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Holen Sie mich hier raus!

Aus der Indoktrination der Medien in die Realität - authentische Trends setzen!
Ein Aufruf von Sigune Maria Lorenz

Ein massiver Wutausbruch; Worte überschlugen sich; er raffte seine Sachen, sprang quer über den Schultisch, dann schlug die Klassentür hinter ihm zu. Das war neu. Wegen notorischen Schwätzens hatte ich ihn vor die Tür geschickt. Aber dieser unerwartete Abgang gefiel mir. Er war echt! Es war nicht die übliche vorgetäuschte Gleichgültigkeit. Bisher hatte ich ihn als einen ziemlich "coolen" und gelassenen, in der Klasse sehr beliebten und leider miserablen Schüler gekannt.
Als sich später Korridore und Klassenzimmer geleert hatten, stand er wieder da: Ob ich einen Moment Zeit hätte? "Holen Sie mich hier raus!" begann er eindringlich. Und dann "packte er aus": er habe bereits seit Jahren nichts mehr geleistet, weder zuhause, noch in der Schule; er hasse den Blick der Anderen, der ihn in diese Rolle zwinge und halte das Ganze einfach nicht mehr aus! Er wolle etwas lernen, etwas aus sich machen, aber hier gebe es keine Chance für ihn.
Zwei Monate später besuchte ich ihn im Ausland. Ich erkannte ihn zunächst nicht wieder; er kam über den Hof auf mich zu und wirkte ungewöhnlich groß und stattlich. Auf meine verblüffte Frage, was denn mit ihm passiert sei, strahlte er: "Ich hab’ mich gefunden!" In einem zweiwöchigen Kurs hatte er rasch die nötigen Grundlagen der Fremdsprache erworben und im Anschluss begonnen, als Praktikant mit Behinderten zu arbeiten. Seine Klassenkameraden wollte er nicht sehen. Die zwischen ihnen proklamierte "Freundschaft" hatte die vergangen Jahre in einer Weise beschlagnahmt, an die er jetzt nicht erinnert sein wollte.

Ein Einzelfall?

Was seinen wütenden Ausbruch aus dem Gefängnis der ungeschriebenen Gesetze unter Jugendlichen betrifft, vielleicht. Mit dieser Herrschaft des Minimalismus halten sich jedoch große Teile des gegenwärtigen Nachwuchses westlicher Kulturen so "unter Kontrolle", dass Vertreter von Ausbildungsinstitutionen bereits bekunden, keine ausbildungsfähigen Jugendlichen mehr zu bekommen.

Ende Juli wies die Bundesvereinigung der Polizei-Basis-Gewerkschaften in Deutschland per Postwurfsendung, unter dem Titel "Sicherheit heute", alle Haushalte auf die alarmierende Tatsache hin, dass wir durch die Taktiken, die in unseren Medien und Videospielen zum Tragen kommen, "lernen, Gewalt mit Vergnügen zu verbinden" und dass dadurch die Hemmschwelle im Mittelhirn, die den Menschen davon abhält zu töten, zerstört wird. Ferner heißt es: "Das Resultat ist ein Phänomen, das genauso funktioniert wie Aids. Gewalt im Fernsehen für sich betrachtet tötet niemanden. Es zerstört aber das Immunsystem gegen Gewalt." Nach Schätzungen des amerikanischen Medizinverbandes American Medical Association hat der Durchschnittsschüler westlicher Kulturen nach Abschluss der Grundschule bereits mehr als 8.000 Morde und 100.000 Gewalttaten im Fernsehen gesehen. Die Zahl der Tötungsdelikte in den Testländern stieg bereits 10 Jahre nach der Einführung des Fernsehens um bis zu 130%! Dr. Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Ulm, sagt: "In neurobiologischer Hinsicht können gerade Kinder gar nicht anders, als solche Inhalte wie gebannt anzuschauen."

Ausgebildet werden hierbei kortikale Landkarten, die zukünftiges Verhalten steuern. Sinneseindruck um Sinneseindruck werden Synapsen gebildet; Wiederholung um Wiederholung werden sie nachhaltiger, während ungenutzte Verbindungen irreversibel eingeschmolzen werden. Im Grunde sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass, so wie die Söhne zweier Generationen unter den Geschützen der Weltkriege fielen, die der jetzigen, unter den "Geschützen" der Medien fallen. Der "Territoriumskampf" findet im Kortex der Kinder und Jugendlichen statt

Ist das die Wirklichkeit, in der wir leben?

In scharfem Kontrast hebt sich hiervon eine ganz andere Seite der westlichen Kultur ab. Die Zeitschrift GEO veröffentlichte im Dezember 2005 unter dem Titel "Die Abkehr vom Egoismus" statistische Daten zu ehrenamtlicher Tätigkeit in Deutschland. Hiernach engagieren sich "36% der Bevölkerung ab 14 für das Allgemeinwohl in Vereinen, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen etc." Die Zahl der freiwillig und unentgeltlich geleisteten Arbeitsstunden liegt derzeit 10% höher als die Stunden der gesamten bezahlten, im öffentlichen Dienst geleisteten Arbeit! Der Autor spricht von den „heilsamen Kräften der Zivilgesellschaft" sowie einem sich seit Ende der Neunzigerjahre abzeichnenden Mentalitätswandel, welcher die "düsteren Prophezeiungen einer selbstsüchtigen Spaßgesellschaft widerlegt".

Der größte Teil der Heranwachsenden ist über das gedruckte Wort nicht erreichbar. Die Orientierung, was legitim und erstrebenswert sei, wird ausschließlich über den Bildschirm bezogen.
Warum nicht das Leben einer Stadt, einer Region, eines Landes: die tatsächlichen Aktivitäten und Bedürfnisse seiner Bürger durch ihre Präsenz in den Medien "legitimieren"? Warum nicht authentische Trends setzen, anstatt fiktiven Idolen den Platz zu lassen? Hat nicht jedes Kind ein Recht darauf, von allem, was in seiner Umgebung lebt, - von Sport- und Zirkusklubs, Jugendchorreisen, Sozial- und Umwelteinsätzen, oder Theater AGs, zu erfahren?


Sigune Maria Lorenz
war als Lehrerin und Sozialpädagogin in Wales (England) tätig und gründete in Südfrankreich die Ecole Chant’Arize, sie ist Mutter von vier Kindern und widmet sich internationalen Projekten der Jugendarbeit.