie Ansätze zu finden sind, von denen man nahtlos zur Dreigliederung kommen kann. So konnte ich mit denen diskutieren, als ob ich selber quasi ein Repräsentant des jungen Marx sei."

In Basel lernte er die Zeitschrift "die Kommenden" kennen und begegnete auf der Tagung "Das mitteleuropäische Deutschland - Die Teilung Deutschlands als soziale Herausforderung", dem Anthroposophen Erhard Lauer: "Und da hörte ich zum ersten Mal einen Anthroposophen einen Vortrag halten. Im Unterschied zu meinen Professoren, die alle mit ihren ausgearbeiteten Manuskripten am Katheder standen, sprach Hans Erhard Lauer frei und zauberte ein Kunstwerk, das mich begeisterte."

Die Dreigliederung hatte den jungen Wilfried Heidt gepackt und sollte ihn fortan nicht mehr loslassen. 1966 begegnete er Peter Schilinski, der gemeinsam mit Ulle Weber auf der Insel Sylt das Witthüs betrieb: "Wir stellten sofort fest, dass wir auf derselben Wellenlänge waren. Die Dreigliederung brauchte er mir nicht mehr beizubringen. (...) Ich erfuhr von ihm, dass er schon seit 20 Jahren unterwegs war in Deutschland, um irgendwelche Anthroposophen zu finden, die in Sachen Dreigliederung vielleicht etwas unternehmen wollten."

Es folgten weitere Begegnungen mit dem 25 Jahre älteren Schilinski und dann: "Wir meinten, es müsse etwas geschehen. Wir müssten etwas „anzetteln". Aber was? Eine Revolution." Ein nicht leichte Aufgabe, gleichwohl erweiterte sich der Kreis derer, die aktiv an der Frage eines "Dritten Weges" mitarbeiteten. Es folgten Treffen im Studienhaus Rüspe mit Mitgliedern der damaligen Anthroposophischen Bewegung, aber auch der Gesellschaft. Heidt: "Diese Anthroposophen hatten zwar kein Projekt in der Tasche, aber es war doch klar, dass sich da etwas bewegte. An dieser Stelle waren zum ersten Mal der Peter und ich nicht allein, sondern in der Bewegung der anthroposophischen Szenerie drin. Das wurde initiert durch Leute, die mit dem Dreigliederungsimpuls verbunden waren als Funktionäre in der Gesellschaft. Das war etwas Neues."
Gleichwohl musste, so Heidts Erkenntnis, die Synthese Marxismus-Dreigliederung-Anthroposophie damals scheitern, weil diese "Bewegung" damals "perspektivlos" und "ideenlos" gewesen sei, "weil sie von ihren theoretischen Grundlagen her auf der Grundlage des Marxismus stand. Das heißt, sie hatte sogar abgelehnt, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, geschweige denn aus einem erkenntnistheoretischen Ansatz heraus arbeiten zu können, wie er sich aus der Geisteswissenschaft ergibt."


Verbindungslinien zur Dreigliederung fanden sich nach Meinung Wilfried Heidts seinerzeit in dem "Ideenzusammenhang", wie er in den Ideen des Prager Frühlings zu finden war: "Das Neue dieser Idee des Prager Frühlings war die Trias „Freiheit, Demokratie, Sozialismus". (...) Historisch zum ersten Mal trat diese Triasformel „Freiheit, Demokratie, Sozialismus" bei Rudolf Steiner am 9. August 1919 in seinem Vortrag in Dornach in einer entsprechenden Passage auf, die diesen Ideenzusammenhang als den konstitutiven für die Dreigliederungsidee darstellt. (...) Sie war vorher nicht da und nachher auch nicht. Sie erscheint aber explizit wortidentisch im Zusammenhang mit dem Prager Frühling wieder, bei den Philosophen, bei den Nationalökonomen u.s.w. Das ist die Ideengrundlage des Prager Frühlings."

Parallel zu all diesen Entwicklungen war Heidt an der Gründung des republikanischen Clubs in Lörrach beteiligt, es folgten Treffen mit Aktionisten des Prager Frühlings. Als am 21. August 1968 die sowjetischen Truppen in Prag einmarschierten, oganisierte der Republikanische Club in Lörrach eine Solidaritätsveranstaltung, zu der 2000 Menschen kamen: "Dass Lörrach die Stadt war, in der zum ersten Mal in der Geschichte eine deutsche demokratische Republik auf dem Rathausplatz ausgerufen wurde, wusste ich in diesem Moment noch nicht."

Ulrich Rösch, einer der Weggefährten Wilfried Heidts aus der damaligen Zeit erinnert sich: „Bei dieser Solidaritätsveranstaltung schilderte Wilfried Heidt, wie wir vom Republikanischen Club versucht haben, in einem dialektischen Zusammenspiel die Ideale von Freiheit, Demokratie und Sozialismus gleichgewichtig zu entfalten, wie die Impulse von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (liberté, égalité, fraternité) in einer modernen Form auflebten und verwirklicht wurden. Es hätte noch nie und nirgendwo in der Weltgeschichte einen so umfangreichen und gleichzeitig praktikablen Versuch gegeben, die Gesellschaft so gegliedert zu gestalten, dass die Arbeitsimpulse aus der Freiheit der Menschen kämen und zugleich in gesellschaftlicher Solidarität wirtschaftliche Werte geschöpft und geschaffen würden. Wilfried Heidt erklärte damals unsere Solidarität mit dem tschechoslowakischen Volk und allen Menschen, die einen solchen Schritt in Richtung auf einen freien und demokratischen Sozialismus gehen wollten.“

Auf der von Wilfried Heidt in den letzten Jahren betriebenen Webseite [Link unten] gewinnt man einen Einblick in die Arbeitsgebiete, in denen er sich in den letzten Jahren bewegt  und mit denen er sich beschäftigt hat: Er berichtet dort „über Arbeitsschritte der Hochschule für projektorientierte Geisteswissenschaft, einer Abteilung des Internationalen Kulturzentrums Achberg (...); Schritte aus dieser Arbeit, die mir wichtig genug erscheinen, um sie auf diesem Weg interessierten Menschen mitzuteilen und zum Bedenken zu geben."

Mit Wilfried Heidt verläßt ein Mensch die politische UND anthroposophische Bühne, der den gesellschaftspolitischen Ansatz Steiners ernstgenommen hat und versucht hat, dessen Ideen zu einer neuen Sozialwissenschaft, die auf den Menschen als den Initiator von Veränderungen baut, auszubauen und zu erweitern.

Ein Statement auf der Webseite seiner Initiative "Trinity & Unity" kann beleuchten, worum es Wilfried Heid immer gegangen ist: "Von Liebe getragenes Wollen als Frucht aus dem Licht klaren Erkennens des Notwendigen: Diese Imagination ist der Gedanke, der das Gewölbe meiner über vierzigjährigen geisteswissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiet der sozialen Frage zusammenschließt. Er bringt, in baukünstlerische Formen transponiert, jene systemischen Gesetze zur Sprache, welche aufgrund des erreichten Standes der gesellschaftlichen Entwicklung in der Epoche der Globalisierung den Konstitutionen unserer Staaten zugrunde gelegt werden müssten, wenn wir dynamische und zugleich harmonische, friedliche Verhältnisse auf der Erde erreichen und nachhaltig sichern wollen; Verhältnisse, wie sie am Beginn der Neuzeit in der Französischen Revolution mit dem Ideal von liberté, égalité und fraternité als Perspektive einer menschenwürdigen Zukunftsvision vorgestellt worden sind. Dieses trinitarische Ideal ist - recht verstanden - nicht veraltet, sondern modern und zukunftsweisend wie eh und je."

Es zeigt sich klar, dass Heidts Ansatz immer auch ein pädagogischer war; er versuchte, einen "Typus einer neuen Hochschule auf geisteswissenschaftlicher Grundlage in Forschung, Lehre und volkspädagogischer Aufklärung zu praktizieren."

Initiator und auch Wegbegleiter über die langen Jahre seines Wirkens aber, das ihn mit vielen Dreigliederungsinitiativen - immer auch im Sinne der Einführung einer dreistufigen Gesetzgebung und der Frage nach "Mehr Demokratie"  - zusammenbrachte, war immer Rudolf Steiner. Der Stellenwert, den Wilfried Heidt der Anthroposophie beimaß, kann in folgendem Satz deutlich werden, den zu unterschreiben heute wohl selten jemand so offen und klar wagen mag: "Ohne Anthroposoph zu sein, ohne die Geisteswissenschaft zu kennen, kann man auch nicht wissen, welche Bedeutung eine Idee, wenn sie richtig ist, hat, um eine entsprechende Transformation zustande zu bringen."

Wilfried Heidt starb - für seine Freunde unerwartet - am Donnerstag, den 2. Februar 2012 in Achberg, wo er seit 1970 gelebt hatte.

Die Website von Wilfried Heidt 
Das Interview mit Monika Neve

 

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