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Mittendrin in der Welt

Ein Gespräch aus der Zukunftswerkstatt anthroposophischer Zeitschriftenmacher

Zuerst veröffentlicht in den "infoseiten anthroposophie", die als kostenlose Beilage halbjährlich den wichtigsten anthroposophischen Publikationen beigelegt ist. Redaktionell werden die "infoseiten anthroposophie" von Ramon Brüll, Info3 Verlag sowie der Redaktion der Wochenschrift "das Goetheanum" verantwortet. Themen der Zeit veröffentlicht das Gespräch mit freundlicher Genehmigung der beiden Gesprächsteilnehmer.

Sieht man von den Kundenmagazinen anthroposophischer Unternehmen ab, erreicht kein anthroposophisches Printmedium mit allgemeiner Themenausrichtung eine regelmäßige Auflage von 20.000 Exemplaren. Zu wenig für eine öffentliche Wirksamkeit. Oder gerade recht? Für die infoseiten anthroposophie diskutierten Ramon Brüll vom Info3-Verlag und Sebastian Jüngel vom Goetheanum, worin sie die Aufgaben und Bedingungen der anthroposophischen Publizistik heute sehen.

SJ: Ramon, die Zusammenarbeit zwischen info3 und dem Goetheanum wurde von einigen unserer Leser stark kritisiert, als ob wir nun die Richtung von info3 einschlügen. Wäre solch ein Zusammengehen überhaupt sinnvoll?

RB: Was heißt sinnvoll? Es hat ja beinahe mal ein gemeinsames Blatt gegeben!

SJ: Wie bitte?

RB: Bei der Goetheanum-Krise 1997, als Redaktion und Herausgeber nicht weiter zusammenarbeiten konnten, fanden ernsthafte Gespräche zwischen Martin Barkhoff und seiner Crew und info3 mit dem Ziel einer Zusammenführung beider Redaktionen statt. Natürlich hätte man nicht info3 mit dem Goetheanum fusionieren können. Die Redakteure konnten ja nicht über die Geschicke ihrer Wochenschrift bestimmen, die ja von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft herausgegeben wird. Was wir aber ernsthaft diskutiert haben, war die Frage, ob beide Teams nicht zusammen ein großes, neues, auflagenstarkes und modernes Produkt hätten machen können. Wir von info3 waren bereit, Richtung Basel umzuziehen, allerdings nicht ins symbolträchtige Dornach. An unserer Bedingung, das neue Organ müsse unabhängig von allen anthroposophischen Gremien konstituiert und ausschließlich in der Selbstverwaltung ihrer Redakteure herausgegeben werden, scheiterte der Plan. Soviel Eigeninitiative konnten Deine Vorgänger sich dann doch nicht vorstellen...

SJ: Ein drittes Produkt neben info3 und dem Goetheanum? Da hätten sich aber beide Redaktionen tüchtig übernommen!

RB: So war das nicht gedacht: info3 sollte dann eingestellt werden und der öffentliche Teil des Goetheanum ebenso. Geblieben wäre allenfalls das Nachrichtenblatt als Mitteilungsorgan der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft für deren Mitglieder.

SJ: Also Neugründung statt Fusion?

RB: Genau darum ging es. Ein Wagnis natürlich!

SJ: In der Tat! Allerdings fehlt bis heute ein Medium, das in der allgemeinen Medienlandschaft ein Referenzmedium ist, also eines, auf das man sich bei spirituellen Fragen bezieht, eines, das man zitiert. Zwar lesen wichtige Multiplikatoren das Goetheanum, doch ob es in Brüssel oder an anderen Entscheidungsstellen zur Kenntnis genommen wird? Dass es aber das Bedürfnis nach einem Organ größerer Reichweite gibt, spürt man spätestens, wenn man beispielsweise – wie bei der Unterschriftenaktion Eliant – viele Leserinnen und Leser erreichen möchte. Solch eine hohe Breitenwirkung sollte dabei nicht zulasten der Vielfalt gehen. Denn dass die bestehende Vielfalt anthroposophischer Printmedien Autoren ermöglicht, wenn sie bei einer Redaktion mit ihrem Beitrag nicht ankommen, zu einer anderen zu gehen, ist natürlich wertvoll.

RB: Das sehe ich genau so wie Du als Vorteil an. Freies Geistesleben ist als gesellschaftliches Ziel von großer Bedeutung. Innerhalb der einzelnen Medien kann das Freiheitsprinzip nur begrenzt wirksam sein. Jede Zeitschrift würde ihr Profil verlieren, wenn sie wahllos beliebige Zuschriften aufnehmen würde. Da ist die Redaktion gefragt, auszuwählen, zu gewichten, Akzente zu setzen, und natürlich auch Beiträge abzulehnen, wenn diese nicht ins Konzept passen.

Ich denke, aus heutiger Sicht können wir froh sein darüber, dass es beide Blätter noch gibt: das Goetheanum, welches primär die Belange der „internen Öffentlichkeit" im Auge hat, und info3, das viel stärker außerhalb der Mitgliedschaft wahrgenommen wird. Bei allem Respekt vor Deiner und Eurer Arbeit: Wenn ich die Wochenschrift durchblättere, bin ich dankbar dafür, dass info3 nicht mehr über so viele Interna der Anthroposophischen Gesellschaft berichten muss und dass auch die umstrittenen Themen, die die Mitgliedschaft betreffen, anders als früher jetzt weitgehend auch innerhalb der Mitgliedschaft im Verbandsorgan offen ausgesprochen werden können, – nämlich dort, wo sie hingehören.

SJ: Danke für die Blumen! Was Deine Festlegung auf eine ‹interne Öffentlichkeit› betrifft, lege ich aber Veto ein. Zum einen möchten unsere Abonnentinnen und Abonnenten als Zeitgenossen angesprochen werden. Zum anderen umfasst das Themenspektrum des Goetheanums sowohl das anthroposophische Engagement – das in aller Regel voll in der Öffentlichkeit stattfindet – als auch das weitere Zeitgeschehen. Was ist daran intern?

RB: Die Fremdwahrnehmung ist eine andere. Doch waren wir bei der Frage, wie viele Zeitschriften und Zeitschriftchen die anthroposophische Bewegung braucht und verträgt.

SJ: Stimmt. Wir haben ein recht ausdifferenziertes anthroposophisches Medienwesen, gegliedert nach Fachgebieten, Organisationen und nach Denkrichtungen mit je eigenen Identitäten. Das wird sich auch im Prinzip nicht ändern, weil so berechtigterweise zielgruppenspezifisch informiert und Bewusstsein geschaffen wird.

Allerdings hat auch in den halbjährlichen Redaktionentreffen Gerold Aregger (Gegenwart) einmal angeregt, diese Vielfalt als Ausdruck eines gegliederten Organismus zu sehen. Und dass sich schon seit über elf Jahren die deutschsprachigen anthroposophischen Redaktionen zweimal im Jahr treffen und seit mehreren Jahren anthroposophische Zeitschriften unter einem Dach bei der Buchmesse in Leipzig präsentieren, ist Ausdruck einer gewissen Verbundenheit.

Gemeinsamer Austausch – getrenntes Arbeiten: Ist das auf Dauer genügend, müsste es nicht einen Schritt weiter gehen? Denn in Redaktionen wie der Drei, der Erziehungskunst, von info3 und dem Goetheanum nehme ich ein gewachsenes Verantwortungsgefühl für die durch die Medien geschaffene Öffentlichkeit von Anthroposophie wahr.

RB: Ich sehe das für unser Metier höchst kritisch! So wertvoll, ja notwendig der Erfahrungsaustausch unter Kollegen ist, so unabdingbar die gegenseitigen Bekanntschaften, die Entstehung von „kurzen Wegen", so beängstigend finde ich die Bestrebung, diese informelle Zusammenarbeit zu institutionalisieren. Anders als zum Beispiel die Heileurythmie brauchen wir keinen Berufsverband, weil unser Berufsbild klar ist und wir nicht um Anerkennung kämpfen müssen. Eine Interessensvertretung? Wozu?

SJ: Es geht ja nicht um eine verbandsähnliche Struktur, sondern darum, die Wirkung der medial vermittelten Anthroposophie zu (ver)stärken.

RB: Wenn das ganz konkret gemeint ist, finde ich das prima. Wir hatten die gemeinsame Herausgabe des Pressespiegels Anthroposophie, wir bemühen uns, die redaktionellen Beiträge der vorliegenden infoseiten anthroposophie gemeinsam abzustimmen. Ich kann mir auch weitere Projekte wie etwa gemeinsam herausgegebene Publikationen vorstellen. Was ich mir allerdings und ausdrücklich nicht denken kann, sind gemeinsame Richtlinien, die die Einzelnen in ihrem Tun und in ihrer Verantwortung einschränken.

Man braucht nur offenen Auges in unserer eigenen Szene herumzublicken, um festzustellen: Jeder institutionalisierter Verband, auch solche, die „von unten" heraus entstanden sind, neigt früher oder später zur Verhärtung: Posten und Pöstchen werden verteilt, Machtstrukturen halten Einzug, Vorstände werden benannt und mit Kompetenzen ausgestattet, angeblich nur weil das Vereinsgesetz das so will, usw. Funktionärsgehabe bestimmt bald den Alltag. Es entsteht der Anspruch, die alleinseligmachende Anschauung oder Strategie zu vertreten, demokratisch abgestimmt, versteht sich. Ich habe bis heute noch nicht so recht verstanden, wodurch genau die Selbstverwaltung in Fremdbestimmung umkippt. Tatsache ist jedoch, dass große Teile ausgerechnet der anthroposophischen Bewegung mit Initiativverhinderungsstrukturen zu kämpfen haben. Wir brauchen keine (weiteren) Kontrollmechanismen!

SJ: Das wohl nicht. Ein Verband oder eine sich selbst tragende Initiative ist aber nicht per se schlecht oder gut. So muss info3 als sich selbst freitragende Unternehmung – kein Verband steht im finanziellen Notfall zum Auffangen bereit – entsprechend auf dem Markt auffallen und wählt dazu beispielsweise Provokation und Verknüpfung von redaktionellen Inhalten und eigenen Veranstaltungen als Mittel zum Zweck. Zudem ist auch die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft letztlich nichts anderes als eine freie Initiative, nur viel größer, viel differenzierter und als gemeinsamer Ort von Menschen verschiedenster Herkunft auch anderen sozialen Abläufen verpflichtet als eine kleinere Initiative wie info3. Ihr könnt viel autokratischer entscheiden, da ihr euch selbst vertretet.

RB: Jetzt hast Du mich (ungewollt?) provoziert, Sebastian! Zunächst einmal: Wenn einzelne Artikel in info3 von Teilen der Leserschaft als Provokation erlebt werden, dann ist es keineswegs so, dass wir mit der Veröffentlichung auf den Markt oder auf höhere Auflagen schielen. Die Redaktion veröffentlicht, ganz im Gegenteil, dasjenige, was sie für wahr, für wichtig oder für eine berechtigte Denkweise ansieht, die zur Kenntnis genommen werden darf, – auch dann, wenn man vorhersehen kann, dass anschließend die Vertriebsabteilung wegen einer Häufung von Kündigungen stöhnt. Der Geist weht nicht immer da, wo die Vorlieben der Leserschaft, insbesondere der konservativen Leserschaft, sind!

Auch Dein Vergleich mit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft hinkt. Diese als „freie", „nur viel größere" Initiative zu bezeichnen, trifft nicht den Kern. Diese Gesellschaft tritt auf mit dem berechtigten Anspruch, Anthroposophie zu vertreten. Sie will – um es insidersprachlich auszudrücken – „Leib für das Wesen Anthroposophia" sein. Diesen Alleinvertretungsanspruch haben freie Initiativen, anders als die meisten Verbände, grundsätzlich nicht. Der Info3-Verlag zum Beispiel ist ein selbständiges Unternehmen, welches neben anderen Unternehmen seinen Platz im gesellschaftlichen Leben sucht. Wir begrüßen ausdrücklich die Tatsache, nicht alleine zu sein!

SJ: Wie kommst Du darauf, dass das ein Alleinvertretungsanspruch ist? Jedes Mitglied der Freien Hochschule sieht sich doch unter anderem als Repräsentant der Anthroposophie…

RB: … ja eben! Und diese Vorstellung lässt keine Repräsentanz außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer Hochschule zu. Mitglieder, die zur Hochschule zugelassen sind, sollen Anthroposophie „in der Welt" vertreten. Und sonst niemand. Hat man nicht den Begriff Anthroposophie und den Namen Rudolf Steiners rechtlich schützen lassen?

SJ: Einspruch. Die Bereitschaft, als Hochschulmitglied Verantwortung zu übernehmen, bedeutet keinen Alleinvertretungsanspruch. Aber davon abgesehen: Die Rechte für die Waldorfpädagogik als Warenzeichen liegen beim Bund der Freien Waldorfschulen, die für Rudolf Steiners Werk bei der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung. Nur um zwei Beispiele zu nennen.

RB: Sprechen wir nicht immer noch von der „Außenwelt", und erlebt die Öffentlichkeit die anthroposophische Bewegung nicht nach wie vor als mehr oder weniger geschlossenes System? Wie kommt das wohl? Oder wie können wir das ändern? Wie stellen wir uns die zukünftige Entwicklung der Anthroposophie vor: Ich frage mal provokativ: als verwaltetes Erbe oder als öffentlicher Kulturfaktor?

SJ: Da haben wir sie ja, die info3-typische Provokation! Im Ernst: Ich halte solch eine typische journalistische Entweder-oder-Frage nicht für fruchtbar. Es hängt viel davon ab, was man unter den jeweiligen Begriffen versteht und welche Empfindungen man mit ihnen verbindet. Wenn die Herausgabe von Goethes Schriften, von Schillers „Ästhetischen Briefen" Verwaltung von Erbe ist und dadurch Menschen heute angeregt, ermutigt, inspiriert werden, Aufgaben der Zeit anzugehen, dann wird das Erbe zugleich öffentlicher Kulturfaktor! Solange man sich mittendrin im Geistigen erlebt, stellt sich diese Entweder-oder-Frage gar nicht.

RB: Widerspruch! Du versuchst, durch einen Trick von meiner Frage abzulenken. Ich meinte nicht die Herausgabe historischer Schriften. Wir sprachen von der zukünftigen Entwicklung der Anthroposophie und was die Publizistik dazu beitragen kann. Ich habe den größten Respekt vor den Kollegen der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung die keine Mühe gescheut haben, jedes geschriebene und gesprochene Wort Rudolf Steiners mit soviel Sorgfalt zu dokumentieren. Eine Meisterleistung in Werktreue! Und dennoch kann die jetzt fast vollständig vorliegende Gesamtausgabe erst der erste Schritt sein. Die Aufgabe, Steiners Vorträge in ein verständliches Schriftdeutsch zu übersetzen, steht noch aus. Um Kulturfaktor zu sein, müsste erst die tiefe Zerrissenheit der anthroposophischen Bewegung überwunden sein. Und hier zeigen doch schon die Reaktionen auf den Hauptartikel in der letzten Ausgabe der infoseiten anthroposophie, dass eine tiefe Kluft die Bewegung spaltet. Für einen Teil der Leserschaft sind die Erfahrungen und Ansichten eines Rüdiger Sünner Sakrileg. Andere horchen gespannt auf, wie ein kulturschaffender Zeitgenosse, der nun wirklich im Leben steht und sich zudem intensiv mit Steiner auseinandergesetzt hat, liebevoll-kritisch auf dessen Werk schaut. Und darauf, wie „die" Anthroposophen mit diesem Werk umgehen. Zwischen den bedingungslosen Verehrern Dr. Steiners und denjenigen, die bereit sind, im öffentlichen Diskurs auch kritische Fragen zuzulassen, liegen Welten. Bei den diversen Zuschriften, die einem so erreichen, denke ich manchmal: „Post von einem anderen Planeten". Wenn man, wie Steiner, „Planeten" für Bewusstseinszustände nimmt, stimmt das sogar.

Welche Bedingungen, meinst Du, müssten geschaffen werden, damit eine große öffentliche anthroposophische Zeitschrift weder missionarisch (wie etwa: „Anthroposophie muss in die Welt") noch ideologisch (etwa im Sinne einer verbindlichen Auslegung) ausgerichtet wird?

SJ: Ich denke, dass die Kluft überbrückbar ist. Noch vor zwölf Jahren war es undenkbar, dass sich die anthroposophischen Redaktionen regelmäßig treffen. Auch eine Zusammenarbeit wie bei den infoseiten anthroposophie ausgerechnet zwischen info3 und dem Goetheanum war völlig undenkbar. Und natürlich ist die Anthroposophie missionarisch, weil sie eine Aufgabe hat, weil sie eine Aufgabe für jeden, der sie aufnehmen will, darstellt, sie ist auch ideologisch, weil sie von der Wirksamkeit von Ideen ausgeht. Ramon, es geht doch bei der Anthroposophie um etwas!

RB: Ich habe wiederholt festgestellt, dass ein Teil der Leserschaft, insbesondere bei den infoseiten, aber in geringerem Maße auch bei info3, ein ganz merkwürdiges, ich möchte sagen: sektiererisches Urteilskriterium handhabt. Ein Artikel wird als gut empfunden, nicht etwa, wenn der Leser eine neue, interessante Sichtweise erfährt, sondern nur dann, wenn er seine bestehende Meinung, um nicht zu sagen: seine Lieblingsgedanken wiederfindet. Dann läuft ein Prozess in dessen Kopf ab, der im Empfinden gipfelt: „Das musste mal gesagt werden!" Die Adressaten der Zeitschrift sind für diese Leser andere, die überzeugt werden sollen, nicht sie selbst. Das meinte ich mit missionarisch. Eine solche Haltung, der ich auch bei manchen Redaktionskollegen begegne, halte ich für kontraproduktiv. Damit erreichen wir nichts. Schon gar keine hohe Auflage!

SJ: Das Medium, von dem wir als eine mögliche Zukunftsaufgabe der anthroposophischen Publizistik sprechen, hat ja aber gerade nicht diese bestehende Leserschaft im Blick. Diese wird ja schon jetzt erreicht. Da Du aber nach den Bedingungen fragtest: Ich sehe da drei Bedingungen.

Erstens: Es muss klar sein, welche Aufgabe es erfüllen möchte und ob es auf entsprechende Bedürfnisse trifft. Ich denke da an das Vorstellen von Ideenansätzen, realen Initiativen, tätigen Menschen, die das Geistige als reale und als produktive Quelle erschließen, an das Orientieren über aktuelle Ereignisse, aus der unmittelbaren Begegnung heraus und in geschulter Urteilskraft, gerichtet an Menschen, die an einer produktiven Weltentwicklung arbeiten wollen und sich kennenlernen möchten. Und all das, um sich gegenseitig zu ermutigen, sich anzuregen.

Zweitens: Diese Arbeit braucht Professionalität. Also handwerkliches Know-how, eine entsprechende technische Ausstattung, das Erarbeiten von Gesichtspunkten eines anthroposophischen Journalismus inklusive anthroposophisch geschulter Urteilskraft, auf die Praxis zurückwirkende Reflexion über die eigene Tätigkeit, den Willen, das alles auch umzusetzen – bis in die wirtschaftlichen Konsequenzen.

Und Drittens: Bewusstsein darüber, dass solch ein auflagenstärkeres Medium sicherlich nicht bedeutet, dass die Konflikte weniger werden. Mit einer höheren Auflage wird im Gegenteil sicherlich auch die Attraktivität für Versuchungen steigen, wohl in der Richtung dessen, was Du bei Verbänden als Macht und Lähmung erlebt hast.

RB: Wenn ich mich auf Deine Vorstellung eines auflagenstarken Mediums einlasse, kommt mir folgendes in den Sinn: Eine hohe Auflage als solche kann doch nicht das Ziel sein. Was wir beide wollen, ist eine starke Bewegung, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Anthroposophie als Kulturfaktor. Autoren, die was zu sagen haben: nicht besserwisserisch, „weil sie Steiner gelesen haben", sondern kompetent, weil sie den Dialog mit anderen aktuellen Denkern und Forschern suchen. Und Anregungen aus der Anthroposophie zeitgemäß und mit eigenen Erfahrungen getränkt vertreten können. Nach mehr als 30 Jahren Tätigkeit in unserem Metier kann ich sagen: es ist eine Illusion, mit einer Zeitschrift eine solche Bewegung zu bewerkstelligen. Auch nicht mit noch so ausgefeilten oder kostspieligen Marketinginstrumenten. Diese Bewegung gibt es, oder es gibt sie nicht. Wenn es sie aber gibt, können wir sie mit unseren publizistischen Mitteln unterstützen. Und dann ergibt sich die entsprechende Auflage wie von selbst.

SJ: Aber Ramon: Ein anthroposophisches Krankenhaus ist doch auch nicht allein für die Menschen da, die Anthroposophie bewusst leben. Es steht allen Menschen zur Verfügung. Natürlich braucht es auch berufsfeldbezogene, einrichtungsorientierte, Mitglieder informierende Medien – das haben wir ja schon besprochen. Aber warum begreift sich die anthroposophische Publizistik allein immer als auf die „eigene" Bewegung bezogenes Arbeitsfeld und nicht auf eine auch Allgemein-Menschliche Aufgabe für eine Zeit, in der Medien eine zentrale bewusstseinsbildende Größe darstellen? Warum ergreift die anthroposophische Publizistik nicht die Aufgabe, mit Mitteln der Publizistik dem heutigen Menschen – auch wenn er nicht in der anthroposophischen Bewegung ist – Hilfe zu sein, an den Aufgaben der Zeit zu arbeiten?

RB: „Die anthroposophische Publizistik": das sind wir, Sebastian! Legen wir also los. Ich nenne mal meine Bedingungen: Eine Zeitschrift, die Anthroposophie als Kulturfaktor zeigen will, kann unmöglich zugleich Verbandsorgan sein, also auch nicht ein Organ, das von der oder einer Anthroposophischen Gesellschaft herausgegeben wird. Denn das konstituiert immer ein „Innen" und ein „Außen". Welcher Kulturfaktor aber hat eine Eintritts- oder Mitgliedskarte?

SJ: Du sprachst von Klüften, Du sprichst von Deinem Zweifel an verbandsähnlichen Strukturen. Das klingt so, als ob Du keine Entwicklungsperspektiven für die anthroposophische Publizistik siehst.

RB: Aber nein doch! Da haben wir uns wohl gründlich missverstanden. Ich spreche von ein paar Grundbedingungen, die erfüllt sein müssen, wenn eine anthroposophisch inspirierte Publikation Kulturfaktor sein will: Sie sollte weder direkt, noch indirekt von Verbandsinteressen abhängig sein; sie sollte keinen Unterschied zwischen Innen und Außen (ich meine: zwischen Anthroposophen und den Rest der Welt) mehr machen müssen, und sie sollte – da waren wir uns einig – eine Vielfalt von Sichtweisen zum Ausdruck bringen und auch unbequeme Frage zulassen, um damit jegliche Dogmatik entgegenzuwirken. Eigentlich ist die Anthroposophie durch ihre Einrichtungen in Mitten der Gesellschaft angekommen. Dieses Medium, welches wir beiden wollen, ist nicht „weltzugewandt", wie Du sagst, sondern Teil der Welt: es steht mitten drin – um eine frühere Formulierung von Dir aufzugreifen.

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