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Anthroposophie heute. Bitte warten.

13.03.2011

Manches in der Welt wird sofort erledigt, Anthroposophie dauert etwas länger. Walter Kugler im Gespräch mit Wolfgang Held in der aktuellen Wochenschrift. "Das Goetheanum" setzt sich in seiner aktuellen Ausgabe schwerpunktmäßig mit der Frage der Rezeption von Rudolf Steiner auseinander. Interessant ist, was Walter Kugler dazu zu sagen hat.

mm/tdz. - Am Beispiel der Steiner-Biographie von Miriam Gebhardt konstatiert Walter Kugler, Leiter des Steiner-Archivs in Dornach: "Wäre Steiner mit seinen Vorstellungen und Ideen in einer Nische geblieben, niemand hätte sich um ihn kümmern müssen. Manche ertragen auch nicht, dass jemand etwas Gutes will und dabei auch alte Kategorien wertschätzt wie etwa das Streben nach dem Wahren, Schönen und Guten." Biographien wie die von Gebhardt, die "feuilletonistisch geschrieben" seien, seien "recht vergänglich". Kugler findet in dem Gebhardt-Buch nicht viel, "worüber es sich lohnt, nachzudenken". Sie hätte zwar wunderbare Zitate verwendet, "beispielsweise über Meditationsübungen oder aus dem Aufsatz "Wie Karma wirkt", aber, so Kugler, damit könne sie nichts anfangen.

Ob die Bezeichnung "Lebensreformer" ein Weg sei, Rudolf Steiner auf "Augenhöhe" zu bekommen, fragt Wolfgang Held. Kuglers Antwort ist, dass der Topos des Lebensreformers zwar ein "willkommener Anknüpfungspunkt" für viele Menschen sei, allerdings ist Kugler der Meinung, dass sich viele bereits am Ziel wähnen, weil sie sich selbst "gerne für reformerisch" halten. Die Ausstellungen in Wolfsburg und jetzt in Stuttgart hätten aber doch einiges bewegt: "So mancher bemerkt dort, dass hinter einem Bild, hinter einer Form Geist steckt. Und das ist es, worum es geht."

Lebensreform sei dann ein "brauchbarer Topos" wenn man sich selbst in das Reformkonzept mit einbeziehe und seinen eigenen Anteil dabei erkenne. Aber, so Kugler, warum hätte Miriam Gebhardt nicht die Frage gestellt, warum es die vielen anderen Reformprojekte - er nennt "Hellerau", "Monte Veritá", "Worpswede" und die "Mathildenhöhe" aus Darmstadt - nicht mehr gebe. Die Antwort darauf gibt er selbst: Diese Reformbewegungen hätten im Gegensatz zu der "umfassenden Konkretheit", wie sie bei Steiner zu finden sei, immer "selektiv auf bestimmte Dinge" gesetzt: Vegetarismus, FKK, den Tanz, die Bildende Kunst oder auch die gesunde Ernährung. Steiners "universelles Erkenntnisinteresse, das sich auf alle Lebensgebiete erstreckt und diese auslotet und neu gestaltet, das ist wirklich einmalig und wie wir sehen von Dauer."

Walter Kugler glaubt allerdings, dass es noch 50 Jahre dauert, bis Steiner "verstanden" wird. Überzeugen könne man nur mit "Gedankenrichtungen". Wir, und damit meint Kugler diejenigen, die "auf der Strecke der steinerschen Erkenntnis wandern", müssten Farbe bekennen; dazu sei es aber nötig, auch "unsere Unfertigkeit in die Schale (zu) werfen." Das aber würde noch einige Zeit dauern. Schlechte Aussichten für den einen oder anderen, der sich bereits am Ziel wähnt?  

Viele "vor- oder hintergründige Ungeklärtheiten" könnten nach Kugler eben auch zu sachlichen Fehlern führen, wie Kugler sie in der Biographie von Gebhardt entdeckt hat. Hier nennt er falsche Angaben wie die über den KZ-Arzt Rascher oder über einen Orden, den Steiner angeblich für Steiners Dreigliederungsaktivitäten bekommen haben soll.  

Um Steiner zu verstehen, käme es darauf an, "das Wesen des Spirituellen in unserer gegenwärtigen Welt ständig präsent" zu halten und es damit "erlebbar, greifbar" zu machen. Es gehe nicht um eine "nebulöse, mystifizierende Gefühlsspiritualität, die das eigene Wohlbefinden nährt", sondern darum, ein - spirituelles - Verständnis zu den Dingen und daraus einen Gestaltungswillen zu entwickeln. "Viele, die wirklich berührt seien, propagieren diese Art von Spiritualität nicht unmittelbar nach außen, weil sie als zu kostbar erlebt wird." Kugler nennt den Künstler Tony Cragg, der sich frage: "Was wäre das 20. Jahrhundert ohne Rudolf Steiner?" Craggs Antwort: " Eine Katastrophe!". Hier sei die innere Berührtheit zu spüren, sagt Walter Kugler, allerdings: "Die meisten Kulturschaffenden, die so intim mit Rudolf Steiner umgehen, behalten das für sich, weil sie wissen, dass das heute noch nicht diskursfähig ist."

Steiner ließe sich zwar für "Momente", nicht aber auf längere Sicht integrieren, merkt Kugler an, nennt dieses aber eine "Herausforderung" und darauf komme es an. Es sei wichtig, das aktuelle Kulturgeschehen bewusst wahrzunehmen und sich daran zu "orientieren". Man könne bemerken, dass "wir nicht allein sind", es gebe hochinteressante Partner, der Dialog müsse aus "unserer Souveränität" heraus gesucht werden. 

2 - unüberbrückbare kluft

Wie es scheint, sind jedoch mit den "hochinteressanten Partnern" wohl eher nicht die derzeitigen Biographen Steiners gemeint. Am ehesten dürfte von diesen noch Heiner Ullrich für sich in Anspruch nehmen, zumindest die Waldorfpädagogik einem größerem Leserkreis zugänglich gemacht zu haben. Allerdings ist Lorenzo Ravagli - auch er in der aktuellen Ausgabe der Wochenschrift - nicht ganz einverstanden mit dem Wissenschaftsverständnis des Professors für Erziehungswissenschaften; obwohl er Ullrichs Verdienste nicht "schmälern" wolle, dem er "insbesondere in seinen systematischen Referaten des anthroposophischen Menschenbildes einige originelle, lesenswerte philosophische Reformulierungen" attestiert, hat Ravagli doch einiges auszusetzen. Denn die Kapitel über "Lehre" und "Rezeption und Kritik" seien der eigentliche Kern des Buches und dieser Kern läse sich "wie ein Gutachten über den Wissenschaftsanpruch der Anthroposophie, das zu einem vernichtenden Urteil gelangt: Zwischen der 'essentialen' Wissenschaft Steiners und der Forschungspraxis sowie dem theoretischen Selbstverständnis der modernen Wissenschaften besteht eine unüberbrückbare Kluft." Ullrich selbst stelle sich, so Ravagli, auf einen "bestimmten weltanschaulichen Standpunkt", der mit jenem einer "essentialen Wissenschaft unvereinbar ist", und er gelange aus diesem Grund zu seinem "vernichtenden Urteil." 

3 - im reich der fabel?

Und damit wenigstens auch Helmut Zander in dieser kurzen Zusammenfassung erwähnt ist, hier noch der letzte Absatz der - ebenfalls von Lorenzo Ravagli stammenden - Rezension des Buches "Rudolf Steiner. Die Biographie". Auch diese erschien in der aktuellen Wochenschrift: "Es kann nicht darum gehen, Zanders Erzählung eines Mangels an Tatsachentreue zu überführen, die sie gar nicht beansprucht. Sie will ja nicht die 'abschließende', 'wahre Deutung' sein, weil es eine solche in der Biografik laut Zander 'nicht geben kann', weil jede Biografie 'Fabel und Faktum' zugleich ist. Mag seine Erzählung auch mehr Fabel als Faktum ein - wenigstens ist sie gut geschrieben."

 

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