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Die Integrative Waldorfschule Emmendingen ist in die Inklusionslandkarte aufgenommen worden. Bund der freien Waldorfschulen fordert bessere Finanzierung für inklusive Freie Schulen. Der Heilpädagoge Martin Cuno plädiert in "die Drei" für Inklusion in einem freien Geistesleben.
mm/tdz. -Mit dem Übereinkommen der UN über die Rechte von Menschen mit Behinderung, das seit 2009 in Kraft getreten ist, ist auch der Begriff der Inklusion an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen in Deutschland ein Thema geworden. Mit dieser Übereinkunft wurde ein Instrument geschaffen, das die Forderung nach einer Gleichbehandlung und der Teilhabe aller Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen unterstützen und - jenseits aller Sonntagsreden und wolkigen Versprechungen - mit Leben erfüllen kann.
Beispiele für gelungene Inklusion gebe es viele, heißt es auf der Webseite der "Inklusionslandkarte", die vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung eingerichtet wurde, allerdings: "Allzu häufig erreichen solche guten Beispiele aber lediglich eine lokale Resonanz. (...) Dies zu ändern ist Anspruch der Landkarte der inklusiven Beispiele." Und so ist es die erklärte Absicht des Behindertenbeauftragten der Bunderegierung, dass mit dieser Landkarte gute und gelungene Projekte gesammelt werden und über die lokalen Grenzen hinaus bekannt gemacht werden sollen.
Integrative Waldorfschule Emmendingen ausgezeichnet
Die Aufnahme der Integrativen Waldorfschule in Emmendingen (IWE) bei Freiburg in diese Inklusionslandkarte nahm der Bund der freien Waldorfschulen (BdFWS) jetzt zum Anlass, noch einmal darauf hinzuweisen, dass für eine neue inklusive Pädagogik auch die dazu notwendige Finanzgrundlage erforderlich sei: Die jeweilige Landesregierung sei nach der "auch in deutsches Recht umzusetzenden UN-Behindertenrechtskonvention in deutsches Recht verpflichtet, 'angemessene Vorkehrungen' zu treffen, um jedem Kind mit Behinderungen den Zugang zu einer allgemeinen Schule zu ermöglichen und ihm dort die notwendige Förderung zuteil werden zu lassen."
In der Integrativen Waldorfschule in Emmendingen, die seit 1995 besteht, wird das von der UN-Behindertenrechtskonvention geforderte Prinzip der Inklusion bereits umgesetzt. 48 der insgesamt 280 Schülerinnen und Schüler sind Kinder mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf. "Die Waldorfpädagogik bietet viele Wege, um die kindliche Entwicklung ganzheitlich zu fördern. Sie ist daher besonders geeignet, um das Thema Inklusion auch in Deutschland wirkungsvoll voranzubringen", sagt Birgit Beckers, im Bundesvorstand des BdFWS für das Thema Inklusion zuständig.
Neue Schulen braucht das Land
Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther ist der Meinung: "Schulen, die ihre primäre Aufgabe in der Vermittlung von möglichst viel fachspezifischem Spezialwissen sehen, sind ein aus dem vorigen Jahrhundert stammendes Auslaufmodell. Bildung, so zeigen die neueren Befunde der Hirnforschung, können Kinder nur durch eigene Erfahrungen erwerben. Und ihre wichtigsten Erfahrungen sammeln Kinder im Zusammenleben, im gemeinsamen Lernen und Gestalten mit anderen Kindern. Je unterschiedlicher die Fähigkeiten und Fertigkeiten, das Wissen und die Erfahrungen von Schülern sind, desto mehr können sie voneinander und aneinander lernen."
Diesem Modell von Schule kommt die Waldorfschule, das zeigen Erfahrungen aus der Praxis, wohl auch am ehesten entgegen und es leuchtet daher ein, wenn Birgit Beckers an die Adresse der neuen badenwürttembergischen Landesregierung die Aufforderung richtet, in der Frage der inklusiv arbeitenden Freien Schulen andere Wege zu beschreiten als ihre Vorgängerin. "Dem Anspruch der Inklusion müssen auch Taten folgen. Es kann nicht sein, dass ein wegweisendes Projekt wie die Integrative Waldorfschule Emmendingen ihre ausreichende finanzielle Ausstattung immer vor Gericht erstreiten muss."
Die jetzt von dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), mit einer Urkunde ausgezeichnete und in die "Inklusionslandkarte" aufgenommene IWE musste wegen unzureichender Landeszuschüsse bereits dreimal vor Gericht ziehen. "Trotz anderslautender Bekenntnisse der Politik müssen auch die Eltern der behinderten Kinder immer wieder um ihre Rechte kämpfen", wird der Geschäftsführer der IWE Michael Löser in der Pressemeldung des Bundes der Freien Waldorfschulen zitiert. Es sei nämlich keineswegs "normal", dass behinderte Kinder mit nicht-behinderten zusammen unterrichtet würden. Auch die Anerkennung der IWE als Integrative Schule musste auf juristischem Wege erstritten werden. "Hier sei in Baden-Württemberg noch viel zu tun, um die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention zu realisieren."
Inklusion braucht ein freies Geistesleben.
In der anthroposophischen Monatszeitschrift "die Drei" macht sich der Heilpädagoge Martin Cuno unter dem Titel "Die Reise zum Mittelpunkt der Inklusion" Gedanken über den Begriff und den Umgang mit dem Thema Inklusion, speziell auch in der Welt der anthroposophischen Heilpädagogik. Er nennt die Debatte darüber "vermintes Gelände" und stellt Nachdenkenswertes in den Debattenraum. So fragt er nach dem Zentrum, aus dem heraus "Inklusion erst möglich wird" und er stellt die Frage, ob es gelingen könne, zu dem in der Öffentlichkeit als "epochaler Paradigmenwechsel" angesehenen "Inklusionsideal" eine "aufrichtige, differenzierte, bewusste, 'anthroposophische' Stellung zu beziehen?"
Es sei naheliegend, so Martin Cuno: "an unser Menschenbild zu denken; insbesondere der Reinkarnationsgedanke wird hochbedeutsam für unser Zusammenleben mit Behinderten sein. Doch mit gutem Grund wird darauf verzichtet, öffentlich damit zu argumentieren. Denn das von der UN-Konvention garantierte Menschenrecht wie auch das geistig gemeinte neue Paradigma können nicht von einem, wie es heißen würde, Glaubensinhalt abhängen." Und selbstkritisch merkt er an: "Vielleicht wird hier unser Versäumnis offenbar, einen uns zunächst nur gegebenen Inhalt wie 'Reinkarnation' noch nicht genügend innerlich erarbeitet zu haben."
Cuno sieht unter anderem in der "Philosophie der Freiheit" den zentralen Schlüssel für ein weitergehendes Verständnis des Inklusions-Themas: "wie könnte der Weg zur Inklusion bzw. zum Zusammenleben irgend sinnvoll begonnen werden, ohne dass es der Weg zum freien Geistesleben ist?"
Die Reise zum Mittelpunkt der Inklusion Inklusionslandkarte
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