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zu einem aktuellen Thema
von Michael Mentzel
Eines offenbart der Skandal um die Steuermillionen des Herrn Zumwinkel in jedem Fall. Das es eine Kraft gibt, die die Vernunft und das Augenmaß außer Kraft setzen kann. Diese Kraft spürt jeder, der vergleichbaren beruflichen Situationen ausgesetzt ist. Politiker werden meistens an einem bestimmten Punkt ihres Wirkens den Moment verfehlen, an dem sie den Blick noch einmal von einer anderen Warte auf sich selbst zurückwerfen können. Von da an aber geht es bergab. Beispiele für dieses Verhalten gibt es zuhauf. Reicht es aber aus, an die Moral der Manager zu apellieren, wie es Frau Merkel und andere tun? Es reicht nicht. So wie eine DDR mit ihrer Planwirtschaft und ihrem Staatssozialismus scheitern musste, ist unser kapitalistisches System längst gescheitert und wird nur noch in Ermangelung einer anderen praktikablen Form aufrecht erhalten. Und damit es nicht zu laut knirscht zwischen den Zähnen, sorgen die Werbebranche und eine schier übermächtige Medienindustrie dafür, das Ganze mit einem bunten Zuckerguss zu übergießen und es so einigermaßen erträglich zu machen. Immer öfter aber bröckelt dieser süße Guss und macht sichtbar, was darunter marode ist und vor sich hin schimmelt. Gammelfleisch- Finanz- und Umweltskandale sind die Spitze des längst sichtbaren Eisbergs.
Die Heilsversprechen pseudoreligiöser Vereinigungen und Apelle an christliches Handeln und Moral mögen zwar den Umgang mit dieser Erkenntnis erleichtern, es bleibt aber fraglich, ob es an der Sache selbst etwas verändert.
1919 gab es einen Aufruf von Rudolf Steiner an das „Deutsche Volk und die Kulturwelt", der an der entscheidenden Stelle lautet: "(..)wie der natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken muß."
Der Aufruf war ein Plädoyer für eine Dreigliederung des sozialen Organismus, dessen Inhalt aber seinerzeit durch die "praktisch" denkenden Verantwortlichen nicht ernsthaft in Betracht gezogen wurde. 1985 schrieb Peter Schilinski *, einer der Nestoren der Dreigliederungsbewegung: "Sehr viele Menschen, die bereits begriffen haben, die sogar durch und durch davon überzeugt sind, daß unsere gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden müssen, denken sofort an Programme, wenn sie eine solche Veränderung vorstellen wollen. Geschichte und Gegenwart zeigen nun ganz deutlich, daß die Programme der Parteien, welche eine gute Zukunft versprachen, stets bereits überholt waren, wenn eine solche Partei dann wirklich einen maßgebenden Einfluß ausüben konnte. Außerdem gehört es inzwischen zur festen Gewohnheit der Parteipolitiker, daß sie sich um die vorher verkündeten Programme überhaupt nicht mehr kümmern, wenn sie einmal die Regierung ausüben." An die Stelle von Programmen, so Schilinski weiter, setze die Dreigliederung Impulse. Denn Programme seien Kopf-Erzeugnisse, wogegen Impulse entstehen, wenn "politische Gedanken die Region des Herzens erfasst haben.(..) Der bloße Gedanke ist theoretisch, er kann ausgewechselt und durch andere Gedanken ersetzt werden. Programme sind theoretische Gerüste, nach denen sich diejenigen, welche die Programme ausdenken, später nicht mehr richten, weil diese Gedanken noch nicht das Gefühl, das Herz erfaßt haben."
Im einem Gespräch mit dem Unternehmer Emil Molt sagte Rudolf Steiner 1919 im Hinblick auf die Eigentumsfrage, die ja heute eng verknüpft ist mit der Frage von Macht über Menschen (Beispiel Massenentlassungen) folgendes: "Das Privateigentum bleibt, aber das Privatkapital hört auf. Ich werde nie imstande sein, der Allgemeinheit irgendein Erträgnis zu entziehen. Es würde mir nichts nützen, Kapital anzuhäufen, ohne es in den Zirkulationsprozeß einzuführen. Für die materielle Arbeit hat jeder gleich viel. Dazu kommt aber, was Sie geistig leisten, dadurch, daß Sie da sind an dieser Stelle. Es ist selbstverständlich, daß Sie sich dann, wenn Sie über eine größere Arbeiterschaft Leiter sind, mehr rühren können müssen."
Daraus müsse man das "Herzergreifende destillieren", sagt Werner Breimhorst, der sich seit Jahren mit den Ideen der Dreigliederung beschäftigt: "Niemand, der selbst leistungsfähig ist, soll ohne Gegenleistung Leistungen anderer beanspruchen können. Sicher ist diese kurze Formulierung noch recht nüchtern. Das Soziale Hauptgesetz (Kasten d.red.) dürfte der eigentliche Kerngedanke sein, der in voller Dimension erst verständlich wird aus der Anerkennung einer geistigen Welt. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Menschen nicht jetzt schon anfangen sollen, Verständnis zu gewinnen. Die Selbstverständlichkeit eines herzergreifenden Empfindens für einen gerechten Leistungstausch, sollte allerdings weniger ein rein moralischer Appell sein, sondern durch verschiedene "Einrichtungen", es ließe sich hier wohl auch sagen, durch Ideen, Bedingungen oder Vorkehrungen, bewirkt werden." Der Unternehmer sollte also nicht also nicht Privateigentümer eines Unternehmens sein, sondern eine Art Treuhänder auf Zeit. Was aber, wenn er sein Unternehmen im Alter nicht mehr fortführen will? Hier muss es dann das Ziel sein, so Werner Breimhorst, "dass das Unternehmen in die Hände eines fähigen Nachfolgers kommt, was dann durch branchenspezifische Gremien des Geisteslebens (andere Unternehmer der Branche) mitentschieden wird." An dieser Stelle kann vielleicht auch sichtbar werden, dass es sich bei der Idee der Dreigliederung gerade nicht um eine Trennung von Geistes- Rechts und Wirtschaftsleben handelt, sondern um die gegenseitige Durchdringung dieser unterschiedlichen Bereiche.
Nun ist es fast 90 Jahre her ist, seit Rudolf Steiner seine Ideen zu einer Umgestaltung des sozialen Lebens veröffentlicht hat ***, es wäre dennoch zu fragen, ob nicht eine genauere Überprüfung dieser Ideen - natürlich unter den heutigen Bedingungen, die selbstverständlich andere sind als damals - überlegenswert wäre. Die Ansätze dazu sind vorhanden, in den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen beschäftigen sich Menschen mit der Dreigliederung, manchmal vielleicht sogar, ohne es überhaupt zu realisieren. Es könnte zwar sein, dass die Dreigliederung als politische Alternative nur in kleinen Zusammenhängen möglich ist, scheut man aber davor zurück, diese Gedanken auch nur zu denken, wird man nicht feststellen können, ob es sich wirklich um ein unpraktikables Unterfangen handelt. Konkret gefragt, wie denn die Dreigliederung mit der Bezahlung von Unternehmern oder Managern umginge, sagt Werner Breimhorst: "Diese Frage wird von der Dreigliederung aus verschiedenen Impulsen beantwortet. Einerseits soll dem Unternehmer sicher die geistige Leistung (sowohl die der ggf. erfinderischen Produkt- oder Organisationsentwicklung als auch die besondere Führungsqualifikation, Verantwortung) honoriert werden. Diese muß aber immer eine zum Rest der Belegschaft festgelegte Relation haben. Das Empfinden für diese Relationen ist den deutschen Managern offensichtlich verlorengegangen. Die Dreigliederung wird hier Regelungen vorschlagen, die darauf hinaus laufen, dass die "geistigen Arbeiter" und die "manuellen Arbeiter" vor der Arbeit bestimmte Relationen festlegen werden, die zu einer Verteilung der Erträgnisse führen, die von allen Menschen in der jeweiligen Unternehmung akzeptiert werden."
Wie man unschwer feststellen kann, ist wohl derzeit mit der Dreigliederung "kein Staat" zu machen. Vielleicht ein Grund mehr, noch einmal einen herausragenden Vertreter dieser Bewegung zu Wort kommen zu lassen, der in der Frankfurter Rundschau 1978 den "Aufruf zur Alternative" veröffentlichte****. Dabei handelte es sich um Joseph Beuys, der im Rahmen der Achberger Initiative für die soziale Dreigliederung eintrat. Sein Credo: "Jeder Mensch ist ein Künstler", bezieht sich auf die Möglichkeit des einzelnen Individuums, seine sozialen Fähigkeiten der Welt zur Verfügung zu stellen. Wir finden diesen Ansatz heute in den Gedanken eines Götz Werner zum Grundeinkommen, dessen Verwirklichung - wenn es denn wirklich gesundend sein soll - auch die individuellen Fähigkeiten und den Willen des einzelnen Menschen zur Tat einfordert. Auch bei den "Studientagen Soziale Skulptur" *****, die sich als konsequente Fortsetzung der Achberger Initiativen verstehen und regelmäßig stattfinden oder bei Veranstaltungen die aus dem großen Kongress "Ursache Zukunft" im Sommer 2007 hervorgegangen sind, werden die Ideen der Dreigliederung neu aufgegriffen und durch zeitgemäße Gedanken künstlerisch bearbeitet und belebt.
Wer angesichts der zurzeit herrschenden Verhältnisse glaubt, das sei "Schnee von gestern", verkennt die Bedeutung, die in solchen Ideen verborgen. Diejenigen aber, die nach wie vor nur in Machtkategorien denken können, werden sich hüten, daran etwas Erstrebenswertes zu finden. Womit wir wieder bei Herrn Zumwinkel, Frau Merkel und anderen angelangt wären.
* Peter Schilinski in der Zeitschrift "jedermensch" 1985 ** R. Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage 1919 *** J. Beuys: Aufruf zur Alternative Frankfurter Rundschau 1978 **** www.fiu-verlag.com/fiu.php?navId=4 ***** www.eddadietrich.de Hintergrundinformationen www.dreigliederung.de
Dank an Rainer Rappmann und Werner Breimhorst
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