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| Thomas Heller (Big Daddy) und Johannes Hoffmann (Brick)
© foto: Harald Morsch |

Zeitloser Klassiker von Tennessee Williams an den Kammerspielen Paderborn
mm/tdz. 07.02.2010 - Big Daddy hat Geburtstag. Die ganze Familie trifft sich bei dem reichen Gutsbesitzer und seiner Frau Big Mama, mit der er seit 40 Jahren zusammen ist und deren Hauptbeschäftigung darin besteht, auf Urlaubsreisen Souveniers zu kaufen und sie im Keller verstauben und verrotten zu lassen: "... sie sind noch nicht einmal ausgepackt." Big Daddy ist krebskrank, glaubt aber, er sei kerngesund. Alle um ihn herum außer Big Mama wissen bereits, dass der Geburtstag, zu dem sie alle zusammengekommen sind, sein letzter sein wird.
Der Zuschauer wird hineingezogen in einen Strudel von Ereignissen und Situationen, denen er im weiteren Verlauf des Stückes nicht mehr entkommen wird. Jede der handelnden Figuren hat seine eigene Geschichte, vereint aber sind sie in einem Lügengeflecht von Konventionen und der Angst vor der Wahrheit, die ihre normgerechte Fassade von Erfolg und Annerkennung Stück für Stück bröckeln lässt. Der nahe Tod des Patriarchen mit "10 Millionen in bar und 28.000 Morgen Land" entlarvt ein mühsam aufrechterhaltenes Scheinheiligtum. Wer wird die Nachfolge des Patriarchen antreten?
Da ist einmal der alkoholsüchtige Brick, der ehemalige Sportreporter, und da ist sein mit einer habgierigen Frau und fünf Kindern "gesegneter" Bruder Gooper, ein Anwalt für Vermögenssachen.
Bricks Frau Maggie aber ist die "Katze auf dem heißen Blechdach". Sie kämpft um ihren Mann, der den Tod seines besten Freundes Skipper nicht verwunden hat und seitdem nicht mehr von der Whiskyflasche loskommt. Ein paar Tage zuvor hat sich Brick bei einem nächtlichen Hürdenlauf im Suff ein Bein gebrochen, und seither beschränkt sich sein Handicap nicht mehr nur auf die Seele und gewinnt damit noch eine besondere Intensität. Maggie will ein Kind von Brick und obwohl sie versucht, ihn mit allen Mitteln und einem "reizenden" Körpereinsatz ins Bett zu bekommen, zeigt sich Brick ungerührt und verschlossen. Er verweigert sich dem Gespräch, scheinbar vollkommen unbeteiligt: "Hast Du was gesagt?"
Die Stimmung im Haus gleicht einem Pulverfass, das jeden Moment in die Luft gehen kann, die Kinder von Mae und Gooper, von Maggie als unerzogene "halslose Monster" tituliert, toben mit Plastikwaffen durch das Haus und bei der Geburtstagsfeier mit Kerzentorte und Gesang - "viel Glück und viel Segen" - sieht sich Big Daddy nach langen und quälenden Untersuchungen wieder auf der Gewinnerstraße: "es sind ja nur Dickdarmkrämpfe", während sich die anderen Mitglieder der Familie gegenseitig argwöhnisch mit Gehässigkeiten beharken. Einzig Brick lässt sich von der Erbschleicherei nicht beeindrucken, er wartet auf den "Klick" in seinem Kopf, der sich allerdings im Allgemeinen erst nach einer ausreichenden Menge Alkohol einstellt.
Thomas Heller ist "Big Daddy" und zwar so, wie er "im Buche" steht, ein Patriarch in den Südstaaten der USA, für ihn zählt nur Leistung und Geld und das, was man sich dafür kaufen kann. Später wird er zugeben, das sich das Leben nicht damit kaufen lässt, aber so richtig wichtig scheint es nicht zu sein für ihn. Er ist der Boss und alle tanzen nach seiner Pfeife. Big Mama wird hervorragend gespielt von Gitta Schweighöfer. Big Mama durchschaut die Spielchen von Mae und Gooper, sie kennt ihren Mann und seine Eigenarten, hat sich nicht nur mit ihm arrangiert, sie hat ihn sogar geliebt: "...ich hab dich wirklich geliebt! ich habe sogar deinen Hass und deine Härte geliebt, Big Daddy!"
Gooper (Raphael Meltzer) gibt den smarten Anwalt gekonnt, arrogant und blasiert, Typ sauberer Familienvater, das klassische Männerbild der fünfziger Jahre in den USA. Er hat alles im Griff, die Nachfolge bereits geregelt und ist doch nur eine Marionette in den Händen seiner Frau Mae, die schon wieder schwanger ist - es ist das Sechste.
Anna Schönberg als Mae ist fies und intrigant unsympatisch, wenn sie bei der Geburtstagsfeier ihre Giftpfeile in Richtung Brick und seine Frau Margaret (Maggie) abschießt. Maggie aber hat die Verlogenheit und die bröckelnde Fassade längst durchschaut und... sie liebt Brick aufrichtig. Gleichwohl hatte auch sie zur Lüge und zum Verrat als Mittel gegriffen, um ihren Mann auf den "richtigen Weg" zu bringen. Ein eindrucksvolles Spiel von Dagmar Jesusseck.
Brick bewegt sich auf dünnem Eis und es gelingt ihm vortrefflich, die Distanz zwischen ihm und seiner Frau bis zum Schluss des Stückes nicht zu verlieren. Auch der schmale Grat zwischen Klaumauk und Tragik, auf dem ein Schauspieler sich - als Trinker - bewegt, wurde von Johannes Hoffmann auf eine exzellente Weise gemeistert.
In weiteren Rollen gefielen Willi Hagemeier als Reverend Tooker und und Andreas Meyer als Dr. Baugh, der versucht, Big Mama die Wahrheit über Big Daddys Zustand schonend beizubringen.
Unter der Regie von Karin Drechsel brachte das Ensemble bei der Premiere mit viel Tempo - ohne hektisch zu wirken - eine sehr prägnante, dichte und authenthische Darstellung von Tiefen und Abgründen des menschlichen Zusammenlebens auf die Bühne. Das gut ausgeleuchtete Bühnenbild sorgte mit seinen teilweise transparenten Wänden dafür, dass der Bühnenraum erweitert wurde und man wahrnehmen konnte, was außerhalb des Raumes geschah.
Die Atmosphäre im Zuschauerraum während der fast zwei Stunden dauernden Aufführung zeigte, dass die Intention des Autors Tennesse Williams verstanden wurde: ".. ich möchte den Wahrheitsgehalt von Erlebnissen innerhalb einer Gruppe von Menschen darstellen, jenes flackernde, umwölkte, schwer zu fassende - aber fieberhaft mit Spannung geladene - Zusammenspiel lebendiger Wesen in der Gewitterwolke einer gemeinsamen Krise."
Langanhaltender Beifall des begeisterten Publikums belohnte eine absolut sehenswerte und ausgezeichnete Leistung des Ensembles der Kammerspiele Paderborn.
Weitere Termine: Spielplan Kammerspiele-Paderborn
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