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Gesundheitskongress in Berlin

22.09.2010

Enormes Publikumsinteresse für Anthroposophische Medizin. Achthundert Besucher beim Kongress in Berlin - Salutogenese als wichtiger Zukunftsimpuls.
von Ernst-Ullrich Schultz

NNA. - Der erste für ein breiteres Publikum konzipierte Gesundheitskongress „Anthroposophische Medizin – erleben, fragen, verstehen" in Berlin stieß auf ein enormes Echo in der Öffentlichkeit: Mit 800 Personen kamen doppelt so viele Besucher wie geplant in die Räume des Umweltforums unweit vom Alexanderplatz, um die komplementären Heilmethoden aus nächster Nähe kennenlernen. Veranstalter war der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland e.V. (DAMiD)

Der Tagungsort des Kongresses war gerade im Hinblick auf die neuen Bundesländer gut gewählt. So überraschte auch die Zusammensetzung des Publikums, das weit über die anthroposophische Szene hinausreichte. Es war bunt gemischt. Alle Altersgruppen waren vertreten, ältere Menschen keinesfalls überrepräsentiert, auffallend lediglich die Abwesenheit von Männern mittleren Alters. Gefüllt bis auf den letzten Platz war der Saal bei den Einführungsvorträgen, auch einige Workshops erreichten die Kapazitätsgrenze der Räumlichkeiten. Besonders gefragt waren die Themen Allergien, Stress, Schlafstörungen und Krebs.

Dr. Matthias Girke machte im ersten Vortrag unter dem Titel „Dem Menschen zugewandt" deutlich, dass die Anthroposophische Medizin sich keineswegs als alternative Behandlungsmethode versteht, sondern die Schulmedizin zur Grundlage hat und einschließlich Akut- und Intensivmedizin das ganze Spektrum der ärztlichen Kunst abdeckt. Der Unterschied läge darin, dass schon bei der Diagnose nicht nur der zu behandelnde Körperteil des Menschen angeschaut werde, sondern der ganze Mensch. Entsprechend müsse die Therapie ausgerichtet sein, die nicht nur die Wiederherstellung der vorherigen Zustandes zu erreichen suche, sondern mit dem Patienten zusammen schaue, wie gesundende Kräfte entwickelt werden können.

Den Zusammenhang von seelischen und körperlichen Vorgängen im Menschen machte Dr. Girke anhand von Praxisbeispielen deutlich. So sei eindeutig erwiesen, dass Angsterkrankungen und Depressionen oft sklerotische Erkrankungen, Osteoporose, koronare Herzerkrankungen und Diabetes zur Folge haben. Harmonisierende Bewegung und ein gesunder Lebensstil tragen zur Vorbeugung und Heilung bei. Im akuten Fall, allerdings, so Dr. Girke, wenn die Lebenskräfte des Patienten zu schwach seien, müsse auch mit allopathischen Mitteln behandelt werden. Die Kehrseite der Allopathie wurde jedoch auch benannt, die „Deckelung" von Entzündungen, insbesondere bei Kindern, die zu einer langfristigen Schwächung des Immunsystems führenkönnten. Krebs und andere schwere Erkrankungen seien oft die Spätfolgen, darüber gebe es inzwischen gesicherte Erkenntnisse. Beachtenswert seien auch biografische Aspekte einer Krankheit, es stecke einerseits ein Entwicklungspotential darin, anderseits müsse die Bewältigung unabänderlicher Schicksale sinngebend begleitet werden.

Provokativ fragte Dr. Harald Matthes im zweiten Vortrag, was die Anthroposophische Medizin noch solle angesichts des Fortschrittes der modernen Medizin. Herkömmliche, auf die physische Seite bezogene Medizin sei nur die eine Hälfte, seelische und geistige Gesichtspunkte gehörten zur ärztlichen Kunst. „Natürlich retten wir auf der Intensivstation den Ertrinkenden, aber unser Ziel ist es, ihn zum Schwimmen zu befähigen" so Matthes.

Interessant waren seine Ausführungen über die Wirksamkeit der Anthroposophischen Medizin. Auch wenn über 90% aller medizinischen Studien von der Pharmaindustrie bezahlt werden, kommen die wenigen unabhängigen Langzeituntersuchungen zu überraschenden Ergebnissen. Eine Studie mit dem Vergleich von Krankheitsbiografien von ehemaligen Waldorfschüler und einer vergleichbaren Gruppe ergab, dass zum Teil fünfmal so wenig zivilisatorisch bedingte Krankheiten wie Asthma oder bestimmte Allergien bei ehemaligen Waldorfschülern festgestellt worden sind.

Die Aussichten für die Anthroposophische Medizin bezeichnete Dr. Matthes als sehr gut, zumal aus den USA neue salutogenetische Ansätze nach Europa kommen. Im Krankenhaus Havelhöhe wird gleich nach der Herzoperation an der Lebensstiländerung gearbeitet. Künstlerische Therapien werden von den Patienten nicht als nette Ergänzung empfunden, sondern als harte Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Der bequemere Weg wäre, dauerhaft Pillen zu schlucken. Effektiver und letztlich preisgünstiger für das Gesundheitssystem seien z.B. Herzschulen, wie sie von den Anthroposophischen Kliniken installiert worden sind. Abschließend wies Dr. Matthes darauf hin, dass die von Rudolf Steiner angeregte Misteltherapie längst zum onkologischen Standard in allen Krankenhäusern gehört.

Der Tag in diesem Kongress war gut gefüllt mit Vorträgen und Themenarbeit. Beeindruckend z.B. der Workshop von Dr. Gisela Berger "Stress positiv begegnen", wo 120 Teilnehmer sich hoch konzentriert auf Entspannungsübungen mit geschlossenen Augen einließen. Das breite Spektrum der medizinischen Versorgung wurde abgedeckt, vom Impfen bis zur Hausapotheke.

Hans-Jürgen Schumacher vom Patientenverband „gesundheit aktiv" referierte über die Möglichkeiten der gesetzlichen, privaten Krankenversicherung und der alternativen Solidargemeinschaften, nicht ohne für den größten unabhängigen Patientenverband „gesundheit aktiv" zu werben, der sich insbesondere für die Verbreitung der Anthroposophische Medizin einsetzt.

 

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