Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Frankfurter Buchmesse. Zwischen Rummelplatz und Leseruhe

16.10.2010

Jean Claude Lin (Freies Geistesleben) im Gespräch

Die Frankfurter Buchmesse 2010 fand vom 6. bis 10. Oktober statt. Einige - notwendigerweise subjektive - Eindrücke eines Besuchstages, es war der Donnerstag, schildert uns Helge Mücke.

Jedes Jahr dasselbe – und doch fahre ich immer wieder hin, wenigstens einen Tag, am selben Tag zurück. Alles höchst spannend auf der einen Seite, andererseits eine kaum erträgliche nervliche Belastung; tröstlich immerhin, dass es in den Hallen keinen Zigarettenqualm mehr gibt. Bei allem Rummel, den einzelne Verlage anlässlich der Frankfurter Buchmesse veranstalten, um auf sich und ihre Produkte aufmerksam zu machen – das Buch als Ware! - ist es doch immer möglich, mit einem Buch in der Hand ein ruhiges Plätzchen zu finden. Und: man kann Menschen begegnen. Immer wieder ist es mir passiert, dass ich mitten im Gewühl oder am Rande Bekannte treffe; auch dieses Mal, einen von ihnen ganz am Schluss, als ich gerade dem Ausgang zustrebte. Das erkläre mal einem Mathematiker mit Wahrscheinlichkeitsrechnung ... Neue Menschen kennenlernen geht auch.

Besonders still ist es oft in den Ausländerhallen – z.B. bei den Norwegern, die ich jedes Jahr besuche. Bei den Isländern war gerade Partystimmung, es gab Quellwasser und einen sicherlich guten Klaren (optisch taxiert) und natürlich Lachsbrötchen. Island wird im nächsten Jahr Gastland sein und bereitet sich schon einmal vor.

Insgesamt fand ich, dass es eine der weniger interessanten Buchmessen war, es gab praktisch keine aufregenden Neuerscheinungen in deutscher Sprache, ich muss allerdings zugeben, dass mich Ken Follett („Sturz der Titanen“) und John Grisham („Das Gesetz“ - Stories) nicht sonderlich interessieren, und das neue Buch von Jonathan Franzen „Freiheit“, dessen Lesung ich gerade morgens auf NDR Kultur höre, finde ich auch nicht gerade spannend. Gewiss ist es eine gute Abbildung des amerikanischen Kleinbürgertums, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand das spannend findet. „Solar“ von Ian McEwan fand ich weitaus interessanter; auch das hatte ich vorher schon auf NDR Kultur gehört.

Möchten Sie wirklich das Opus von Natascha Kampusch lesen, an dem sicherlich ein/e gute/r Ghostwriter/in mitgewirkt hat? Wobei ich ihr den Verdienst, der dabei vielleicht herausspringt, natürlich gönne. Bei Sarrazin weigere ich mich, nachdem er sich in Talkshows als dumpfer Biologist geoutet hat; nach meiner Auffassung hat er sich in jedem Fall disqualifiziert, wenn auch - möglicherweise - seine Aussagen statistisch gut belegt sind.

Größere Aufmerksamkeit kommt natürlich immer dem Werk zu, das den deutschen Buchpreis bekommen hat - diesmal wurde er Melinda Nadj Abonji für „Tauben fliegen auf“ zugesprochen. Ein eigenes Urteil habe ich dazu (noch) nicht, aber Iris Radisch bescheinigt ihr in der „Zeit“ vom 30.9. 2010: „Sympathische Unreife“.

Kommen wir zu den anthroposophischen Verlagen: Einige haben sich erstmals zu einem Gemeinschaftsstand zusammengetan - Freies Geistesleben, Urachhaus Verlag, Rudolf Steiner Verlag, Pforte Verlag sowie der Info3-Verlag, also keineswegs alle. Der Archiati-Verlag fehlte ebenso wie der Verlag am Goetheanum. Der Stand war in diesem Jahr nicht zu übersehen, wer durch den Längsgang D der Halle 3 im ersten Stock schlenderte, dessen Blick fiel automatisch auf einen Turm mit oben angebrachten Rudolf Steiner-Fotos auf allen vier Seiten – und der Bibliothek seiner Werke darunter. Die Stände der einzelnen Verlage wirkten licht und offen.

Dort gab es auch noch einen Buchblock: Der Verlag Freies Geistesleben ist auf die pfiffige Idee gekommen, kleine Themenheftchen in ansprechendem Blau herauszubringen, die spielerisch ein Ganzes ergeben. Ausgewählte Texte Steiners, rund 50 Seiten, jeweils mit einer kleinen Einleitung – „Impulse“ 1 bis 12, Themenbeispiele: „Idee und Wirklichkeit“, „Wirken mit den Engeln“, „Werde ein Mensch mit Initiative“. Die Hefte können einzeln gekauft werden, jeweils 4 Euro, oder in einer Kassette für knapp 40 Euro. Legt man die 12 Heftchen waagerecht nebeneinander, ergibt sich ein weiterer Sinnspruch: Handle so, wie, nach deiner besonderen Individualität, nur du handeln kannst.

Jeden Tag gab es auch eine Veranstaltung: am Mittwoch eine Pressekonferenz, am Donnerstag – dies konnte ich also mitbekommen – ein Gespräch zwischen Sebastian Gronbach und Hartwig Schiller, dem Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, zum Thema „Steiners Spiritualität heute“. Ich habe gestaunt, wie gut Sebastian Gronbach das Gespräch geführt hat! Sicherlich war er auch gut vorbereitet, aber trotzdem frisch, offen, spontan ...

Zu Steiner selbst bringen die anthroposophischen Verlage wieder Aufgegossenes. Zwei nicht-anthroposphische Verlage, nämlich DVA (Miriam Gebhardt) und C.H.Beck (Heiner Ullrich), sind da pfiffiger und bringen jeweils eine neue Steiner-Biografie. Und Zweitausendeins hat einen dicken Dünndruckwälzer mit den Grundlagenwerken bereits im Verkauf.

Was bleibt? Zwischen Rummelplatz und Leseruhe auf jeden Fall einige gewichtige Erträge an einem Tag – und selbstverständlich fahre ich im nächsten Jahr wieder hin!

Autorennotiz:
Helge Mücke, geb. März 1942, nach weit gespanntem Studium – Germanistik und Biologie – Promotion über Spielverhalten von Menschenaffen; nach verschiedenen beruflichen Tätigkeiten, u.a. Zoopädagoge, Waldorflehrer, Übersetzer, Verlagslektor, jetzt schreibend aktiv; u.a. Öffentlichkeitsarbeit für Anthroposophie in Hannover, s. Anthroblog Hannover

 

tdz jetzt bei twitter

reklame

werbung_tdz
steiner2011
Reisen und Lernen mit Hand, Herz und Kopf