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Michael Eggert von den "Egoisten"
Als Neunjähriger ging ich im Traum auf der Zeitmauer spazieren und hatte grosse Angst, dass ich beim Balancieren im Dunkeln in ein Loch in der Mauer fallen könnte. Ich war sicher, ich würde in einen schwarzen Sack stürzen, den ein Jemand für mich bereit hielt. Das war wohl die Angst vor dem Sich-Verfestigen, Erwachsenwerden, Sich-in-die-Dunkelheit-des-Leibseins-Begeben, wie sie Neunjährige nun einmal haben können. Die Alpträume hielten eine Zeitlang an und verwandelten sich allmählich in eine Faszination gegenüber dem eigenen Spiegelbild. Nachdem die Alptraumphase vorüber war, ging die Angst in eine eigentümliche Mischung über zwischen der Faszination, ein körperliches Ich zu sein- und gleichzeitiger Scham davor. Am Ende verging auch der Rest von Abscheu vor meinem So-Sein. Das Abenteuer der Entfaltung dieser Biografie, das Bejahen, das Ausleben konnte beginnen.
Es gibt aber viele dieser Zeitmauern. Vor einer anderen steht man vielleicht in der Lebensmitte. An einem bestimmten, kaum fest zu machenden Punkt beginnt die Zeit schneller zu verlaufen. Vielleicht liegt das daran, dass die Tages-, Wochen-, Monatsrhythmen gefügter werden. Sie sind abhängig von Arbeit, Freizeit, Kindererziehung, wachsenden Gewohnheiten, sich verfestigenden Interessen und Unternehmungen. Aber es liegt wohl auch in einem Nachlassen der Intensität des Empfindens- das Wundern geht verloren. Und es liegt an einem Schwinden der Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses. Ab 35 (sagen wir mal) schnurren die Wochen, Monate und Jahre in sich zusammen, als würde ein Band sie zusammen fassen. Die Fülle von Details geht verloren. Es ist, als würde die Zeit immer weniger enthalten oder als würde es immer mehr Mühe kosten, diese Details tatsächlich lebendig zu halten. Im mittleren Alter wundert man sich, wie schnell der Frühling wieder da ist. War das nicht gerade erst? Die Endlichkeit rückt deutlich näher, indem die Zeit zusammen schnurrt. Die Zeitmauer beginnt vor der eigenen Zukunft in die Höhe zu wachsen. Bei sehr alten Menschen beobachtet man, dass sie vor ihr stehen geblieben sind und nur noch in Phasen ihres Lebens zurück blicken, ja in diesen umfassend zu leben beginnen. Möglich, dass sie sich regressiv einrichten in einer Phase ihres Kleinkindseins.
Diese Dinge verlaufen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Es ist - jedenfalls für mich- eine grosse Hilfe, vielleicht auch ein Trost, aus diesen Gebundenheiten zu gewissen Gelegenheiten auszusteigen. Die Methoden, die der Einzelne zu seiner Tröstung wählt, mögen unterschiedlich sein. Für mich zählt dazu auch die Pflege eines meditativen Lebens. Denn einer der Aspekte der dabei gemachten Erfahrungen ist ja eben das Überwinden der Zeitmauer, das Erleben einer nicht- räumlichen, nicht- zeitlichen individuellen Existenz. Es ist, als ob man von einem Felsen am Meer ins Wasser steigt und mit dem ersten Schwimmzug im Wasser das Erlebnis der eigenen Schwere überwindet, Teil des Wassers wird. In der Versenkung verliert man die Rückmeldung der körperlichen Präsenz im Gehirn- man existiert nicht mehr im Widerstand, sondern ganz aus einem sanften Willen heraus. Es ist keine Ekstase, kein Selbstverlust damit verbunden. Aber es ist ein Zustand ohne Raum und Zeit, und daher bleiben nur die Eckdaten davon im Gedächtnis. Der Trost besteht in der Erkenntnis, dass die Zeitmauern und die Ängste davor so illusionär sind wie die Alpträume, die ich als Neunjähriger hatte.
Rudolf Steiner sprach in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit, sich einen „inneren Zeitbegriff" (Gesamtausgabe 145, Seite 85) anzueignen, der dann tatsächlich darin bestünde, die Lebenskräfte (das „Ätherische") zu erfahren. Die Lebenskräfte haben eine individuelle Komponente, die durch die Zeitmauern abgesteckt ist, weisen aber auch darüber hinaus- nicht zuletzt in das, was wir „Natur" zu nennen gewohnt sind. Es ist lediglich die menschliche Perspektive, die das Erleben der Zeit auf Leiblichkeit und ihre Begrenztheit und auf das Räumliche bezieht und daran festmacht: „Die besondere Schwierigkeit über die Dinge der Geisteswissenschaft zu sprechen, liegt darin, daß wir uns, sobald wir den Blick hinaufwenden in die geistigen Welten, wirklich die ganze Anschauung abgewöhnen müssen, die wir hier entwickeln für das Raumesdasein; daß wir uns ganz abgewöhnen müssen die Raumesanschauung und wissen müssen, daß es Raum da nicht gibt, daß alles in der Zeit verläuft (...)" (Gesamtausgabe 161, Seite 259).
Jenseits der Zeitmauern beginnt das Erleben des Lebendigen, das sich in Formen fügt, aber sie auch wieder auflöst. Man wird ein Teil dieser Kräfte, die nicht zuletzt auch die eigenen Begrenztheiten schaffen, sie aber auch wieder entziehen. Die scheinbar finale Zeitmauer, der Tod, verliert einen Teil ihres Schreckens.
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