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Das eurythmie-ensemble Mistral aus Stuttgart bringt in einer beeindruckenden Aufführung "Das Bildnis des Dorian Gray" auf die Bühne der Festhalle Schloss Hamborn. von Michael Mentzel
Nicht altern zu müssen, sondern alle Facetten, Abgründe und Irrungen der Welt zu erleben und dabei immer derselbe bleiben zu können, diese Vorstellung hatte nicht nur im ausgehenden 19. Jahrhundert etwas Faszinierendes. Sind wir nicht auch heute oft genug Zeuge der Sehnsucht nach dem ewigen physischen Leben? Heerscharen von Kosmetikinstituten leben von dieser Vorstellung, obwohl der Gedanke eigentlich absurd ist.
Und doch gibt es ihn, diesen Wunsch, ein Anderer möge die Verantwortung für meine eigenen Taten übernehmen, während ich mich, ohne einen Gedanken über die Grenzen und Konsequenzen meines Tuns immer weiter berausche an den oberflächlichen Welterscheinungen, die mir im Leben begegnen.
Oscar Wilde hat diesen Gedanken in seinem Roman vom "Bildnis des Dorian Gray" einen genialen Ausdruck gegeben und damit der Welt etwas hinterlassen, was noch Generationen von Lesern Rätsel aufgeben dürfte. Hüter der Schwelle, der Blick in das eigene Innere und die Erkenntnis, dass ich es bin, der mir als Bild entgegentritt und von dem ich glaube, es könne die ewige Jugend bewahren.
Für Dorian Gray beginnt dieser Zustand Realität anzunehmen, als er das von Basil Hallward gemalte Bild zum ersten Mal erblickt. So möchte ich immer bleiben, so sein Wunsch, der ihm erfüllt wird. Statt seiner altert das Bildnis des Dorian Gray, Mephisto hat den Sieg davon getragen und eine Geschichte, die wir alle kennen, nimmt seinen Lauf. Er reißt Menschen in den Abgrund, lebt ein schranken- und zügelloses Leben ohne Rücksicht auf andere, seinetwegen bringt sich die Schauspielerin Sybil Vane um und als der Maler Basil hinter das Geheimnis der ewigen Jugend kommt und das alte Bildnis sieht, wird er von Dorian erstochen. Dorian aber aber bleibt, bis er diesen Zustand beenden kann, ein Gefangener seiner eigenen Seele, die sich weigert, die Abgründe und damit sich selbst zu erkennen und .. zu erlösen; er begreift, dass nur das Eingeständnis seines Selbstbetruges ihn retten kann, er ersticht das Bildnis des Dorian Gray und stirbt in diesem Moment auch seinen Tod.
Die Akteure des "eurythmie ensemble Mistral" bringen mit ihrer Version des "Dorian Gray" die Doppelgängerproblematik in eine künstlerische Form, die von Beginn an die Zuschauerinnen und Zuschauer in ihren Bann schlägt. Ausdrucksstark in den Bewegungen und unterstützt durch den Einsatz stimmiger Lichteffekte und eines ebenso stimmigen Bühnenbildes wird die Atmosphäre im Saal immer dichter. Der Sprecher hat keinen festen Standort im Saal, er ist immer in Bewegung und damit sehr nah beim Publikum. Die musikalischen Akzente zusammen mit der Sprache und dem Geschehen auf der Bühne verschmelzen so zu einer Einheit, die eine Saite in uns zum Klingen bringen und deren Klang nicht nur von außen an unser Ohr dringen kann.
Der wohl einzige Wermutstropfen bei dieser sehenswerten Aufführung: die ausgesprochen lästigen Geräusche der Fotokamera des Rezensenten, der sich auf diesem Wege beim Publikum entschuldigt.
Über 70 Mal haben die sechs Akteure des ensemble Mistral in den letzten drei Jahren ihr Stück erfolgreich aufgeführt und ihr Publikum - im wahrsten Sinne des Wortes - begeistert, was sich am Freitagabend in der - leider nicht ganz ausverkauften - Schloss Hamborner Festhalle dann auch in einem lang, sehr lang anhaltenden Applaus äußerte.
Am Vormittag hatte das Ensemble vor den Schülerinnen und Schülern der Rudolf Steiner Schule das Märchen "Die Gutsherrenbraut" aufgeführt.
Die nächste Station ist die freie Waldorfschule Gütersloh, wo die Künstler am 28. September um 20:00 Uhr gastieren werden. Weitere Informationen und alle weiteren Stationen der Tournee finden Sie auf der Webseite der Stuttgarter EurythmistInnen
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