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Anthroposophie - wohin?

Zu einer inneranthroposophischen Auseinandersetzung

mm/tdz. 30.12.2008 - Auf seiner Webseite Schachtelhalm bezieht Christian Grauer Stellung zu zwei auf TdZ veröffentlichten Beiträgen von Hartwig Schiller und Andreas Neider. Es geht dabei um einen Beitrag des Info3-Herausgebers Ramon Brüll. Brülls These, so heißt es bei Grauer: "dass die anthroposophische Gesellschaft als soziale Form für die anthroposophische Bewegung nicht mehr zeitgemäß sei", würde "erwartungsgemäß" widersprochen. Grauer findet es bedauerlich, dass "die Diskussion allerdings auf einem so niedrigen argumentativen Niveau stattfindet, in dem bei Licht besehen im Grunde nur Dogmen ausgetauscht werden". [Links zu den Beiträgen unten]

Als Beleg begibt er sich auf das Terrain, auf das sich fast alle "fortschrittlichen" Anthroposophen begeben, wenn sie sich mit eher "traditionell" eingestellten Anthroposophen auseinandersetzen. Indem man nämlich darauf hinweist, dass von diesen Traditionalisten einhundert Jahre alte Zitate verwendet werden, glaubt man die Rückständigkeit dieser Anschauungen hinlänglich bewiesen zu haben. Im Gegensatz dazu meint er, dass in den Dialogen, wie sie von der Info3 mit Vertretern andere spiritueller Richtungen geführt werden, "sich die Anthroposophie als eine der pubertären Egozentrik entwachsene, kulturell relevante Bewegung wiederfinden" könnte. Für die meisten Anthroposophen, denen nicht so viel an dem integralen Ansatz liegt, dürfte die Relevanz der aus Steiners Werk hervorgegangenen "Produkte" wie Pädagogik, Landwirtschaft und Medizin ausreichen, um den leisen Vorwurf, sie seien ohne diesen Dialog pubertäre Egozentriker, zurückzuweisen.

Hier aber liegt einer der Knackpunkte in der Diskussion. Was ist die richtige Anthroposophie? Und ist sie tatsächlich nur im Dialog mit anderen spirituellen Richtungen zu finden? Liest man auf der Webseite der Info3 [Link unten] den vorab veröffentlichten und in der Januar-Print-Ausgabe erscheinenden Aufsatz von Chefredakteur Jens Heisterkamp, kann dieser Eindruck tatsächlich entstehen. Nun mag es sein, dass es am Verhalten etlicher Funktionäre der Anthroposophischen Gesellschaft in der Vergangenheit und vielleicht auch heute etwas zu kritisieren gibt; auch der Hinweis auf eine Stagnation der Anthroposophischen Gesellschaft ist sicher nicht so ganz unberechtigt, nach meiner Wahrnehmung aber lebt in der Gesellschaft und in anthroposophischen Institutionen etwas gänzlich anderes als ausgerechnet "borniertes spirituelles Spießbürgertum" (Grauer). Von der Unzeitgemäßheit einer Gesellschaft zu sprechen und die Ursache in einer mangelnden Dialogbereitschaft mit anderen spritituellen Bewegungen zu diagnostizieren, passt aber in das Bild, das derzeit von den Protagonisten einer neuen, anderen Anthroposophie gemalt wird. Dass es aber nicht ganz so einfach ist, aus der Anthroposophie eine "dialogische" zu machen, ist wohl auch Heisterkamp klar, denn: "Dass sich mittlerweile gegen diese dialogische Anthroposophie auch massiver Unmut artikuliert, ist ein gutes Zeichen, sofern man immerhin bemerkt, dass es hier um Wesentliches geht."
Es geht also um Wesentliches. Da scheint es nur konsequent, auf den Esel zu schlagen, wenn man den Esel meint. Grauer nämlich konstatiert "nicht enden wollende Anfeindungen" gegen die Zeitschrift Info3 und hat mit den "spirituellen Spießbürgern" die Verursacher dieser Anfeindungen ausgemacht.
Die Info3 stelle "unbequeme Fragen", sie mache Ernst "mit dem eigenständigen Erarbeiten" und sie hält, so Grauer, die Anthroposophie für so gereift und salonfähig, "dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren." Hier würde ich ihm bei der Einschätzung der Anthroposophie sogar zustimmen, wenngleich ich den Begriff "Salonfähigkeit" an dieser Stelle für nicht unbedingt erstrebenswert halte.
Angesichts der vielfältigen Aktivitäten, die in Dornach am Goetheanum stattfinden und bei denen sich Menschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen treffen, mag man den mit diesen Worten implizierten Vorwurf, Dialoge mit "Andersdenkenden" würden nicht stattfinden, nicht so recht nachvollziehen und auch Heisterkamp kommt nicht umhin, auf Begegnungen beispielsweise im Rahmen von "Ursache Zukunft" darauf hinzuweisen. Allerdings gibt es tatsächlich etliche Stimmen, die - wenn auch hinter vorgehaltener Hand - die Nähe der Info3 zu anderen spirituellen Bewegungen eher mißtrauisch betrachten. Ob diese Stimmen alle nur "bornierten Spießbürgern" zuzurechnen sind, darf bezweifelt werden. "Pubertäre Egozentrik" und "borniertes Spießbürgertum" jedenfalls sind Totschlagargumente, die einen nach meiner Auffassung dringend notwendigen inneranthroposophischen Dialog nicht gerade fördern dürfte.

Einen echten Nachweis finde ich nicht für die von Grauer formulierte These, dass "eine Bewegung, die (..) am liebsten jedem Andersdenkenden das Recht absprechen möchte, sich Anthroposoph zu nennen," solcherart in ihrem eigenen Dogma fest stecke, "dass die bisweilen panisch anmutenden Reaktionen auf den Auflösungsvorschlag den Schluss nahelegen, dass sich das lebendige Wesen des anthroposophischen Kulturimpulses aus seiner äußeren Hülle längst verabschiedet hat und diese nur noch als leere Puppe ihrem schieren institutionellen Selbsterhaltungstrieb folgt."

Meine These ist viel einfacher: Zu einer Auseinandersetzung gehören mindestens zwei. Der Kontrahent aber, der für den anderen "erwartungsgemäß" reagiert, ist eigentlich kein echter Kontrahent mehr und die Enttäuschung, die seine Reaktion hervorruft, ist keine echte, sondern lediglich die Bestätigung der Erwartung. Ein fruchtbarer Dialog scheint mir in einem solchen Klima nicht so einfach zu sein.

So mag es wohl sein, dass diese Diskussion Staub aufwirbelt, wie Grauer richtig bemerkt, entscheidend aber wird es sein, wer ihn entfernt, wenn er sich wieder gesetzt hat. Ich komme nicht umhin, zugegeben, dass ich den "alten Anthroposophen" eher zutraue, einen Staubsauger zu bedienen. Sie sollten es dann aber auch tun.

Beitrag C. Grauer (Schachtelhalm)
Beitrag Hartwig Schiller
Beitrag Andreas Neider
Beitrag Ramon Brüll (Info3)
Beitrag Jens Heisterkamp (Info3)

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