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Zwischen Himmel und Erde - Über den neuen Film von Christian Labhart von Michael Mentzel
Der Titel lässt Einblicke in die Tiefen einer Weltanschauung vermuten, wie sie als Hefe, als Ingredienzien in den Lebensfeldern der Pädagogik, der Medizin und der Landwirtschaft wirkt und - wenn der Untertitel ernst gemeint ist - auch sichtbar werden dürfen und können. Gedreht hat ihn der Filmemacher Christian Labhart, wir kennen von ihm "zum Abschluss Mozart", einen sehenswerten Film über ein Musik-Projekt einer 12. Waldorfklasse.
"Zwischen Himmel und Erde" dokumentiert Ausschnitte aus den Lebenswelten einzelner Menschen, untermalt von wirklich schönen Bildern, und es kommen Persönlichkeiten zu Wort, die jeweils auf die unterschiedlichste Weise mit der Anthropsopophie verbunden sind. Da ist Bodo von Plato, Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, der in kurzen Statements zeigt, was er unter Anthroposophie versteht, oder die Waldorfpädagogin Susanne Wende, die sehr authentisch ihre ganz persönliche Sicht auf die Anthroposophie darstellt und damit so gar nicht den - von einschlägigen Kritikern gerne verbreiteten - Klischees der Waldorflehrers oder der Waldorflehrerinen entsprechen, die ihre SchülerInnen mit der Geheimwissenschaft unter dem Arm zu "Anthroposophen" erziehen.
Durch den Auftritt von Christoph Homberger vermittelt der Film aber auch ein sehr ambivalentes Verhältnis des Regisseurs zu seinem Thema und gerade bei diesem Protagonisten scheint es, als wolle auch der Regisseur hier ein Stück seiner eigenen Kindheit aufarbeiten. Christoph Homberger ist immer noch von Frustration geplagt, wenn er an seine Schulzeit denkt. Anthroposophie heute? Er bekommt reichlich Gelegenheit, seine Sicht auf die damaligen Verhältnisse darzustellen. Der von ihm geschilderte Vorfall an der Waldorfschule seiner damaligen Freundin aber dürfte wohl zu jener Zeit nicht einmal sonderlich ungewöhnlich gewesen sein. Da wüsste ich schon gern, wie es vor Jahrzehnten mit der Verklemmtheit von Schweizer Staatsschulehrern ausgesehen haben mag. Ich finde es auch etwas weit hergeholt, den Anthroposophen pauschal vorzuwerfen, sie hätten keine Antworten. Worauf? Die Fragen hätte man dann natürlich auch gern gehört. Vielleicht "Vater-Sohn-Fragen"? Stattdessen lange Sequenzen mit viel Trara und klingendem Spiel, sehr nett und nichts dagegen einzuwenden, damit ich nicht falsch verstanden werde. Aber Anthroposophie heute?
Sebastian Gronbach stellt fest, dass sich seit seiner Schulzeit nichts geändert habe. Anthroposophie heute? Was soll anders sein heute? Sollen die SchülerInnen, statt einen Morgenspruch zu sprechen, sich lieber erst einmal ein paar Ausschnitte von "Matrix" ´reinziehen? Wobei es ja vielleicht noch ein gute Idee wäre, vor dem Klassenzimmer einen Boxsack aufzustellen. Die heutigen Anthroposophen herkunftsmäßig in der 68er-Bewegung zu verorten und ihnen dann ein verklemmtes sexuelles Weltbild unterzujubeln, ist schon eine reife Leistung, entspricht aber dem, was Gronbach auch sonst hin und wieder postuliert - jedenfalls im Internet - und ist insofern natürlich authentisch. Trotzdem meine ich, wenn man schon die "Erben Steiners" näher beleuchtet, dann wäre es doch schön gewesen, etwas aus der Redaktionsarbeit des Journalisten Gronbach zu erfahren, aus dem, was er mit und aus der Anthroposophie heraus macht.
Da gefallen mir die Sequenzen mit Claudine Nierth besser, hier geht die ganz konkrete - politische - Arbeit mit der Anthroposophie eine Symbiose ein, die ich mir auch für andere Bereichen der Anthrowelt wünschen würde. Oder wie es bei dem Demeter-Bauern Martin Ott zu sehen ist, der seine Anthroposophie lebt und aus ihr - wie ich finde, erkennbar - seinen Nektar für die Arbeit mit behinderten Menschen saugt. Das kommt der "Anthroposophie heute" tatsächlich etwas näher und man möchte dem Regisseur Labhart zurufen: Mehr davon. Nicht Lobhudelei oder lila Prosa, sondern Berichte über reales Tun von Menschen, die etwas anfangen mit der Anthroposophie Rudolf Steiners.
Zwischen Himmel und Erde lässt auch die Eurythmie nicht aus, mit Christoph Graf in Sekem, ein Einblick in eine erst einmal ungewöhnliche Welt, auch hier wieder schöne Bilder und ein Mensch, der anschaulich über seinen Weg und seine Beziehung zu Steiner berichtet. Aber mit Verlaub: Wenn ich mir den vor einiger Zeit gezeigten Arte-Film über Sekem anschaue, erfahre ich mehr über "Anthroposophie heute".
Natürlich bin auch ich als so genannter Insider "befangen", und erwarte vielleicht deshalb von einem Film, der "Anthroposophie heute" im Titel trägt, dass er meiner Auffassung von Anthroposophie entgegenkommt oder Dinge zeigt, die man nicht schon tausendmal gehört und gesehen hat. Und so komme ich zum Schluss, dass der Film sehr wohl an einigen Stellen auch Nachdenklichkeit erzeugen kann, aber ein bisschen auch dazu geeignet ist, bestehende Vorurteile zu zementieren. Einen Einblick in die "Anthroposophie heute" bietet er - so finde ich - leider nicht. Aber am Ende war das vielleicht auch gar nicht die Absicht.
Die Deutschland-Premiere findet am 3. März 2010 im Filmforum Museum Ludwig statt.
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