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Die Kammerspiele Paderborn mit einer ungewöhnlichen Inszenierung des Klassikers von Friedrich Dürrenmatt. von Michael Mentzel
Als hätte Friedrich Dürrenmatt schon damals vorweggenommen, was heute in vielen Gemeinden Normalität ist; Fabriken und Industrieanlagen stehen leer, die Produktion in Niedriglohnländer verlagert, eine darbende Infrastrutur und frustierte Menschen. Den Ort Güllen hat es noch schlechter getroffen, hier ist gar nichts mehr übrig geblieben. Bereits der Beginn des Stückes spiegelt die absolute Trostlosigkeit des Daseins dieser einstmals so blühenden Stadt, quälend lang die Exposition. Sie führt uns in eine bizarre Geschichte, deren Moral am Ende heißen wird: Zahn um Zahn.
Der Besuch der alten Dame steht unmittelbar bevor. Klara Wäscher musste dieses Städtchen vor 45 Jahren über Nacht verlassen, betrogen um ihre Jugend, alleingelassen von Alfred Ill, der sie geschwängert hatte, um anschließend mit der Krämerstochter eine bessere Partie zu machen. Wieviele Geschichten gehen so aus. Vaterschaftsklage und bestochene Zeugen, eine Atmosphäre der Scheinheiligkeit und am Ende verletzte Seelen, gebrochene Herzen und Flucht.
Jetzt aber kehrt sie - inzwischen zur steinreichen Milliardärin Claire Zachanassian geworden - zurück in ihr Heimatstädtchen, sehnlichst erwartet von den Güllenern, die sich von ihr Hilfe versprechen aus aus einer desolaten Lebenslage. Alfred Ill wird die Sache in die Hand nehmen, schließlich kennt er sie, sein "Zauberhexchen", am besten. Im Erfolgsfall winkt der Posten des Bürgermeisters.
Unerwartet die Ankunft der Milliardärin. "Ich ziehe immer die Notbremse!", erklärt sie, um kurz darauf bei der offiziellen Begrüßungsfeier ein Angebot zu machen: "Gerechtigkeit für eine Milliarde". Eine Milliarde für den Tod von Alfred Ill, der sie so schmählich behandelt hat. Den Sarg für den ehemaligen Geliebten hat sie vorsorglich mitgebracht. Sie nennt es Gerechtigkeit und sie weiß genau, dass sie nur abzuwarten braucht, bis der Stachel der Gier bei den Güllenern tief genug sitzt, um die anfangs gezeigte Solidarität mit einem der ihren aufzukündigen.
Die langsame und schleichende Veränderung des Verhaltens seiner Mitbürger bleibt Ill nicht verborgen, die Angst vor dem Unausweichlichen aber wandelt sich im weiteren Verlauf zur Anerkenntnis seiner eigenen Verfehlungen und während er seine Schuld anzunehmen beginnt, sorgt die Geldgier in Güllen für eine radikale Umkehr aller humanistischen Werte. Der Versuch des Lehrers, die Ahnung der kommenden Ereignisse mit Steinhäger herunterzuspülen, mißlingt genau so, wie der Versuch des Bürgermeisters, die alte Dame noch umzustimmen. "Das war doch ein Scherz?!" Und wozu denn eine Milliarde, es hätten doch 500.000 schon gereicht, so der Bürgermeister.
Aber Claire will nicht verzichten auf ihre Rache, die sie immer noch Gerechtigkeit nennt. Und sie bekommt sie. Denn zu hoch sind inzwischen die Schulden, die die Bürger von Güllen in Erwartung des Reichtums gemacht haben. Sanierung gegen Leiche. Die Rache war von langer Hand geplant, der Ort von Claire Zachanassian selbst in den Ruin getrieben. Die "Gerichtsverhandlung" bringt Alfred Gewissheit. Wie fragte Claire nach ihrer Ankunft die Ärztin: "Sie stellen die Totenscheine aus? Stellen Sie Herzschlag fest."
Bei der Feier - getarnt als Stiftungsversammlung - anlässlich der Übergabe des Schecks ist die Güllener Welt - fast - schon wieder in Ordnung. Unter den Augen der Öffentlichkeit (Live-Übertragung) erliegt Alfred Ill einem "Herzschlag". Die normative Kraft des Faktischen hat gesiegt. Es waren die Umstände, die Sachzwänge. Frau Zachanassian trifft keine Schuld. Sie kann getrost wieder abreisen und die Güllener ihrem Schicksal überlassen.
Ein bitterböses Stück über menschliche Abgründe. Gleichwohl ohne einen erhobenen Zeigefinger, dafür aber reich an komischen Elementen. Eine ungewöhnliche Inszenierung, gänzlicher Verzicht auf bühnentechnisches Brimborium, reduziert auf die Menschen und die Umstände, in denen sie agieren. Eine hervorragende Leistung aller Beteiligten und ein voller Saal bei Dürrenmatts "Besuch der alten Dame".
Es spielen: Ulrike Fischer, Thomas Heller als Alfred Ill, Johannes Hoffmann, Carolin Karnuth, Rafael Meltzer, Johannes Mölders, Christian Onciu, Thomas Pasieka, Cornelia Schönwald, Oliver Warsitz und Rosemarie Wohlbauer als Claire Zachanassian. Regie: Karin Drechsel Ausstattung: Christine Grimm
weitere Aufführungen in der Messehalle auf dem Schützenplatz Paderborn.
Zusatz des Rezensenten: Ähnlichkeiten mit heutigen Begebenheiten wären rein zufällig und konnten 1956 (noch) nicht vorausgesehen werden. Wie aber hätten wir gehandelt? Zu Nebenwirkungen fragen sie Ihre Bank oder Ihren Finanzdienstleister.
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