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Die wilde Waldorf- Puppenstube

17.01.2012

Ein-Mann-Sekten & hermetische Weltbilder. Zu Christian Grauers Buch "Es gibt keinen Gott, und das bin ich!" Anthroposophie im Nadelöhr, Basel 2011
von Michael Eggert
Dieser Beitrag erschien zuerst bei den Egoisten

Das Trauma, kein Trauma zu haben

Natürlich hatte ich schon von dem Buch gehört, und zwar in dem Sinne, dass da einer mit seinem anthroposophischen Elternhaus abrechnet. Der Rezensent bekennt, dass er beruflich mit allen möglichen familiären Traumata befasst war und war daher einigermaßen gespannt. Mir ist, glaube ich, wirklich jeder vorstellbare Abgrund bekannt, jedenfalls in dieser Hinsicht. Aber schon in dieser Hinsicht ist Grauers Buch eine Enttäuschung. Die geschilderten Traumata bestehen vor allem darin, dass es keine gab. Zwar litt der junge Grauer unter einem "extrem dogmatische(n), christlich- pietistische(n) anthroposophische(n)" Elternhaus, bekennt aber selbst, dass er es im Jünglingsalter versäumt hatte, ordentlich dagegen zu opponieren, also z.B. nach Goa zu ziehen oder sich die Gespenster des Elternhaus in nächtelangen Partys in Ibiza aus dem Kopf zu tanzen. Vielmehr pflegte er dieses enge Weltbild "als junger Anthroposoph selbst". Ich habe in Studentenzeiten staunend auf Tagungen der Christengemeinschaft und anderswo wilde Mädchen erlebt, die lieber auf Sex und Drogen setzten und nach Findhorn abhauten, als "diese bigotte Waldorf- Puppenstube" noch länger zu ertragen. Grauer dagegen las im "christengemeinschaftlichen Religionsunterricht" Bücher über das Leben nach dem Tod, formte sich die Welt "zu einer kompakten, geschlossenen Veranstaltung" und erklärte für sich Steiner zu einem großen Boddhisattwa, einem "Propheten und Eingeweihten". Die "geistige Welt", die den Vorträgen Steiners als scheinbar geschlossenes Weltbild entsprang, wurde so für Grauer zu einem "Offenbarungsglauben".

Auch nach der Schule inszenierte Grauer nicht die kleinste Revolte, sondern absolvierte seinen Zivildienst in einem Camphill- Heim. Die Ernsthaftigkeit, mit der er aus seinem Weltbild heraus eine totale "Moralisierung des Alltags" betrieb, hatte auch für ihn selbst "etwas Wahnhaftes". Selbst in "abartigsten Verkrampfungen" im Alltagsleben fühlte sich Grauer einer moralischen Lebensführung verpflichtet und hielt seine Sehnsüchte und Triebe für Teile einer "degenerierten Sinnlichkeit". Alles, was Spaß machen könnte, hielt Grauer "für Versuchungen und Ablenkungen von der großen Mission". Da ich selbst in diesem Alter zwar kein Waldorfschüler war, aber doch lebhafte Kontakte zu Junganthroposophen und insbesondere Eurythmistinnen hatte, muss ich konstatieren, dass er damit ziemlich allein gestanden haben muss, denn auch spirituell Angehauchte ließen sich in dieser Zeit von den körperlichen Vergnügungen nicht abhalten, ganz im Gegenteil. Herr Grauer hat sich da - sehr zu seinem Nachteil- offenbar etwas entgehen lassen. Wenn er von der Kompaktheit seines "dogmatischen Weltbildes" spricht, fragt man sich beim Lesen schon, ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn das Elternhaus bigott-katholisch oder - sagen wir- versoffen-evangelisch gewesen wäre. Ich glaube nicht. Wenn er denn meint "Anthroposophen sind wirklich so! Freiwillig!", dann sprechen wir offenbar nicht vom selben Umfeld. Vielleicht versucht Grauer auch, witzig zu erscheinen. Auch später, als ich Waldorfvater war, war ich immer wieder erstaunt, wie wenig selbst die ideologischen Betonköpfe unter den Waldorflehrern davor zurück schreckten, ausschweifende sexuelle Affären mit Kolleginnen und Müttern auszuleben- nicht selten bis hin zur Kündigung. So trifft die Diagnose Grauers "Meine Sekte war eine Einmann- Sekte" sicherlich zu. Das hätte er aber mit jeder Ideologie - ob als Kommunist oder als Heilerziehungspfleger mit Helfersyndrom - an jeder Ecke haben können. Es ist nicht unbedingt Anthroposophie- spezifisch, sich ein Brett vor den Kopf zu nageln.

Das Klagelied des Klosterschülers

Im folgenden Philosophie- Studium stellte Grauer fest, dass er "durchaus positiv voreingenommen gegen Publikationen aus anthroposophischen Verlagen" war. Aber allmählich - endlich!- dämmerte auch die Erkenntnis, dass "der übermenschliche Anspruch, den ich selber an die Anthroposophie stellte, nicht haltbar war."
Er erkannte, dass er sein hermetisches Weltbild durch Abschirmung "von allen Einflüssen der Wirklichkeit" künstlich am Leben hielt, auch wenn er bemerkte, dass es vor allem eines, nämlich "langweilig" war. Sich aus der selbst geschaffenen Hermetik heraus zu manövrieren, kostete Grauer einige Jahre. Die Desillusionierung wurde dann so radikal, wie der naive Glaube vorher gewesen war- was einen nicht sehr überraschenden Reflex darstellt. Bei Grauer waren es dann der Nihilismus Nietzsches, der sich als "beste Medizin gegen dogmatische metaphysische Wahnvorstellungen" erwies und (ausgerechnet!) die wachsende Freude an dem Komiker Helge Schneider. Aber auch heute noch grollt der Autor Grauer, seine "ästhetische Bewertungsneurose" und der "Zwang, meine Mitmenschen zu beurteilen", sei "anerzogen". Die harten Schemata seiner Urteile bezeichnet er tief bis ins Erwachsenenalter hinein als "meine anthroposophischen Raster". Das klingt allerdings in den Ohren des kritischen Lesers selbstbeschönigend- eine sehr verbreitete Art und Weise, Schuldzuschreibungen zu vergeben. Grauer beklagt an mehreren Stellen das Pathos und den mangelnden Raum für "Humor und Gelassenheit." Das Befolgen seiner virtuellen anthroposophischen "Mission" bezeichnet er als "besonders gesteigerte Form von Egozentrik und Intoleranz." Dabei kommt dieses anklagende, sich über viele Seiten erstreckende Lamento selbst reichlich egozentrisch und pathetisch daher. Es ist halt das Klagelied des Klosterschülers, der seinen Glauben verloren hat und jetzt über die verpassten Jahre jammert.

Diskreter Sicherheitsabstand

In Dialogen im Internet lernte Grauer dann Menschen kennen, die einen "diskreten Sicherheitsabstand" zur Anthroposophie einhielten und offenbar gut damit fuhren. Er überdachte - endlich- seine "Denkmuster und Wertungen" und entwickelte eine "radikale spirituelle Diesseitigkeit". Das Wort "radikal" taucht nun ebenso häufig auf, wie es sich in Grauers Lebensentwürfe bis etwa zum 35. Lebensjahr auch auslebte, nur jetzt eben nun als "bekennender Anhänger einer radikal libertären Politik." Die bisherige Unfähigkeit, "den Augenblick zu genießen" schlug nun um in einen Weg zum "Hedonismus als der einzig möglichen Ethik". Außerdem widmete er sich zunehmend dem Konstruktivismus als einer "skeptische(n) Haltung", die "die Selbstverständlichkeit des Realismus in Zweifel zieht." Dazu gehört auch, die scheinbar selbstverständliche, "gegebene" "Differenz zwischen Ich und Welt" als Teil dieser Konstruktion zu erkennen, die uns als Subjekt erst erschafft und somit "Identität" verleiht. Für Grauer war die Entdeckung dieser Fragestellung, die unser "am Individualismus der mitteleuropäischen Geistesgeschichte geschultes Denken" auf den Kopf stellt, "geradezu revolutionär". Obwohl sein geschlossenes Weltbild glücklicherweise nun dahin war, entdeckte Grauer aber auch in Bezug auf den Wirklichkeitsbegriff Ähnlichkeiten zwischen dem Konstruktivismus und dem "Kern des Anliegens spiritueller Schulen und Lehren". Jenseits des Subjekt-Objekt-Konstrukts muss es eine verbindende Einheit geben. Dass Steiner eben diese in der "Philosophie der Freiheit" zu formulieren versuchte, erkennt Grauer (so weit ich ihn verstehe) nicht an; er meint, das Ich werde in der Anthroposophie "als unteilbare und unauflösbare Entelechie" gesehen; die Anthroposophie vertrete somit einen "spiritualistischen Individualismus". Grauer setzt dem einen "Autotheismus" entgegen, der sich selbst als "Subjekt des Bewusstseins" an Stelle des Begriffs "Gott" setzt. Das ist aber keine Alberei oder Wortklauberei, sondern ein realer Einstieg in eine spirituelle Dimension, die nun aber "pur", ohne jedes schmückende Beiwerk, ohne Götter und Dämonen daher kommt: "Der Tod ist aus der einen Perspektive das Einzige, was mit absoluter Sicherheit eintritt. Aus einer anderen Perspektive aber ist er dasjenige, was nie eintreten kann, weil er dazu das Bewusstsein aufheben müsste, das ihn selbst erst zur Wirklichkeit erhebt." Das nun zum Erfahrungsfeld (und nicht nur zur intellektuellen Glasperlenspielerei) zu machen, gelingt Grauer über Eckhart Tolle, Kabat-Zinn und Ken Wilber, aber leider nicht mehr über Rudolf Steiner. Anthroposophie erweist für Grauer in dieser Hinsicht nicht auf schließbar, sondern einerseits als ein fest gefügtes System, ein weltanschauliches Bollwerk, auf der anderen Seite als etwas, was er in seinem persönlichen Umfeld und auf sentimentalen Ausflügen in Waldorf- Weihnachtsmärkte auffindet. Es ist offenbar nur die Folklore, die für Grauer aus seiner anthroposophischen Ära, diesem zu eng gewordenen Pelz, übrig bleibt. Es ist ein Jammer, aber auf hohem Niveau. Immerhin weiß Grauer ja, wovon er spricht (mehr als viele traditionelle Anthroposophen, jedenfalls), wenn er von Steiners Versuch spricht, "in den traditionellen mythischen Bildern Modelle zu sehen für die Beschreibung der jenseits von Subjekt und Objekt stehenden Wirklichkeitsbedingungen der sinnlichen Welt(..)"

Humorlose Geschichte einer Desillusionierung

Dennoch zerfasert das Buch am Schluss in einige spitze Bemerkungen über den "Menschheitsrepräsentanten" und die angeblich humorlosen Anthroposophen. Das von jemandem, der ein derartig kenntnisreiches, aber auch humorloses Buch schreibt, weit entfernt von jeder selbstironischen Wendung. Bleischwer in die Grütze und bleischwer wieder hinaus, die Geschichte einer Desillusionierung. Ein wenig Hedonismus, einige lustvolle Anekdoten hätten dem Buch gut getan. Es nimmt sich so ernst, wie das eben Hardcore -Anthroposophen -Büchern eigen ist. Daher ist das Lesen auch eine sehr ernste, um nicht zu sagen langweilige Angelegenheit. Am Ende empfiehlt Grauer -statt den interessanten Ansatz Konstruktivismus - Anthroposophie weiter zu entwickeln- die "Integrale Initiative" von Jens Heisterkamp, was es aber auch nicht lustiger macht. Die integralen Anthroposophen sind offenbar an der individuellen spirituellen Fortentwicklung von Anthroposophie gescheitert, nicht mehr interessiert oder angewidert und bedienen sich aus dem spirituellen Weltbaukasten, aus dem gerade die Versatzstücke heraus gesucht werden, die ihrem Hedonismus eben passend erscheinen. Das ist okay, fühlt sich aber nach Krücken und Stützverbänden an. Man kommt nicht weiter mit dem störrischen Maulesel Anthroposophie und legt einen zweiten und dritten Sattel darauf.

Das Problem mit Grauers Buch besteht für mich darin, dass die, die tatsächlich im fest gefügten Weltbild Anthroposophie gefangen sind, es nicht lesen werden. Die lesen eh nur, was ihr Weltbild bestätigt. Die anderen werden es lesen und mit Bedauern bemerken, wie sich jemand andauernd ideologisch verrennen kann, um dann in einem Prozess der absolut verständlichen Befreiung und Desillusionierung das Kind mit dem Bad auszuschütten, radikal das Eine wie das Andere. Was man sich unter Hedonismus als Weltbild vorstellen kann, weiß ich nicht genau. Soll man sich eine Kreuzfahrtschiff- Reise gönnen? Sangria unter Palmen schlürfen? Soll man vermeiden, deprimierende Bücher zu lesen? Ich bin nicht sicher.

Christian Grauer
Es gibt keinen Gott, und das bin ich!
Anthroposophie im Nadelöhr
ISBN - 978-3-85636-228-7
Futurum Verlag
CHF 22.80 / EUR 16.80

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