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Debüt-Erzählung "Der leere Spiegel"


Im Spiegel: ich?

Kurz nach Ostern erschien im Verlag am Goetheanum die Erzählung ‹Der leere Spiegel› von Sebastian Jüngel. Auslöser war ein Verkehrsspiegel der Gemeinde Dornach. In seiner Erzählung verbindet Jüngel poetisch-realistische Erlebnisse rund um die Frage nach der eigenen Identität zu einer raffiniert gewobenen Doppelerzählung. Die Lektüre dauert mit rund 90 Minuten nicht länger als das Anschauen eines Fernsehfilms.

An der Gabelung Goetheanumstrasse/Unterer Zielweg der Gemeinde Dornach steht ein Verkehrsspiegel. An diesem kam Sebastian Jüngel auf seinem Weg von der Arbeit täglich vorbei. Kann ein Spiegel eigentlich defekt sein, also kein Spiegelbild mehr zurückwerfen?, fragte sich der damals 32jährige. Diese Frage wurde Ausgangspunkt für seine Erzählung ‹Der leere Spiegel›.

Von einer bizarren Situation zur nächsten

In ihr erlebt der Ich-Erzähler eine zunehmende Verfremdung seiner gewohnten Lebensweise, nachdem er auf einem Estrich den durchstöberten Nachlass als seine eigene Hinterlassenschaft erkannte und sein Spiegelbild verlor. In seiner Wohnung begegnet ihm eine rätselhafte Gestalt, die behauptet, er zu sein. Sie führt den Erzähler von einer bizarren Situation zur nächsten, was sein bisheriges Bild von sich selbst erschüttert.

Parallel dazu wird der Waldläufer N. von einem ehrwürdigen, jedoch nicht ganz fassbaren Orden um verantwortliche Mitarbeit angefragt. Nach einer persönlichen Krise – seine Lebenspartnerin geht ihm verloren – übernimmt N. die gewünschte Verantwortung, trotz seiner Bedenken, da er bislang sozialen Zusammenhängen, mit denen er sich verbunden hat, schadete. Tatsächlich gerät der Orden nach anfänglichem Aufstieg in eine solch schwierige Lage, dass seine Auflösung bevorsteht. Doch der Orden hält an N. fest. Erst als sich N. die Zeit nimmt, zu sich selbst zu kommen, geht es mit dem Orden wieder aufwärts, und N.s Lebenspartnerin taucht wieder auf.

Jüngel wählte die seltene literarische Struktur der Doppelerzählung, die an eine Fuge erinnert. Sie ermöglicht, nach und nach Bezüge zwischen Ich-Erzähler und N. zu entdecken – bis sie sich so verdichtet haben, dass es nahelegend ist zu sagen: Ich-Erzähler und N. sind ein und dieselbe Person. Der ästhetische Reiz des ‹Leeren Spiegels› liegt darüber hinaus darin, dass der Autor für die Erlebnisbereiche jeweils einen eigenen Sprachstil wählte, etwa auf dem Estrich ein umständliches abwägendes Denken, in der Bar eine skurrile Gesprächsführung und bei Naturbeschreibungen lyrische Prosa.

Beliebtes Motiv, positiv gegriffen

Das Motiv der Identität ist ein sehr altes und reicht bis in die Antike zurück (Narziss). Hier knüpft auch das Motto der Erzählung ‹Der leere Spiegel› an: «Die Tragik des heutigen Menschen liegt nicht so sehr darin, dass er sich selbst betrachtet, sondern dass er von anderen nicht wahrgenommen wird.» Identität ist zudem ein beliebtes literarisches Motiv, das als Doppelgänger, Schatten und Spiegelbild vielfach aufgegriffen wurde und wird.

«Dieser Wesenszug des Menschen erscheint in der Literatur weitgehend unter dunklem und bedrohendem Aspekt», sagt Jüngel. «Vor allem im 19. Jahrhundert erlebte es eine Hochblüte, beispielsweise bei Jean Paul, E. T. A. Hoffmann und Chamisso, sogar bei Storm. Und natürlich bei Dostojewski, Poe, Wilde und Hermann Hesse sowie in der Gegenwart bei Sarah Kane und Sten Nadolny sowie in Filmen wie ‹The Matrix›.» Die Aufzählung will nicht enden. «Doch ging es mir darum, », ergänzt Jüngel schliesslich, «die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst im positiven Licht zu sehen: Es geht um die Entdeckung der eigenen komplexen Identität, wie sie beispielsweise durch Geschlecht, kulturelles Milieu und staatliche Zugehörigkeit mitgeprägt wird. Dass dem Ich-Erzähler dabei auch seine dunkle Seite begegnet, gehört zur Natur der Sache, steht aber nicht im Vordergrund.»

 

Leseprobe

Ich bemerkte daher mit leicht ironischem Unterton: «O, ich sehe, ich bin schon da.» Unbeeindruckt von meiner Provokation sagte die Gestalt ruhig und ohne alle Überheblichkeit: «Du irrst.»

Ich irre?

Ja.

Das verstehe ich nicht.

Du verstehst dein Ich nicht.

Bitte?

Du bist noch da.

So war ich gar nicht fort?

Nein.

Wer bin ich dann?

Die Vorstellung vom Wunsch zu gehen.

 

Der leere Spiegel
2006 88 S.

Verlag Am Goetheanum
Best.Nr.: 20828462
ISBN-10: 3723512712
ISBN-13: 9783723512715

aus der Pressemitteilung des Verlags am Goetheanum

 

 

 

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