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Zu Gast in einem RTU-Kinderdorf in Kallipatti von Otto Ulrich
erschienen in der Zeitschrift die Drei Ausgabe 6 im Juni 2006 (mit freundlicher Genehmigung des Autors)
War Rudolf Steiner in Südindien? Die Augen von Bruder James Kimpton, dem Präsidenten, blitzen auf. Mit deutlich gestiegener Aufmerksamkeit mustert er den fremden Europäer. Als dann auch noch das Wort »Waldorfschule« fällt, sind wir richtig angekommen, hier bei den »Unerreichbaren« im tiefen Süden Indiens. Angekommen nach einer endlos scheinenden Fahrt über eine Ruckelpiste, vorbei an immer wieder neuen, farbenprächtigen Tempeln, an blumengeschmückten Göttern (Shiva oder Vishnu?) – alles stille Einladungen, sich des wahren Lebens im göttlichen Bewusstsein zu erinnern. Hier in Tamil Nadu, der tempel- und götterreichsten Region Indiens, scheint dies ganz selbstverständlich zu sein.
Irgendwo tief im Landesinnern zwischen Dörfern, die alle gleich aussehen, mit Namen, die man nie gehört hat, die man nicht einmal aussprechen kann, kreuzen wir Straßen, die den Fahrer zwingen, nach dem Weg zu fragen – Straßenschilder sind hier offenbar nicht bekannt. Dann, nach noch vielen weiteren Kurven und Kühen, Affen und Hunden und neugierigen Augen in braunen Gesichtern, vorbei an Marktständen mit winkenden Orangen, Papayas, Weintrauben und frischen Kokosnüssen, erreichen wir Kallipatti. Das Dorf, wo der Präsident 1978 begonnen hat – ganz im Geiste Gandhis – die Unerreichbaren Indiens zu erreichen: Wir sind bei RTU (»Reaching the Unreached«), der Tee steht bereit.
Die Deutsche Welthungerhilfe in Bonn hat uns die Tür geöffnet, damit wir einmal einen Blick in diese Welt der nun wieder strahlenden Kinderaugen, in dieses »Königreich für Kinder« mit seinen täglich neu gelingenden Wundern, werfen können. Shanmugalatha hat 936 Kinder. Sie kennt sie alle beim Namen, natürlich. Alle wollen von ihr umarmt werden. Sie ist für alle die Mutter, sie ist aber auch die Koordinatorin, die Generalmanagerin für all die vielen professionellen Mitarbeiter – es sind dreihundert: Lehrer, Gärtner, Ärzte, Therapeutinnen, Altenpflegerinnen, und, ganz wichtig, der Spendenmanager, ebenso unverzichtbar wie der Fahrer und vor allem die »Mütter«, die den Kern dieses Reiches für verlorene Kinder bilden.
Die Kinder finden an diesem Ort des täglichen Wunders eine neue Zukunft, endlich ein vielleicht nie gekanntes Zuhause, Wärme, Liebe, Freundschaft und die Geborgenheit und Selbstfindung in einer Gemeinschaft. Aber auch, nicht zu vergessen, saubere Kleidung, grüßenden wie prüfenden Augenkontakt und natürlich – was außerhalb der Mauer um das RTU-Dorf offenbar nicht so ganz selbstverständlich ist – satt zu essen. Und täglich, so ist zu hoffen, ein freundliches Über-den-Kopf-Streichen.
Was passiert hier?
Shanmugalatha hat alles was um uns herum geschieht im Blick, sei es das abendliche Chanten im großen Kreis oder im stillen Beobachten des Geschehens im Kindergarten, die etwas strengere aber liebevolle Mahnung um Disziplin in den lernintensiv anmutenden Klassenzimmern der Schule, wo wir mit freundlichem Gejohle begrüsst wurden: »How are you?« Die liebevoll gepflegte, üppige wie wunderbare indische Blumen- und Pflanzenwelt der sauberen »Familien«-Einzelhäuser entstand mit Hilfe der Deutschen Welthungerhilfe. Der Bedarf wächst …
Alles hier ist abgestimmt, der großen Herausforderung zugeordnet, den bislang Unerreichbaren, vor allen den Kindern mit ihren nun wieder lächelnden Gesichtern, ihrem so stolzen: »Where you from?« ein neues Zuhause, eine Perspektive zu öffnen, um sie zu erreichen. Es sind Kinder, die im Tsunami ihre Eltern verloren haben, Kinder, deren Eltern die Kinder alleine gelassen haben oder die an Aids gestorben sind, es sind, wie wir hören, auch infizierte Kinder darunter. Für uns lächeln sie alle. RTU, gerade von der indischen Landesregierung ganz groß geehrt und als Vorzeigemodell anerkannt, versucht, was Mahatma Gandhi als Ziel vorgegeben hat, mit Leben zu füllen. Dabei geht es nicht nur darum, die Unerreichbaren doch zu erreichen, es geht auch darum, in jedem dieser Waisenkinder, einem Baume gleich, einen Zukunftsimpuls freizusetzen: »Vieles von dem, was wir tun, ist wie das Pflanzen von Bäumen, unter denen wir vielleicht niemals sitzen werden, aber pflanzen müssen wir trotzdem.«
Die RTU-Kinderdörfer arbeiten auf der Basis klarer Prinzipien:
Die Mutter: Jedes Kind findet in seiner »Familie« – mit je acht Kindern unter 13 Jahren – »seine« erfahrene Mutter, zumeist Frauen im besten Mutteralter, erfahren und vom Leben geprüft wie gehärtet.
Brüder und Schwestern: Die Jungen und Mädchen in verschiedenem Alter wachsen zusammen als Brüder und Schwestern auf. Zwillinge werden nicht getrennt.
Das Haus: Jede RTU-Familie hat ihr eigenes Haus, ihren eigenen Garten. Im Moment gibt es 93 Häuser, deren Baukosten auch von der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn übernommen wurden.
Das Dorf: Das Haus ist ein integraler Teil der Dorfgemeinschaft. Das gibt den Kindern auch kulturellen Halt und das Gefühl dazuzugehören. RTU läuft. Die Gegenwart zeigt sich auf der Höhe der von Brother Kimpton (er ist Ingenieur, aber auch Künstler wie spiritueller Lehrer) vorausgedachten Entwicklungen: Die Schüler bringen brillante Examen nach Hause. Die erste promovierte Ärztin aus den eigenen Reihen ist gerade zurückgekehrt. Aber die Zukunft wartet nicht, eine nächste Welle noch nicht erreichter Waisenkinder wächst heran, unter der Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung tickt eine Zeitbombe. Die Entwicklung zeigt es. Es ist aber nur die bislang erkannte Spitze – der Präsident sieht sich auf dem Kreuzzug, wie er sagt.
Immer mehr Eltern sterben an Aids und lassen Kinder hinter sich zurück, um die sich bislang höchstens die Großeltern oder die älteren Geschwister gekümmert haben. RTU betreut im Moment 220 von Aids betroffene Waisenkinder und die Zahlen steigen monatlich, gerade sind sieben infizierte Kinder gestorben. In diesem Paradies fokussieren sich Anstrengungen, abstürzende individuelle Lebenswege mit neuen Gleichgewichten auszurüsten. Das Wunder, das hier täglich im Gelingen des Alltags geschieht, ist unermesslich, es rührt zu Tränen. Sie dürfen aber nicht lähmen, sicherlich werden sie gerade hier als Geschenke der Götter an den Menschen verstanden, damit diese sie als Herausforderungen annehmen können. Ob Rudolf Steiner hier war? Der Präsident lächelt sein feines Lächeln, erkennbar, er weiß mehr, als er uns verraten möchte.
Zur Arbeit der Deutschen Welthungerhilfe in Indien Kurz nach dem verheerenden Seebeben im Dezember 2004 gab die indische Regierung bekannt, dass sie keine Nothilfe von anderen Regierungen oder internationalen Organisationen benötige. Auch wenn sie später ergänzte, langfristige Hilfe sei willkommen, gibt die Reaktion einen Eindruck von dem Selbstbewusstsein, über das die Regierung des Subkontinents verfügt.
Das »eine Indien« ist das Land mit 1,2 Milliarden Menschen, mit 540 Millionen Menschen unter 25 Jahren, das Land der modernsten Hochtechnologie, eigenen Sateliten, eigenen Weltraumraketen, ein Land, weltweit führend in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Das »andere Indien« hat 260 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben müssen – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Es ist das Land, in dem zwei von fünf Indern nicht lesen und schreiben können, in dem Millionen Kinder in Fabriken und auf Feldern schuften müssen.
Anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Indien eine starke Zivilgesellschaft und eine breite Bürgerbewegung. Hunderttausende kämpfen für soziale Reformen und den Schutz der Umwelt, leisten Entwicklungsarbeit in den Dörfern und Lobbyarbeit für die Armen. Mit einigen dieser Organisationen arbeitet die »Deutsche Welthungerhilfe « zusammen.
Im Rahmen des »Wiederaufbauprogramms nach der Tsunami-Katastrophe in Indien« – ausgestattet mit einem Gesamtbudget bis zu 7 Millionen Euro – unterstützt die DWhh auch die Partnerorganisation »Reaching the Unreached « in der Nähe von Madurai im Süden Indiens. So geht es dort u.a. darum, 140 Tsunami-Waisenkinder durch Unterstützung bei der Traumabewältigung zu helfen, neue Kinderdörfer sowie Gesundheitsstationen aufzubauen. Die DWhh öffnete uns den Zugang zu RTU wohl auch, weil wir in Südindien unterwegs waren mit der Frage, was passiert dort aus didaktischer Perspektive einer Katastrophenvorsorge, also im Aufbau einer »Kultur des Vorbereitet-seins« im Bewusstsein: »Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe«¹ Die Deutsche Welthungerhilfe (DWhh) wurde 1962 als Nationales Komitee der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) gegründet. Heute ist sie eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland. Gemeinnützig, politisch und konfessionell unabhängig, arbeitet die Organisation unter einem ehrenamtlichen Vorstand und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Die DWhh setzt sich weltweit für Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, eine gesicherte Ernährung und die Erhaltung der Umwelt ein. Sie leistet schnelle humanitäre Hilfe in Krisenregionen, wo Hunger und Armut chronisch sind; sie arbeitet bei langfristigen Vorhaben eng mit einheimischen Partnern zusammen.
Kontakt: Deutsche Welthungerhilfe e.V. Friedrich-Ebert-Straße 1 53173 Bonn www.welthungerhilfe.de
1 Dazu erscheint in »Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken« im September 2006 ein eigenes Essay von Otto Ulrich.
Der Autor: Dr. Otto Ulrich war unter Helmut Schmidt und Helmut Kohl im Bundeskanzleramt mit der Abschätzung neuer Politikaufgaben beschäftigt. Heute entwicklet er in Bonn und Südindien (Pondicherry) didaktische Konzepte für eine interkulturelle Katastrophenvorsorge.
Von ihm stammt die euro-orientalische Erzählung: »Wie Königin Europa die Welt neu entdeckt«, Bonn 2005 Waldburgstr. 29, 53177 Bonn.
Wer helfen möchte, etwa die Sponsorenschaft für ein Kind oder mehrere Kinder zu übernehmen, wende sich an:
Brother James Kimpton, »The Children Villages of Reaching the Unreached«, G. Kallupatti 625 203 (near Batlagunda) Tamil Nadu, South-India. www.rtuindia.org rtu(at)rtuindia.org
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