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Eine kleine - sicher nicht umfassende - Zusammenschau des Jahres 2011, von dem zu sagen ist, dass es nicht nur für Anthroposophen spannend war, sondern einer Vielzahl von Menschen sehr eindrücklich gezeigt hat, dass Rudolf Steiner zwar tot ist, seine Ideen und Gedanken aber über den Tag hinaus Bestand haben. von Michael Mentzel
Die Anthroposophie-Szene hat wahrlich ein turbulentes Jahr hinter sich. Mit Fug und Recht lässt sich wohl behaupten, dass dies für alle Bereiche der anthroposophischen Bewegung gelten kann. Wohl kaum ein Tag verging, ohne dass der Name Rudolf Steiner irgendwo in den Medien auftauchte. Die Steiner-Ausstellungen in Wolfsburg, Stuttgart und Wien, die inzwischen im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein angekommen ist, aber auch die Reise des Sonderzuges RS 150 Rudolf Steiner Express von Köln über Kraljevec nach Wien, waren im vergangenen Jahr unbestreitbar die medialen Höhepunkte.
Im Rahmen der Ausstellungen, aber auch darüber hinaus fanden zahlreiche Kulturveranstaltungen statt, begleitet von überwiegend zustimmenden und sachlichen Berichten in Fernseh-, Hörfunk- und Printmedien. Weltweit, so schreibt uns Stephan Siber vom Projektbüro "150 Jahre Rudolf Steiner 2011" aus Wien auf unsere Frage nach seinen nachhaltigen Eindrücken im vergangenen Jahr, gab es anlässlich dieses Jubiläumsjahres rund 400 Veranstaltungen in 30 Ländern und 100 Städten von Manila über Prag und Wien bis Kapstadt, San Francisco und São Paulo: "Aber es fanden auch innerhalb anthroposophischer Zusammenhänge sowie auf diversen eher unscheinbaren Nebenschauplätzen Ereignisse statt, die mir von nicht geringerer Bedeutung erscheinen und über die an anderer Stelle noch in aller Ausführlichkeit berichtet werden wird. So konnte – eigentlich durch einen Zufall – im Zuge von Dreharbeiten für den Film „The Challenge of Rudolf Steiner" zusammen mit dem britischen Regisseur Jonathan Stedall (BBC) das kurz vor dem Abriss stehende Grab des Kräutersammlers Felix Koguzki im niederösterreichischen Trumau in letzter Minute gerettet werden. Bereits im August 2010 wurde schließlich die 1845 gegründete k.k. privilegierte Baumwollspinnerei in Pottschach wiederentdeckt, die Steiner in seiner Autobiographie „Mein Lebensgang" eindrücklich erwähnt, oder das Zimmer Nr. 5 im Hotel Imperial aufgespürt, dass Steiner im Sommer 1922 während des West-Ost-Kongresses im Wiener Musikverein bewohnte. Auch eine eher beiläufige Erwähnung des Namens Heinrich Marianus Deinhardt (1821-1880) durch Peter Selg im Zuge eines Vortrags über Rudolf Steiner und Karl Julius Schröer in Wien, die mich zu eingehenden Nachforschungen über diesen von Rudolf Steiner als „einen der tiefsten Geister Mitteleuropas" bezeichneten Philosophen und Pädagogen veranlasst hat, wird nicht ohne Folgen bleiben."
Diskussionsveranstaltungen zu den verschiedenen Veranstaltungen sorgten weithin für Gesprächsstoff, wobei der Auftritt von Peter Sloterdijk anlässlich der Steiner-Aussstellung in Weil am Rhein zu den spektakulärsten gehören dürfte. Steiner als "ganz normales Genie" zu bezeichnen, darauf musste erst einmal jemand kommen.
Eine nicht geringe Aufmerksamkeit wurde auch den drei Biographien zuteil, die zu Beginn des Jahres 2011 von Miriam Gebhardt, Helmut Zander und Heiner Ullrich vorgelegt wurden, wobei insbesondere das Buch des Religionswissenschaftlers Helmut Zander, der - inzwischen zum Professor geworden und an der Universität Zürich lehrend - einigen Widerspruch und durchaus kritische Kommentare hervorrief. In den letzten Tagen wurde eine Webseite mit dem Titel "Zanders-Zitate-Zauber" online gestellt, die sich eingehend mit den Publikationen von Helmut Zander beschäftigt. Die Idee dieser Webseite - so war zu erfahren - sei von der Arbeitsgruppe der Autoren ausgegangen, die mit ihren Texten zu dem von Rahel Uhlenhoff herausgegebenen Sammelband "Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart" beigetragen haben. Wir werden in der nächsten Zeit darauf zurückkommen.
Der WDR gönnte Steiner anlässlich seines 150. Geburtstages einen ganzen Themen-Tag; ebenfalls vielbeachtet wurde die "Lange Nacht" über Rudolf Steiner im Deutschlandfunk: der Autor Manuel Gogos näherte sich drei Stunden dem Gegenstand seiner Sendung ebenfalls auf wohlwollend kritische Weise.
Im Dezember des Jahres 2010 hatte am Goetheanum in Dornach eine große Medienkonferenz stattgefunden, ausgerichtet von der Medizinischen Sektion am Goetheanum und dem Projektbüro "150 Jahre Rudolf Steiner 2011". Die Resonanz auf diese Konferenz war zu diesem Zeitpunkt zwar einigermaßen verhalten, gleichwohl lässt sich ein Bogen schlagen zu der im November 2011 stattgefundenen Tagung "Öffentlich Wirken", bei der sich rund 180 TeilnehmerInnen in Workshops und Diskussionen austauschten, moderiert und angeleitet von ausgewiesenen - auch nichtanthroposophischen - Medienprofis. Beide Veranstaltungen sollten unter anderem auch dazu dienen, die Anthroposophie einem größeren Publikum bekannt zu machen, wobei die Bochumer Tagung mehr als interne Fortbildung für eine professionellere Öffentlichkeitsarbeit angelegt war.
Michaela Glöckler und Thomas Goeing von der Initiative ELIANT überreichten im Mai 2011 in Brüssel dem Kommissar für Gesundheit und Verbraucherpolitik der Europäischen Kommission, John Dalli, 1 001 671 Unterschriften aus 27 EU-Mitgliedstaaten und ein eigens dazu verfasstes Memorandum mit 15 konkreten Forderungen für rechtliche Massnahmen in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheitswesen, Bildung, Heilpädagogik und Forschung. Im Rahmen der europäischen Bürgerbeteiligung repräsentiert ELIANT damit einen Teil der Bürgergesellschaft Europas, der für nachhaltige Lösungen in den genannten gesellschaftlichen Bereichen eintritt.
Die Jahresversammlung der AGiD, der deutschen Landesgesellschaft der Anthroposophischen Gesellschaft fand 2011 in Weimar statt, auch diesmal, wie 2010 in Bochum, wieder im Rahmen einer öffentlichen Tagung. Titel: "Empfindung Mensch Wirkung Anthroposophie". Die Dokumentation, die gegen eine Gebühr bei der AGiD in Stuttgart bezogen werden kann, gibt einen umfassenden Überblick über die einzelnen Themenbereiche, die im Rahmen dieser Tagung angesprochen und diskutiert wurden. Insbesondere die Transkription des Gesprächs über Anthroposophie und Nationalsozialismus ist aufschlussreich und kann durchaus auch als eine Positionsbestimmung der AAG gesehen werden. Offen, kenntnisreich und ohne den Versuch der Beschönigung wurde auf dem Podium über das wohl dunkelste Kapitel der Anthroposophie im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gesprochen.
Was aber bleibt, jetzt, wo die Geburtstagstorte erst einmal verspeist und der Alltag wieder eingekehrt ist, wenn im kommenden Jahr 2012 ein neues Jubiläumsjahr gefeiert und andere Themen auf den Tagesordnungen stehen? Wir fragten auch Vera Koppehel, ehemalige Rudolf-Steiner-Archivmitarbeiterin (tdz berichtete), die zusammen mit Stephan Siber das Projektbüro „150 Jahre Rudolf Steiner 2011" geleitet und den Sonderzug „Rudolf Steiner Express" auf die Schienen gesetzt hat, nach ihren Eindrücken: "Am 2. Weihnachtsfeiertag 2011 laufe ich durch die Fondation Beyeler in Riehen und treffe auf Vertrautes. Als hier Markus Brüderlin 2004 in seiner Ausstellung ArchiSkulptur ein Modell vom 2. Goetheanum und eine Wandtafelzeichnung integrierte, dachte ich: Das wäre doch wunderschön, wenn dass mit der Anthroposophie zukünftig mal so selbstverständlich sein könnte. Steiner, als einer der ganz grossen Inspiratoren des 20. Jahrhunderts in Zusammenschau mit Architekten und Künstlern. Ein grosser Schritt in diese Richtung hat sich meines Erachtens, zumindest für die kulturkreative Szene im Jahr 2011 vollzogen. Etwas mit Steiner zu tun zu haben, gilt jetzt eher als interessant als so irgendwie komisch und merkwürdig."
Für Vera Koppehel als "Öffentlichkeitsarbeiterin" ist es ganz besonders erfreulich, "dass auch Anthroposophen ihr Interesse an Rudolf Steiner jetzt auch vermehrt öffentlich aussprechen und ihre Quelle nicht mehr verleugnen, weil sie z.B. ihr Unternehmen nicht als ein anthroposophisch abgestempeltes wissen möchten." Sehr wichtig aber ist ihr auch, dass die Arbeit weitergeht: "Und wenn ich 150 Jahre-Jubiläumspreise verleihen dürfte, dann würde einer davon an Sandra Percač nach Kroatien gehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mehr Hilfe bekommen könnte für das entstehende Rudolf Steiner Zentrum in Kraljevec. Für Interessierte gibt es die Möglichkeit, vom 7. bis 10. Juni 2012 an den Steiner-Thementagen teilzunehmen. Wir vom Projektbüro und RS 150-Zugteam werden dann auch dort sein, um gemeinsam neue Weichen für 2012 und vielleicht auch für die kommenden Jahre zu stellen."
In Gesprächen mit offiziellen Repräsentanten, aber auch mit "ganz normalen" Sympathisanten der anthroposophischen Bewegung wurde immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass Rudolf Steiner als "Identifikationsfigur" für eine "bessere Welt" noch nicht ausgedient hat, wenngleich es auch nicht von der Hand zu weisen ist, dass es innerhalb der Bewegung starke Strömungen gibt, die die Anthroposophie nicht mehr als das Zentrum oder den Dreh- und Angelpunkt ihrer spirituellen Ausrichtung sehen, sondern die Anthroposophie häufig als Teil eines Gemischtwarenladens betrachten, dessen Angebot inzwischen durch andere - zum Teil mehr dem New-Age zugewandte - Denkrichtungen bestimmt wird. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich im Oktober 2011 in Hyderabad die offizielle Anthroposophische Gesellschaft Indien begründet hat.
Einiges gäbe es sicher über die Anthro-Internet-Szene zu sagen, auch hier gibt es interessante Entwicklungen, gerade auch im Hinblick auf Facebook, den Begriff "social-media" und die Blogsphäre, jedoch soll dies Gegenstand einer späteren Betrachtung werden.
Auch wenn diese kleine Zusammenschau sich im Besonderen - wenn auch sicherlich nicht umfassend - mit der anthroposophischen Szene beschäftigt hat, darf vielleicht doch ganz allgemein auch im Hinblick auf die aktuelle politische Weltsituation gefragt werden: Was bleibt? Vielleicht die Frage, ob wir angesichts der vorwiegend im Internet prognostizierten Weltuntergangsszenarien am 21.12.2012, dem letzten Tag des Maya-Kalenders, noch einmal so richtig auf den Putz hauen und tatsächlich "unser Oma ihr klein Häuschen", oder das, was davon noch übrig ist, "versaufen" sollen? Wird unser Schicksal mit einem Paukenschlag besiegelt, ein vorgezogener Aschermittwoch - schließlich beginnt die Karnevalszeit am 11.11.12 - seinen Einzug halten und uns mitreißen in einen Strudel von Ereignissen, deren Auswirkungen eine Clique von Untergangs-Plappermäulern während des Jahres 2012 herbeigefaselt haben werden?
Wir von Themen der Zeit werden sehen und freuen uns - hoffentlich gemeinsam mit allen unseren LeserInnen - erst einmal auf 2012!
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