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Afghanistan: Grausame Märchen

Über die Verzerrung der afghanischen Realität in der deutschen Berichterstattung
von Hans Wallow

"Wenn ich die deutsche Presseberichterstattung analysiere, erkenne ich mein Land nicht wieder", sagt der an der Marburger Universität lehrende afghanische Politologe Dr. Matin Baraki - Als ob in diesem Krieg nur die Taliban für Mord und Totschlag verantwortlich wären.
Jeder, der im Vielvölkerstaat am Hindukusch einmal die Gastfreundschaft der Landbewohner erlebt hat, und sich besonders mit den sozialen und kriegerischen Konflikten der großen Volksgruppen der Paschtunen, Tschadschiken, Usbeken und Hazaras auseinandersetzt, kann die Empörung des Wissenschaftlers mit paschtunischen Wurzeln verstehen.

Es ist hauptsächlich das Fernsehen, welches die Zerrbilder über dieses Land in die deutschen Wohnzimmer sendet und die Vorurteile zementiert. So wurde zum Beispiel in der Sendung "Hart, aber fair" mit dem scheinbar völlig ahnungslosen Frank Plasberg über den Einsatz der Bundeswehr diskutiert. Mitten im verbalen Schlagaustausch sah sich Jürgen Todenhöfer, Afghanistan-Kenner, Kritiker des deutschen Militäreinsatzes und ehemaliges Mitglied des Bundestags, mit einer Filmeinblendung konfrontiert, in der unter anderem lachende junge Mädchen Fußball spielten. Die Gesamtaussage dieses nur sekundenlangen Streifens enthielt folgende Botschaft: Seit dem Militäreinsatz im Jahre 2002 begann für Afghanistan die moderne Zeitrechnung. Der ehemalige Entwicklungspolitiker war angesichts dieser platten Manipulation sichtlich konsterniert. Fair wäre es wohl gewesen, einen der 3012 afghanischen Flüchtlinge, die wegen Verfolgung allein in den ersten 11 Monaten des Jahres 2009 Asyl in der Bundesrepublik beantragt haben, zu fragen. Da ist zum Beispiel die in Oldenburg lebende  afghanische Anwältin Khalid N.; sie hätte die Situation in ihrer Heimat anders geschildert als die einseitigen Bilder im Filmchen. Die junge Frau vertrat in Kabul minderjährige Frauen, Säureopfer, vor Gericht und kritisierte die reaktionären, frauenfeindlichen Gesetze der Regierung Karzai. Als sie dann auch noch versuchte, den Fall eines siebenjährigen Mädchens, das von einem Mann aus einflussreicher Familie vergewaltigt wurde, vor Gericht zu bringen, wurde sie täglich mit dem Tode bedroht. Auch die bereits seit den 70er Jahren von den Deutschen ausgebildete Polizei konnte oder wollte ihr nicht helfen. Man sagte ihr: "Was? Du bist Menschenrechtlerin? Hau ab, verschwinde!"

Insgesamt leben in der Bundesrepublik Deutschland 48437 anerkannte afghanische Asylflüchtlinge. Sie stammen nicht allein aus den ärmeren Schichten, sondern sind oftmals in akademischen Berufen ausgebildet und werden in Afghanistan zum Aufbau benötigt. In ihrer Mehrheit sind sie der Auffassung, dass das ausländische Militär nur eine korrupte, völlig marode Regierung, kriminelle Warlords und Drogenbarone in Staatsfunktionen schützt. Zu Verhandlungen mit den gemäßigten Taliban sehen sie keine Alternative, denn der Bürgerkrieg zwischen Tschadschiken und Paschtunen geht subkutan weiter. Ist die Bundeswehr blind, wenn sie im Norden ihre Informationen von tschadschikischen Staatsfunktionären beziehen, die wegen Verbrechen während des Bürgerkriegs eigentlich vor den Internationalen Gerichtshof gehören?

Die Verzerrung der afghanischen Realität durch deutsche Berichterstattung hat viele Ursachen. Es mangelt an Zeit, Geld und Mut zum Risiko. Daraus resultiert diese Neigung, schnell mal ein paar deutsche Offizielle, vornehmlich Militärs, und deren afghanische Partner zu befragen, ohne zu wissen, auf welcher Seite der Bürgerkriegsfrontlinie sie gestanden haben oder immer noch stehen. So ließ ein ZDF-Reporter, nachdem der deutsche Kommandeur in Kundus, Oberst Klein, den Luftangriff, bei dem 142 Menschen verbrannten, einen Afghanen sagen, dass der deutsche Oberst nicht vor Gericht gestellt werden dürfte, sondern einen Orden verdient hätte. Der Mann war Tschadschike, das konnte man unschwer an seiner Kopfbedeckung erkennen.

Die Opfer des Angriffs aber waren Paschtunen. Beide Volksgruppen hatten sich bis vor kurzem noch in einem grausamen Bürgerkrieg bekämpft. Sie denunzieren sich nicht nur gegenseitig als Taliban bei den ausländischen Militärs, sondern instrumentalisieren die schlecht informierten westlichen Soldaten. Fast alle Volksgruppen waren bisher einmal Täter und zugleich Opfer. Der Hass sitzt tief.

Die einfachste tägliche, ja oft arglose Manipulation aber besteht in der Übernahme von Ausdrücken wie "Luftschlägen" und ungeprüften Sammelbegriffen wie zum Beispiel "fundamentalistische Taliban". In Wahrheit sind die religiös motivierten Kämpfer einst von der CIA aus den Koranschulen Pakistans und den Flüchtlingslagern für den Krieg gegen die Russen und die linke afghanische Regierung rekrutiert und bewaffnet worden. Als markantes Merkmal tragen sie einen schwarzen Turban. Sie bilden heute eine Minderheit in der afghanischen Aufstandsbewegung.
Nach UNO-Angaben gibt es in Afghanistan circa 200.000 aktive Kämpfer, die fälschlicherweise alle "Taliban" ("Koranschüler") genannt werden. Sie sind in circa 2400 verschiedenen lokalen Gruppen islamistischer und nationalistischer Paschtunen sowie lokaler Milizen der Drogenhändler (im Norden oft in staatlicher Funktion), Anti-Zentralisten oder bewaffneten Zedernholzschmugglern organisiert. Die selbstbewussten Paschtunen, 60 Prozent der Bevölkerung und ursprüngliches Herrschervolk in Afghanistan, stellen das größte Kontigent der Aufständischen. Das nur als "Gäste" geduldete Netzwerk Al Qaida, deren Bekämpfung und Vernichtung früher Hauptziel der Interventionstruppen war, hat sich aus Afghanistan weitestgehend zurückgezogen. Der frühere US-Befehlshaber General Petraeus sagt über die Terroristen: "Sie spielen in Afghanistan keine Rolle mehr; und wer behauptet, dass wir bei einem Abzug das Land der Al Qaida überlassen, der erzählt Märchen."

Die Bomben in Kundus: Wie hoch muss die Anzahl unschuldiger Toter sein, bis man den Bombenterror eine Gräueltat nennen darf? Welcher afghanische BND-Mitarbeiter hat vor dem Angriff auf den Tanklastzug den deutschen Offizieren die Informationen übermittelt? Falls er im Bürgerkrieg tschadschiker oder usbekischer Kämpfer war, kann man von einer Hinrichtung der Paschtunen ausgehen. Das erklärt  auch, warum die Kampfbomber in Kundus keine Warnschüsse neben den Tanklastzug feuerten.
Die deutsche Debatte weicht den grundsätzlichen Fragen aus. Ob es sich in jener Nacht, als 142 Menschen verbrannten, tatsächlich um eine Notwehrsituation handelte oder ob der verantwortliche Oberst Klein von den KSK-Rambos dazu genötigt wurde, einmal so richtig draufzuhauen? Warum gab er den Befehl, Bomben auf eine größere Menschenmenge werfen zu lassen, wo doch jeder Militärführer seit Karl von Clausewitz weiß, dass Guerillas sich nur in kleinen Gruppen formieren, um sich schnell wieder zurückzuziehen. Das riecht nach Rache. Aber Rache ist unzivilisiert.

Die Realität in einem feudalistisch strukturierten Land, das seit 30 Jahren unter dem Krieg leidet und dessen Bevölkerung fast ausschließlich bei den Führern der fünf großen Volksgruppen Schutz sucht und nicht loyal gegenüber der machtlosen und korrupten Zentralregierung ist, kann in seiner Komplexität aus der europäischen Perspektive nur schwer erfasst werden. Aber wer darüber berichtet, ist zur Wahrheit verpflichtet. Er muss sich vorher gründlicher informieren. Mit einem WDR-Fernsehfilm über die Truppenverpflegung der Bundeswehr mit dem Titel "Leberkäs für Kabul" sind die Informationslücken nicht zu schließen. Da gäbe ein Bericht über das US-Gefangenenlager Basram, in dem 600 Gefangen ohne Zugang zu den Gerichten unter desaströsen Bedingungen festgehalten werden oder eine Reportage über die kriminellen Aktivitäten des tschadschikischen Gouverneurs der Nordprovinz, Atta-Mohamed Nur, mit dem die ausländischen Militärs kooperieren, eher Aufschluss über die Ursachen der täglichen Gewalt. 
Gegen wen und für wen kämpfen und sterben deutsche Soldaten? Karzais Regierung ist aufgrund von Wahlmanipulationen illegal und ohne jeden moralischen Rückhalt.

 

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