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Anthroposophie und Judentum Zum neuen Buch von Ralf Sonnenberg (Hg.) von Michael Mentzel
Eine Anmerkung vorab: Das in der Schriftenreihe Kontext des Info3 Verlages erschienene Buch "Anthroposophie und Judentum" erfüllt einerseits eine wichtige Aufgabe in der Auseinandersetzung über die als rassistisch bezeichneteten Äußerungen Rudolf Steiners und ist darüber hinaus ein weiterer Baustein zum Verständnis des Geschichte des Juden- wie auch des Christentums. Insofern ist es jenen ans Herz zu legen, die einer seriösen Aufarbeitung des Steiner-Werkes den Vorzug gegenüber den zum Teil unsachlichen und polemischen Diskreditierungsversuchen geben. Erfreulich ist, dass die Beiträge des Buches auf eine Weise geschrieben sind, die - so ist es zu hoffen - auch demjenigen ein gedankliches Mitgehen ermöglicht, der vielleicht bisher auf "Werktreue" bestanden hat und dabei übersehen hat, dass nicht nur für die anthroposophische Welt nach Auschwitz - im Hinblick auf die antijudaistischen Sichtweisen - ein Graben entstanden ist, der durch blumige Reden und Beschwichtigungsversuche eher tiefer wird als dass er überwunden werden kann.
Das Vorwort des jüdischen Theologen Dr. Yuval Lapide führt in das Thema ein und schildert den Werdegang des christlichen Antijudaismus, dem er in "letzter Konsequenz" einen "Ausdruck von Unwissenheit und Selbstverblendung" bescheinigt. Das Christentum in seiner Gesamtheit stehe und falle mit seinen "jüdischen Grundpfeilern", die institutionelle Kirche hätte sich "ihrer jüdischen Herkunft" geschämt und sie mit "aller Gewalt" bekämpft, das jüdische Fundament, so Lapide, wurde "als 'rückständig, dekadent, unzeitgemäß, verknöchert, überwunden, überholt' verteufelt und abgeschnitten." Dabei sei die "Urgemeinde aus den Jüngerinnen und Jüngern Jesu eine rein innerjüdische Bewegung" gewesen, deren "durch und durch jüdischer Lebensweg" eine "natürliche Selbstverständlichkeit" war. Lapide fordert denn auch die Christen auf, sich "mehr denn je" bewusst zu machen, dass die Entstehungsgeschichte der christlichen Juden in der Zeit vom 1. - 4- Jahrhundert "im Kontext eines sehr konflikthaften Ablösungsprozesses von der Ursprungsreligion Judentum einzuordnen ist." Und Lapide zitiert den jüdischen Wissenschaftler David Flusser aus Jerusalem, nach dem sich die damaligen "Heidenchristen" von den "jüdischen Glaubensgeschwistern" abgegrenzt und sich als die "wahren Erwählten und Erlösten Gottes" definiert hätten. Die damit verbundene Abwendung von dem Gesetz (hier ist, so Lapide, die jüdische Tora mit ihren Ge- und Verboten gemeint) und seine Disqualifizierung hätten neben der Verselbständigung des Christentums auch zu einer "radikalen Entfremdung zwischen Judentum und Christentum" geführt.
Lapide fragt nach der christlichen Glaubensauthentizität und nennt es "für Christen unerlässlich, die antijüdischen Komponenten ihres Glaubens zu erkennen und zu transformieren". Den Autoren des Buches wünscht er, dass sie ernst- und wahrgenommen werden: "Solch kritische Beiträge können entscheidend dazu helfen, das über Jahrhunderte gepflegte antijudaistische Selbstverständnis gründlich zu 'reinigen' und den christlichen Glauben 'zurückzuverbinden' (die lateinische Bedeutung des Wortes Religio) mit der Quelle, aus der er anfänglich sprudelte und seine ganze Vitalkraft bezog. Der Ertrag einer solchen "Selbstreinigung" kann, wie auch [der evangelische Theologe] Rolf Rentdorff betont, "den Christen dazu helfen, ein neues Selbstverständnis zu gewinnen, dass sie ganz neu in ihrer Herkunft und ihren Wurzeln verankert."
Eine Rückbesinnung in Dankbarkeit auf "das Judentum", aus dem Jesus hervorging und in und mit dem er lebte, und aus dessen Lehre Teile übernommen oder weiterentwickelt in das Christentum einflossen, ist auch immer ein Teil dessen, was Rudolf Steiner im Grundstein-Spruch mit dem „übe Geist-Erinnern" fordert.
Der Inhalt des Buches gliedert sich in drei Teile, von denen der erste der Forschung zum Thema Anthroposophie und Judentum gewidmet ist, wogegen der zweite Teil Zeitgeschichtliches liefert, unter anderem erfährt der Leser etwas über Hugo Bergmann und Ernst Müller, die Prager anthroposophisch-jüdischen Zusammenhänge, wie sie durch den literarischen Salon von Berta Fanta sicher einem größeren Publikum bekannt sein dürften, sowie einem Aufsatz über den jüdischen Komponisten Viktor Ullmann, der im Oktober 1944 in Auschwitz umgebracht wurde.
Der dritte Teil des Buches schließlich gibt unter dem Titel: "Erfahrungen" Einblicke in die "Jüdische Spiritualität heute", mit Beiträgen von Gerhard Wehr und Janos Darvas.
Mein Beitrag zum Erscheinen des Buches wird sich bewusst auf den ersten Teil und hier die beiden Beiträge von Ralf Sonnenberg-Beiträge beschränken, was selbstverständlich keine Zurücksetzung der anderen Beiträge bedeuten soll, denn alle Aufsätze sind gekennzeichnet von großem Sachverstand und ermöglichen insofern einen guten Einblick in die damaligen Zeitumstände und sie bieten gerade auch im Hinblick auf ein zukünftiges Verständnis der Thematik für den interessierten Leser eine Fülle von Anregungen zur Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Steiners. Es sei also an dieser Stelle eine ausdrückliche "Selbst"-Leseempfehlung gegeben: Das Buch kostet 14.80 Euro und ist in der Schriftenreihe "Kontext" des Info3 Verlages erschienen.
Zusammengestellt wurde das Buch von Ralf Sonnenberg, einem breiten Publikum bekannt durch seine bisherigen Beiträge zum Thema Judentum und Antisemitismus sowohl in anthroposophischen Publikationen als auch beispielsweise im "Jahrbuch für Antisemitismusforschung". Wobei hervorzuheben wäre, dass er dabei den Boden der sachlich-kritischen Auseinandersetzung nie verlässt und sich damit auch für außer-anthroposophische Rezipienten als ernstzunehmender Gesprächspartner erweist. Sonnenberg selbst ist mit zwei Artikeln zum Thema Forschung an diesem Buch beteiligt. Er leuchtet in seinem ersten Beitrag die "Chancen und Grenzen der historisch-kritischen Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Steiners" aus und kommt in einem zweiten Aufsatz "ein Fehler der Weltgeschichte?" auf Steiners Sicht auf das Judentum "zwischen spiritueller Würdigung und Assimilationserwartung" zu sprechen.
Der erste Aufsatz ist eine "methodische Vorbemerkung", was durchaus Sinn ergibt, denn Sonnenberg konstatiert bei vielen Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft einen "vormodernen Zug theosophischer Autoritäts- und Offenbarungsgläubigkeit" und einen Mangel an methodisch-kritischem Bewusstsein. Diese Haltung sei trotz der Warnungen Rudolf Steiners entstanden, der beispielsweise schrieb: "Der geistigen Anschauung wohnt keine Unfehlbarkeit inne. Auch diese Anschauung kann ungenau, schief, verkehrt sein. Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde kein Mensch; und stünde er noch so hoch." (GA 11, S.17) Diese überlebte dogmatisch-religiöse Haltung der Mitglieder gehe auf Kosten der genuinen Aufgabe der Anthroposophie, eine ergebnisoffene, um Voraussetzungslosigkeit bemühte Zusammenarbeit von Erkenntnissuchenden zu ermöglichen. Die "Selbsteinschätzung" der Teilnehmer an Zweigen und Arbeitskreisen sei gleichwohl, sie seien eine "Art Avantgarde". Sonnenberg berichtet, es habe zwar, auch im direkten Umfeld Steiners, immer wieder Menschen gegeben, die auf Eigenständigkeit des Einzelnen gepocht hätten, deren Notwendigkeit allerdings auf das Werk Steiners - das zum Teil schon in schriftlicher Form vorgelegen hätte - dann doch nicht angewendet hätten. Hier nennt er zum Beispiel den Fabrikanten Carl Unger, der zwar die Freiheit des Denkens postuliert hätte, im Umgang mit Steiners Werk dann aber - aus Gründen der fehlenden persönlichen und auch zeitlichen Distanz zur Anthroposophie und ihres Begründers - nicht den Schritt zu autonomen Darstellungen seiner eigenen Forschung gewagt hätte. Ist nicht dieses Problem so alt wie die Anthroposophie selbst? Und ist Sonnenberg darin Recht zu geben, wenn er anmerkt, dass ein textkritischer Umgang mit Steiners Werk in anthroposophischen Kreisen "oft nicht als Chance zur Erweiterung des Erkenntnishorizontes begriffen" würde? Trotz der von Rudolf Steiner selbst immer wieder geforderten kritischen Prüfung: "Nehmen Sie alles zu Hilfe, und je mehr sie zu Hilfe nehmen können, desto besser." (GA 121 S.207)
Sonnenberg verweist auf Helmut Zander, der zu diesem Problem von der Angst der Anthroposophen von einem "Domino-Effekt" gesprochen hatte: "Wenn ein Teil von Steiners Weltanschauung fällt, weiß niemand, was am Ende noch stehenbleibt." Allerdings, so Sonnenbergs Einschätzung, träte dieses "Dilemma" gar nicht erst auf, wenn man "in Steiners Anthroposophie (..) vor allem methodische Orientierungs- und Schulungshilfen sähe, die sich als blicklenkend für das eigene Erkenntnisbemühen erweisen". Aber für Sonnenberg ist gleichwohl eine ausschließlich hermeneutische und historisch-kritische Herangehensweise an das Werk Steiners nicht ausreichend, denn diese geriete früher oder später an eine Grenze, die mit der "Beschränkung auf herkömmliche Methoden wissenschaftlichen Arbeitens" nicht zu überwinden sei. Bei den Schilderungen Steiners handele es sich "mehrheitlich um Übersetzungsversuche von Wahrnehmungen übersinnlich-geistiger Art, deren immanente Forschungsmethoden und Resultate zwar durch das 'normale unbefangene Denken' mitvollzogen, jedoch nicht selbständig gefunden oder fortentwickelt werden können. Hierzu wäre die Ausbildung „höherer Erkenntnisorgane", die in der Erweiterung des Denkens ihren Ausgang nähme (…), unabdingbar." Sonnenberg bescheinigt Steiner, das sich dieser mit "methodischer Stringenz und oft auch Präzision" bemüht habe, seine spirituellen Wege zu fundieren.
Wenn auch Sonnenberg, anders als andere anthroposophische Autoren, das Buch Zanders nicht in Bausch und Bogen verurteilt, ist doch hier ausgesprochen, dass das Werk Zanders durch das Fehlen zumindest einer - nach Sonnenberg auch notwendigen Bedingung - nicht hinreichend dazu geeignet ist, eine wirklich umfassende und gültige Aufarbeitung des Steiner-Werkes zu leisten. Hier vielleicht eine kleine Randnotiz: Der Steiner Verlag, der inzwischen als eine eigenständige AG in Dornach agiert, weist in einer ganzseitigen Anzeige (im Veranstaltungskalender des Goetheanum) darauf hin, dass die Neuausgaben "kommentiert" seien.
Im seinem zweiten Aufsatz widmet sich Sonnenberg ausführlich der Auseinandersetzung um Steiners Homunkulus-Rezension („Fehler der Weltgeschichte"), schließlich sind die darin enthaltenen Bemerkungen Steiners ein immerwährender Stein des Anstoßes, dürften andererseits aber auch dazu geeignet sein, die dahinterstehende Auffassung Steiners zum Judentum zum damaligen Zeitpunkt (1888) genauer und den darin enthaltenen Sachverhalt eingehender zu beleuchten. Dieser komplexe Beitrag Sonnenbergs, in den ausführliche Quellenangaben eingearbeitet sind, kann durch eine kurze Rezension nur stichwortartig unter Auslassung vieler erläuternder Gedankengänge dargestellt werden, deshalb noch einmal: das Buch unbedingt selbst lesen!
Bereits 1881 äußerte sich der 20 jährige Rudolf Steiner in einem Brief über den rassistisch motivierten Antisemitismus Eugen Dühring (1833-1921), dessen judophoben Sentenzen er als "barbarischen Unsinn" bezeichnete. Rudolf Steiner hielt den rassisch begründeten Antisemitismus für nicht diskutabel und unterschätzte deshalb auch nach 1900 die Gefährlichkeit dieser Antisemiten, wie viele seiner Zeitgenossen auch, da der Genozid der NS-Zeit für die Menschen dieser Zeit einfach nicht vorstellbar war.
Dass die Einstellung des jungen Steiner zum Judentum aber durchaus ambivalent und von den damals allgemein üblichen Vorurteilen nicht frei war, zeigt nach Sonnenbergs Einschätzung die „Homunkulus"-Rezension von 1888: Aus der Perspektive des 27jährigen Steiners seien "das Judentum als solches" und die "abendländischen Kulturideen" miteinander nicht vereinbar und Steiner bezeichnete es als einen "Fehler der Weltgeschichte", der besage, dass das Judentum als solches sich längst ausgelebt habe und keine Berechtigung im modernen Völkerleben habe. Steiner meinte ausdrücklich nicht nur "die Formen der jüdischen Religion", sondern auch den "Geist des Judentums, die jüdische Denkweise." Eine Folge dieses "Fehlers der Weltgeschichte" sei nämlich auch die Entstehung des modernen Antisemitismus, nach Sonnenberg ein "subtiler, aber gleichwohl seine Wirkung nicht verfehlender Vorwurf, der zum Standardrepertoire der antijüdischen Propaganda jener Zeit gehörte und bisweilen auch von assimilierten Juden erhoben wurde". Signifikanterweise fehle in Steiners früher Charakterisierung des zeitgenössischen Judentums auch jeder Versuch einer Konkretisierung oder Differenzierung, sie erschöpfe sich in einer Aneinanderreihung von Negativ-Stereotypen.
In Steiners antijüdischer Kulturkritik spiegele sich der "vorurteilsgeladene Blick der christlichen Mehrheitsgesellschaft auf eine Minderheit wieder", denn als der Homunkulus-Aufsatz erschienen sei, konnte bereits keine Rede mehr davon sein, "dass das Judentum noch immer als 'geschlossenes Ganzes' den Fortschrittstendenzen der Moderne Widerstand entgegensetze", so Sonnenberg, zumal es "in der zweitausendjährigen Geschichte der Diaspora weder eine kulturelle noch ethnische Einheit der Juden gegeben hatte."
Sonnenberg belässt es nicht bei dieser Kritik, sondern lenkt den Blick des Lesers auf die Tatsache, dass Steiner sich "bereits frühzeitig die Position aufgeklärt-christlicher Denker von Kant bis Hegel zu eigen machte, die dem Diasporajudentum seine Existenzberechtigung absprachen." Steiners Haltung werde erklärt durch seine "radikalindividualistische Orientierung", wie sie in der 1894 erschienenen "Philosophie der Freiheit" dargestellt und als "ethischer Individualismus" bezeichnet sei, der nicht bereit sei, sich dem Einfluss religiöser Dogmen oder moralischer Imperative zu unterwerfen. "Steiners "Inkriminierung der 'jüdischen Denkweise' kann somit nur vor dem Hintergrund seiner (..) Kritik an den Offenbarungsreligionen verstanden werden."
Steiner hätte vor der Jahrhundertwende einen "individualistischen Anarchismus" favorisiert und sei ein vehementer Gegner des "konfessionellen Dogmas" gewesen. Ein Umstand, der wohl - so will es mir scheinen - heute manchen Anthroposophen die Auslassungen Steiners zum Judentum erträglich macht, weil diese ohnehin das Gesamtwerk Steiners weitgehend auf die Zeit vor und kurz nach 1900 reduzieren. In den Jahren 1900-01 engagierte sich Steiner, der in Berlin jüdische Freunde hatte, beispielsweise mit einer Artikelserie in den "Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Man kann ihn in dieser Zeit als Befürworter der jüdischen Assimilation sehen und als entschiedenen Zionisten-Gegner, allerdings wurden die Zionisten zu dieser Zeit auch von der Mehrheit der europäischen Juden abgelehnt. Gleichwohl macht Sonnenberg klar, dass Steiner Zeit seines Lebens keinen Abstand von der "Konnotation des 'jüdischen Geistes' mit einer materialistischen Denkweise genommen hat, denn Steiner hätte noch 1924 vor Arbeitern des Goetheanum-Baues seine Ansicht bekräftigt, "der zufolge das Judentum zu einem abstrakten Monotheismus neige."
Obwohl Steiner Berufsverbote für Juden in bestimmten Berufen "ausdrücklich" zurückgewiesen hätte, hätte er eine "Überrepräsentanz von jüdischen Ärzten in der europäischen Gesellschaft" beklagt, die "in seinen Augen als Träger und Multiplikatoren einer 'abstrakten Jehova-Medizin' fungierten." Den jüdischen Künstlern sei von Steiner die Fähigkeit abgesprochen worden, Plastisches darzustellen, Bildhauern fehle die bildhafte Veranlagung; und da Musik nicht bildhaft sei, so Zitat Steiner: "können sie unter den Juden große Musiker finden, aber sie werden kaum in der Zeit, in der die Künste geblüht haben, unter ihnen große Bildhauer finden, nicht einmal Maler" - wir dagegen denken heute fast selbstverständlich an Chagall.
Auch den Vorwürfen, die Anthroposophie sei "mitunter sogar Wegbereiterin des Nationalsozialismus gewesen" geht Sonnenberg in seinem Aufsatz noch einmal nach: Selbst Zander hätte in seinem 2007 erschienenen Werk "fast geräuschlos die vormalige Situierung der Anthroposophie im völkischen Lager" revidiert, auch wenn er weiterhin "Konvergenzen" und "Berührungspunkte" auszumachen glaube. Historiker wie Georg L.Mosse, Jörn Rüsen, Uwe Puschner, Wolfgang Benz oder Michael Rißmann hätten erhebliche Vorbehalte, Steiner unter die völkisch antisemitischen "Systembauer" und Aktivisten einzureihen: Rißmann schreibt in seinem Buch "Nationalsozialismus, völkische Bewegung und Esoterik" (Seite 63): "Von den völkischen Theorien über die Geschichte des Judentums unterscheidet sich dieser Entwurf (Steiners) erheblich. Bereits der Annahme, die Existenz des Judentums habe überhaupt einen Sinn gehabt, hätten die Vertreter des völkisch-nationalsozialistischen Spektrums widersprochen, die im Judentum eher einen 'Menschheitsverderber' vom Beginn der Geschichte an sahen. Das von Steiner geforderte 'Aufgehen' des Judentums in der Menschheit darf …keinesfalls mit jenem 'Erlösungsantisemitismus' der Nationalsozialisten verwechselt werden, der im Genozid seine konsequente Vollendung fand."
Und Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, stellte im Vorwort zum Jahrbuch 2003 Steiners "ausdrückliche Distanzierung vom rassistisch-völkischen Antisemitismus seiner Zeit" fest und schrieb: "Steiners Plädoyer für die Assimilation unterscheidet ihn vom Anhänger des Rasseantisemitismus, wenngleich der Esoteriker in anderen Zusammenhängen durchaus rassistisch argumentierte." "Dieses Resümee, dass Steiner vom Vorwurf des Rasseantisemitismus frei spricht, und somit vom Vorwurf entlastet , "einer der Vordenker des völkisch-antisemitischen Systems zu sein", scheint mir begründet und wesentlich zu sein.
Bei der Lektüre der beiden Aufsätze ist zu bemerken, dass Sonnenberg die umstrittenen Themen bis in eine - vielleicht manchmal auch schmerzlich anmutende - Genauigkeit auflöst, gleichzeitig aber auch darauf hinweist, dass bei der Beurteilung dieser Sachverhalte die Überzeugung Steiners, dass "Rassenideale" der Untergang der Menschheit seien, in die jeweilige Betrachtungen einfließen müssen und nicht als isolierte Meinungsäußerungen betrachtet werden können.
Und hört man einmal genauer hin, was einige heutige Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen verlauten lassen, lesen sich die Vorwürfe gegen den Begründer der Anthroposphie eher wie harmlose Bemerkungen zur damaligen Zeitlage, was die Bemerkungen zwar nicht relativieren, aber trotzdem Verständnis wecken kann für den damaligen Zeitgeist, der wohl auch vor Steiner nicht Halt gemacht hatte. Steiner als Mensch und Zeitgenosse, eine Vorstellung, die manch bravem Anthroposophen "einen nichts weniger als" un-wohligen Schauer über den Rücken laufen lassen kann. So mag vielleicht auch manche Aufregung zu erklären sein, die die Kritik bei vielen Anthroposophen immer noch hervorruft.
Die Antisemitismus-Vorwürfe in ein klares Licht getaucht und damit überprüfbar und verstehbar gemacht zu haben, ist einmal mehr anerkennenswert und dem Herausgeber Sonnenberg zu danken.
Ralf Sonnenberg (Hg.): Anthroposophie und Judentum Perspektiven einer Beziehung Mit einem Vorwort von Yuval Lapide Verlag: info3, 1. Auflage 2009, 174 Seiten, ISBN13: 978-3-924391-43-0
Mein Dank geht an Regina Reinsperger für die kritische Begleitung bei der Arbeit an dieser Besprechung.
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