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Ein paar Tage in der Wirklichkeit


Wenn man einmal seinem Schreibtisch ein paar Tage den Rücken gekehrt hat, um ein wenig zur Ruhe zu kommen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Ein Spaziergang an einem menschenleeren Ostseestrand kann Wunder bewirken und holt in ein paar halben Stunden wieder hervor, was man schon verschüttet geglaubt hatte. Der blaue Himmel, Möwen und das beständige Rauschen der Wellen tut ein übriges. Das kleinliche Gefasel um den richtigen Weg, um die Kämpfer des Lichts, um die "Weisheit" der sich als Anwälte und Schmier-Komödianten für die letzte Ölung der Achse des Guten sich verstehender Bush-Freunde, was ist es gegen die Gedanken, die einen dann am Abend in der gemütlichen Ferienwohnung bei der Lektüre von Hermann Hesse "Die Einheit hinter den Gegensätzen" überkommen.

Freunde, ich rate Euch einen Besuch an der Ostsee im November. Sehr empfehlenswert ein Besuch in Hugoldsdorf, etwa 25 Kilometer von Stralsund entfernt im Landesinneren. Dort entsteht etwas Neues, niemand kann vorhersagen, wie das Projekt sich entwickeln wird, aber dass dort mit Freude an etwas Neuem gebaut wird, ist unschwer zu bemerken. Ich treffe dort die Freunde von Captura, der Initiative für eine andere Schule. Florian, Friedel, Maria Ruth und einen Herrn Stockmar aus Hamburg, der das Ganze möglich macht. Und einige Menschen aus dem 158 Seelen-Hugoldsdorf. Kein Zweifel, hier wird an einer Anthroposophie gebaut, die sich nicht in hehren Worten verschwurbelt, sondern in der das Wort Tat wird. Gelebte Anthroposphie? Ich weiß es nicht, es stand nichts davon angeschrieben an den Mauern des "Schlosses" und des danebenliegenden Backsteinhauses, in dem zurzeit eine Wohnung hergerichtet wird, für eine Familie, deren Wohnung abgebrannt ist.

Zurück zur Ostsee, ein Gespräch mit einem jungen Bäckergesellen in einer Stadt, in der die meisten Menschen arbeitslos sind. Einer, der trotzdem Lebensfreude vermittelt und das Leben nimmt, wie es kommt. Dem ist nicht zu helfen, sagt seine Mutter und schaut ein wenig traurig. Viele Bewerbungen hat er geschrieben, hat er Antworten bekommen? Absagen, wenn überhaupt. Wie hieß er noch, Kevin oder Dennis? Ein kurzes Gespräch und doch offenbart es eine ganze Menge der Gedanken der hier lebenden Menschen.

Langsam beginnt sich das Land auf den Winter vorzubereiten. Diese Ruhe tut gut. Lärm und Sommerheiterkeit haben sich zurückgezogen, werden aufgesogen von den weiten mecklenburgischen Ackerflächen, werden eins mit der Erde, bereit, sich zu verwandeln. November. Was für eine Zeit. Was für ein herrliches Land, in dem wir leben.

Michael Mentzel